Edgar Morins Leben drohte zu enden, bevor es richtig begonnen hatte. Seine Mutter hatte die Spanische Grippe überlebt, doch die Ärzte rieten ihr dringend davon ab, Kinder zu bekommen. Eine Geburt würde ihr geschwächtes Herz wohl nicht verkraften. Daran hielt sich Louna Nahoum nicht: 1921 brachte sie ihren Sohn zur Welt. Er hieß damals noch David Salomon Nahoum. Die kleine jüdische Familie lebte im Pariser Viertel Ménilmontant, der Vater Vidal verkaufte Mützen.Louna starb, als ihr Sohn zehn Jahre alt war – die Katastrophe seines Lebens. Noch bis ins hohe Alter träumte Morin von der Rückkehr der Mutter. Der Aufstieg des Antisemitismus in Frankreich und im Deutschen Reich prägte die Weltsicht des Jungen, der sich früh den Kommunisten anschloss. Sein Weg führte ihn mitten in die Résistance, wo er den Decknamen Edgar Morin annahm. Viele junge Kommunisten bezahlten ihr Engagement mit dem Leben. Mehrfach war es der Zufall – eine Vorahnung, eine Verspätung –, der Morin rettete.Lange blieb er nicht Kommunist. Die Repression gegen Dissidenten schockierte ihn, und diese Erfahrung sollte Leben und Werk dauerhaft prägen. Seitdem sagte und schrieb er stets, was ihn störte. Er legte sich mit allen an, wenn es sein musste. Den Kommunisten galt er fortan als Renegat, den Sozialisten und Gaullisten dagegen als kommunistisches U-Boot. Es ist nur folgerichtig, dass sich Morin ein Leben lang an Michel de Montaigne hielt. Der Autor der „Essais“ ist der Schutzpatron all jener, die Katholiken als Protestanten und vice versa erscheinen oder Linken als Rechte und den Rechten als Linke.Während des Algerienkriegs warnte Morin vor der Möglichkeit eines totalitären Regimes, errichtet von den Befreiern des Landes selbst. Heute würde man ihm zugestehen, damit richtig gelegen zu haben. In den Augen vieler französischer Intellektueller machte er sich mit solchen Einwänden jedoch unmöglich. Lieber folgten sie Sartre. Morin verstand sich stets als Linker aus einer jüdischen und mediterranen Tradition, doch zu beiden Themen hatte er unzählige Anmerkungen und Kritikpunkte, die seine Karriere nicht eben beförderten.Seine eigentliche Heimat wurde das CNRS, die große staatliche Forschungsorganisation Frankreichs, in der wissenschaftliche Neugier oft wichtiger war als akademische Orthodoxie. Morin suchte den Kontakt zu Martin Heidegger ebenso wie später zum islamischen Intellektuellen Tariq Ramadan – und was andere davon hielten, war ihm ziemlich gleichgültig.Im Nahostkonflikt brachte er beide Seiten gegen sich aufWollte man seine in Umfang und Themenvielfalt kaum zu überblickenden Schriften auf einen Nenner bringen, käme man vielleicht auf den Begriff einer ökologischen Anthropologie. Wie lebt der Mensch in Zeiten des Klimawandels, der Überbevölkerung und der technologischen Umwälzung? Weil Morin immer wieder an die Aktualität der Nachrichten und medialen Debatten anknüpfte und damit auch ein großes Publikum erreichte, ging er vielen Kollegen auf die Nerven. Pierre Bourdieu spottete, Morin verkleide Allerweltsgedanken so, dass sie irgendwie wissenschaftlich klängen.Mit den Jahren entwickelte sich sein langes Leben selbst zu seinem eigentlichen Werk. Morin schrieb über seine Eltern, fasste seine wissenschaftlichen Überlegungen in dem sechsbändigen Hauptwerk „La Méthode“ zusammen und mischte sich nach Herzenslust in die Debatten seiner Zeit ein. Immer wieder äußerte er sich zum Nahostkonflikt und schaffte es mühelos, beide Seiten gegen sich aufzubringen.Mit seiner dritten Ehefrau, der Soziologin Sabah Abouessalam, betrieb er seit 2013 einen ökologischen Bauernhof in Marokko. Im Alter wurde er zu einem Star. Jeder französische Präsident seit Nicolas Sarkozy empfing ihn und fragte ihn um Rat. Doch zum Parteigänger taugte Morin nie.Nun ist Edgar Morin mit 104 Jahren gestorben. In ersten Würdigungen lobten Weggefährten wie der Soziologe Jean Viard vor allem seine Freude am Leben: Noch im hohen Alter stand Edgar Morin auf der Bühne eines Festivals und sang begeistert zehn Chansons hintereinander.
Edgar Morin ist tot – der große Soziologe stirbt mit 104 Jahren
Edgar Morin sagte stets, was ihn störte. Vielen Kollegen ging er auf die Nerven, doch im Alter fragten ihn die französischen Präsidenten um Rat. Eine Würdigung.










