Der griechisch-russische Dirigent mischt mit der Geigerin Vilde Frang die Tonhalle auf. Der politische Streit um seine Person tritt in den Hintergrund, musikalisch stürzt er die Hörer dagegen in heftige Wechselbäder.30.05.2026, 16.33 Uhr4 LeseminutenDer griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis.Alexandra MuravyevaSeit Jahren hat der Musikbetrieb seine liebe Müh und Not mit Teodor Currentzis. Der 54 Jahre alte Dirigent mit griechischen Wurzeln und russischem Pass gehört zu den markantesten Figuren in der heutigen Klassikwelt – und zu den umstrittensten. Er spaltet das Publikum, die Fachkritik und weite Teile der Branche in unversöhnliche Lager. Die einen sehen in ihm einen willkommenen Unruhestifter im angeblich von der Erstarrung bedrohten Biotop der klassischen Musik; andere halten ihn für einen selbstverliebten Windmacher. Unter politischen Gesichtspunkten erscheint er den einen als Opportunist und rückgratloser Mitläufer; wieder andere erklären ihn zum Inbegriff des tragisch zerrissenen Künstlers unter den Zwängen einer Diktatur.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein bisschen viel auf einmal vielleicht – zumal angesichts des Umstands, dass der Mann, quasi nebenher, auch noch musikalische Wunderwerke zur Aufführung bringt, die denn doch sehr viel bedeutender sind und zum Glück auch beständiger als die ganze Aufregung um seine Person. Aber Currentzis-Konzerte sind eben nie nur ein reiner Musikgenuss, bei dem sich die Orchestermusiker samt ihrem alles beherrschenden Chef lediglich als Diener im Weinberg der Kunst begreifen würden. Diese Auftritte sind immer Gesamtkunstwerke, angereichert um überraschende Einfälle, unkonventionelle szenische Momente und ein beträchtliches Mass an raumgreifenden Gesten vonseiten des Charismatikers am Pult.Bei diesem Künstler, der sich abwechselnd als Dandy oder als Guru geriert, aber auch schon einmal im Muscle-Shirt vor seine Jünger tritt, scheint eines nämlich immer klar: Er ist es, der hier ganz im Sinne des eigentlich überholten Maestro-Kults aus dem 19. Jahrhundert genialisch alle Zügel in der Hand hält. Man kann dies egozentrisch finden, auch rückschrittlich und etwas bizarr. Oder eben kantig, eigenwillig und faszinierend – wie wohl die meisten der anderthalbtausend Besucherinnen und Besucher in der ausverkauften Tonhalle Zürich, die dem Maestro beim Tournee-Gastspiel mit seinem Utopia Orchestra im Rahmen der Migros-Konzerte buchstäblich zu Füssen lagen.Kunst und PolitikEin vertrautes Bild, man kennt das ähnlich von zahlreichen früheren Auftritten, etwa an den Salzburger Festspielen, wo Currentzis zu den prägenden Gestalten in der Ära des unlängst geschassten Intendanten Markus Hinterhäuser gehörte. Schon dort gab es indes immer auch Widerspruch und hitzige Diskussionen um diesen Dirigenten.Sie entzündeten sich freilich nie nur an dessen profilierten künstlerischen Leistungen, über die man in der Tat gewinnbringend streiten kann und auch unbedingt streiten sollte. Vielmehr war und ist es bis heute Currentzis’ politische Positionierung, die ihn für manche gleich doppelt zur Reizfigur macht.In der Sache selbst hat sich hier seit vier Jahren nichts Wesentliches verändert: Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 wird Currentzis im Westen verdächtigt, Mitläufer, wenn nicht Parteigänger des Putin-Regimes zu sein, weil er sich die Arbeit und seine in Sankt Petersburg beheimateten «Musica Aeterna»-Ensembles von kremlnahen Institutionen und dem Staatskonzern Gazprom finanzieren lässt.Entsprechend eisern schweigt er zu allen kritischen Fragen. Immerhin deuten wohlwollende