Die Sehnsucht nach dem goldenen Zeitalter, danach, dass wieder alles im Lot ist und stimmt, ist ganz sicher die stabilste unter den Sehnsüchten der Menschen. Denn das Paradies, in dem wir uns im Goldenen Zeitalter aufhalten dürfen, spiegelt ja, seit wir – ob aus der Genesis oder von Hesiod und Ovid – von ihm wissen, die Klage über seinen Verlust wider: Nein, Kinder, schöner wird die Welt nicht und besser sowieso nicht. Lasst uns davon träumen, wie sie einmal war und sein könnte.Hans Carl Artmann, der im Dezember 2000 verstorbene österreichische Schriftsteller, wusste viel von Verlusten und Idyllen, vor allem beherrschte er deren Beschwörung mit allen ihm zur Verfügung stehenden sprachkünstlerischen Mitteln. Das hier in Rede stehende Gedicht von 1975 ist ein die paradiesische Idylle sehr breit angelegt beschwörendes Lied, dessen Rhythmus uns im Nu gefangen nimmt. Sofort rauschen „Am Brunnen vor dem Tore“ und des Müllers Wanderlust gehorsam in unser Gedächtnis.Das Paradies ist endlich schlangenfreiDas ebenso beruhigende wie immer weiter tragende einfache Versmaß hält Artmann mit einer fast unheimlichen Konsequenz durch; so konsequent, dass der Dichter dem Versmaß auch Ungereimtheiten inhaltlicher Art unterjubelt. Jedenfalls wird, vorletzte Strophe, Kaffee nicht zum Speck gebraten, niemand brät Kaffee. Aber: Speck wird stets zum Kaffee gebraten, so liefe das nicht, so sänge das sich nicht. Und weil wir dem Sängerdichter trauen, dem von ihm angestimmten Ton bereits verfallen sind, nehmen wir das hin. Wir trauen uns, getragen von dem Artmann'schen Volksliedton, eine grottenfalsche Aussage umzusingen in eine richtige: Zum Kaffee gibt es gebratenen Speck. Obwohl diese Tatsache uns andersrum erzählt wird im Dichterlied.Im Gedicht bewegen wir uns in einem imaginären Landstrich voller Wunder; allenfalls in der zweiten Strophe der schweizerdeutsche „Ammann“, der durch Assimilation entstandene dortige Amtmann, könnte vermuten lassen, dass wir uns in hügeliger Gegend befinden. In der – vollkommen selbstverständlich – Ameisen die Obrigkeit grüßen und bunte Singvögel, hier der oft in Paradiesgemälden auftauchende Gimpel oder Dompfaff, die Leimruten gekonnt meiden. Vor allem aber ist neben der Herzählung wundersamer Sachen und Verhältnisse die Aufhebung von Gegensätzen der methodische Ansatz, das Paradies zu schildern und zu beschwören. Der Hase als Bewacher von Greifvogeleiern, der (eigentlich bestimmt zielsichere) Jäger, der vorbeischießt (denn das Paradies kennt keinen Tod), die schnupfenfreie Nase, die Abwesenheit von größenwahnsinnigen Führungspersönlichkeiten und, wichtigste Nachricht des Artmann-Tages in der Idylle: Die Schlange haut ab, das Paradies ist endlich schlangenfrei. Zeit für das Einhorn, sich Nahrung von den Menschen zu holen, und zwar das ganze Jahr über, in Juliglut oder Dezemberfrost. Hier ist alles in schöner, bester Bewegung begriffen, das im gesamten Gedicht verwendete tempus praesens zusammen mit der bestechend einfachen Syntax sorgt dafür, dass dieser Zustand Dauerhaftigkeit erlangt und verliehen bekommt.Wo man mit Strudeln (unter den Arm geklemmt?) in der vorletzten Strophe unterwegs ist auf Brautschau, da ist friedliche Fülle angezeigt; kein Wunder, dass man dergestalt auf Sauerkraut zur Wurst altruistisch verzichten kann. Das eigentliche Menschheitsziel beschwört, folge- und kompositionsrichtig, die letzte Strophe – Benefiz, beneficium, ursprünglich ein gesichertes Einkommen aus Grundbesitz, allen gehört alles. Einschließlich einer Vermählung aller mit allen. Denn Artmanns Verse wechseln durchgehend in jeder Strophe einen weiblichen mit einem männlichen Schluss; mehr Umschließung und tönende Paarbildung geht nicht.In diesem idyllischen, zugleich ironisch gebrochenen Gedicht klingt durchaus wahrnehmbar eine kommunistische Grundstimmung an. Denn Kommunismus und Paradiesvorstellung liegen so weit auseinander nicht, wären da nicht die Verhältnisse, die gut Brechtisch eben nicht so sind.H. C. Artmann: „wo land und leut in eintracht hausen“wo land und leut in eintracht hausen, hält auch der tiger fried und heim, im wald ertönt nur holdes brausen, kein gimpel steigt dort auf den leim.die ameis grüßt den amman bieder, der jäger schießt mit fleiß vorbei, in stuben singt man fromme lieder, der has bewacht des habichts ei.die glitschge viper wallt ins fremde, der frosch behauptet forsch das feld, der mond schwebt keusch, doch ohne hemde, ein redlich wort gilt bares geld.die morgen sind aus gold gehäkelt, kein schnupfen hemmt das riechorgan, kein furz wird sonder grund bemäkelt, kein fürst wälzt sich in größenwahn.dort kommt das einhorn wohl ans gatter, man labt es gern mit milch und most, ist ihm aus herzenstief gevatter, in juliglut, dezemberfrost.kaffee wird stets zum speck gebraten, mit strudeln strebt man zu der braut, und sind die würste wohl geraten,verschenkt man alles sauerkraut.so leidet keiner sorg noch nöte, man lebt in freud und heiterkeit, vom frühstück bis zur abendröte ist man zum benefiz bereit!H. C. Artmann: „,Das poetische Werk. Band VIII: Aus meiner Botanisiertrommel – Balladen und Naturgedichte“. Unter Mitwirkung des Autors herausgegeben von Klaus Reichert. Rainer Verlag, Berlin 1993. Vergriffen.Von Stephan Opitz ist zuletzt erschienen: „Kunst im Restauratorium. Über Spiel- und Denkräume in den 50erjahren, ausgehend von einem Essay Peter Rühmkorfs“. Hrsg. von Stephan Opitz und Barbara Potthast, Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 280 S., br., 34,– €.Redaktion Hubert SpiegelGedichtlesung Thomas Huber