Beobachter gerade diesen Opportunismus als Musterbeispiel für das Dilemma eines Künstlers, der nicht bereit oder in der Lage ist, um der moralischen Integrität willen den Weg ins Exil zu gehen – auch deshalb, weil nicht zuletzt die wirtschaftliche Existenz seiner Musiker an ihm hängt.Nach ersten Boykotten und Ausladungen im Westen hat sich Currentzis schon im Sommer 2022 mit dem Utopia Orchestra einen Ausweg aus dem Dilemma geschaffen. Mit diesem multinationalen Ensemble, das offiziell von «europäischen Mäzenen» getragen wird, versucht sich Currentzis seither an einem Spagat zwischen West und Ost. Er kann dabei auch darauf bauen, dass die politischen und moralischen Einwände gegen sein doppeltes Spiel erkennbar leiser werden – oder dass viele Konzertgänger von vornherein wenig Interesse daran hatten.WechselbäderSo wirkt es nun auch in der Tonhalle, wo der Beifall fast keine Grenzen kennt. Rein künstlerisch betrachtet, erscheint der Jubel nach der Aufführung des Violinkonzerts von Alban Berg mit der norwegischen Geigerin Vilde Frang aber auch berechtigt. Genau dies ist die Ambiguität, die man als kritischer Zeitgenosse bei Currentzis-Konzerten im Zweifel aushalten muss.Die norwegische Geigerin Vilde Frang mit Teodor Currentzis in der Zürcher Aufführung des Violinkonzerts von Alban BergQuim Vilar / Migros-Kulturprozent-ClassicsDem Dirigenten und seiner herausragenden Solistin gelingt etwas Besonderes: Sie machen das 1935 als Requiem für Alma Mahlers Tochter Manon Gropius komponierte Konzert («Dem Andenken eines Engels») zu einem fast filmisch anschaulichen Erinnerungsstück, in dem Vilde Frang sogar zeitweilig selbst wie eine Verkörperung des Engels anmutet. Diese Erweiterung um szenische Elemente wirkt keinen Moment aufgesetzt, sie ist vielmehr in Bergs durch und durch programmatisch aufgeladener Musik angelegt.Etwa, wenn die Solistin in fesselnde Dialoge mit anderen Musikern tritt, die dafür vorübergehend aufstehen; oder wenn Frang, eine Vortragsanweisung Bergs weiterführend, die ersten Violinen sinnbildlich an die Hand nimmt, als wolle sie mit ihnen zum elegischen Ausklang directement ins Jenseits entschweben. Dies alles ist plastisch, aber immer geschmackvoll und dank Frangs feinem Ton auch unerhört sensibel gestaltet.In der nachfolgenden 1. Sinfonie von Gustav Mahler, bei der Frang – sehr ungewöhnlich – am Konzertmeisterpult mitspielt, zeigen sich allerdings auch die fragwürdigen Seiten des Dirigenten. Wieder wird hier jedes Detail mit flamboyanter Dringlichkeit gestaltet, die Intensität erinnert mehr als einmal an Leonard Bernstein. Doch wie etliche Interpreten während der Frühzeit der Mahler-Renaissance verzettelt sich Currentzis in diesen überreichen Partituren. Bald zerdehnt er Übergänge bis zum Stillstand, bald überspitzt er vom Komponisten ohnehin zugespitzte Stellen bis an die Grenzen von Kitsch und Karikatur.Das Positive an dieser permanenten Übertreibung: Man bekommt eine Ahnung davon, was für ein ästhetischer Schock Mahlers Musik mit ihrem unbekümmerten Stil-Mix zwischen dem Erhabensten und dem Trivialen um 1900 gewesen sein muss. Gut 125 Jahre später stürzt Currentzis die Hörer immer noch in Wechselbäder, begleitet von teilweise exzessivem Gestikulieren und Grimassieren am Pult. Ob man das als künstlerische Offenbarung empfindet oder schlicht als Schaumschlägerei, liegt in Auge und Ohr des Betrachters. Bei Teodor Currentzis gibt es auch in der Hinsicht keine einfachen Antworten.Teodor Currentzis bei der Aufführung von Gustav Mahlers 1. Sinfonie in der Tonhalle Zürich.Quim Vilar / Migros-Kultuzrprozent-ClassicsPassend zum Artikel