PfadnavigationHomeWissenschaftGesichtsattraktivitätWieso sogar Frauen Frauen schöner findenVon Clara OttRessortleiterin Wissen & GesundheitStand: 11:12 UhrLesedauer: 4 MinutenDer Befund ist deshalb interessant, weil er eine alte Annahme erstmals breit empirisch unterfüttertQuelle: Getty Images/Westend61In der Tierwelt sind oft die Männchen die Schönheiten. Beim Menschen scheint es anders zu sein. Eine große Studie zeigt nun, dass Frauengesichter attraktiver bewertet werden als Männergesichter. Finden vor allem Frauen.Darwin hatte es geahnt: In der Natur ist Schönheit oft Männersache. Der Pfau schlägt sein Rad, der Paradiesvogel tanzt, der Hirsch trägt Geweih. Nur der Mensch hat daraus ein anderes Geschäftsmodell gemacht: Bei uns sind die Frauen das „schöne Geschlecht“. Nun liefert eine Studie des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik, was Dating-Apps längst als Feldforschung tarnen: Frauengesichter gelten weltweit als attraktiver im Vergleich zu Männergesichtern.Die Studie, die in den „Proceedings of the Royal Society“ erschienen ist, basiert auf der bislang größten Datensammlung zur Bewertung von Gesichtsattraktivität weltweit. Ein internationales Forschungsteam analysierte Daten von über 28.500 Menschen mit insgesamt mehr als eineinhalb Millionen Bewertungen aus verschiedenen Ländern und Kulturen. In der veröffentlichten Arbeit wird das Phänomen als „Gender Attractiveness Gap“ beschrieben: weibliche Gesichter schneiden in Attraktivitätsurteilen systematisch besser ab als männliche – unabhängig davon, ob Männer oder Frauen bewerten, und unabhängig davon, aus welchem kulturellen Hintergrund die Bewertenden stammen.Lesen Sie auchDer Befund ist deshalb interessant, weil er eine alte Annahme erstmals breit empirisch unterfüttert. In der Originalarbeit schreiben die Autoren, die Idee von Frauen als „beautiful sex“ sei zwar seit Darwin und später auch bei Richard Dawkins Teil wissenschaftlicher und kultureller Debatten gewesen, aber nie systematisch überprüft worden. Genau das holen Studienautor Eugen Wassiliwizky und seine Kollegen nun nach: Nicht die Schönheit selbst wird gemessen, sondern das, was Menschen in Gesichtern als attraktiv bewerten. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.Lesen Sie auchHübsch ist die Pointe, dass Frauen andere Frauen attraktiver finden als Männer es tun. Männer urteilen dagegen strenger. „Besonders interessant ist, dass Frauen andere Frauen deutlich attraktiver bewerten als Männer, während männliche Gesichter von beiden Geschlechtern ähnlich – und insgesamt relativ niedrig – bewertet werden“, sagt Wassiliwizky. Der Unterschied besteht also nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch innerhalb derselben Geschlechtsgruppe.Noch eine Pointe: Das Ergebnis lässt sich nicht sauber auf heterosexuelle Partnerwahl reduzieren. Die Autoren betonen, dass Attraktivitätsurteile offenbar auch allgemeinen ästhetischen Bewertungsmustern folgen, die über sexuelle Präferenz hinausgehen. Frauen wurden nicht nur von Männern, sondern gerade auch von Frauen höher bewertet. Damit wird die einfache Erzählung vom männlichen Blick zwar nicht falsch, aber deutlich zu klein.Ein wesentlicher Teil des Effekts hängt mit der Gesichtsstruktur zusammen. Die Forscher untersuchten in morphometrischen Analysen, also mit quantitativen Verfahren zur Vermessung von Gesichtsformen, wie feminin oder maskulin ein Gesicht gebaut ist. Die Studie legt nahe, dass strukturelle Geschlechtstypik einen erheblichen Teil des Attraktivitätsgefälles erklärt. Vereinfacht gesagt: weiblichere, rundere Gesichtszüge werden im Schnitt attraktiver bewertet als stärker maskuline, kantigere Strukturen. In der Originalarbeit heißt es, ungefähr zwei Drittel des Effekts könnten über solche strukturellen Unterschiede vermittelt sein. Ganz verschwindet der Abstand dadurch aber nicht.„Der GAP ist kein Artefakt oder statistischer Zufall, sondern ein robustes und breit beobachtbares Phänomen“, resümiert Wassiliwizky. „Er lässt sich zum Teil durch Unterschiede in der Gesichtsstruktur erklären, geht in Summe aber darüber hinaus.“ Das ist der eigentlich unbequeme Teil des Befunds: Biologie spielt hinein, Kultur offenbar auch, individuelle Vorlieben sowieso. Aber keine dieser Erklärungen reicht allein.Lesen Sie auchBemerkenswert ist außerdem, was mit dem Alter passiert: Der Abstand zwischen der Attraktivitätsbewertung weiblicher und männlicher Gesichter nimmt mit zunehmendem Alter ab. Bei sehr alten Gesichtern verschwindet er nahezu. Eine plausible Erklärung: Die strukturellen Unterschiede zwischen Männer- und Frauengesichtern werden im Alter geringer; damit schmilzt auch der Vorsprung, den weibliche Gesichter in jüngeren Altersgruppen haben.Tröstliche Erkenntnis des globalen Musters: Bei der Selbsteinschätzung verschwindet der Unterschied. Männer und Frauen halten sich selbst ähnlich gern für vorzeigbar. Der Blick auf sich selbst folgt offenbar anderen Regeln als der Blick auf fremde Gesichter.Insgesamt zeigt die Auswertung, dass Attraktivitätsurteile nicht allein eine Frage individueller Vorlieben sind, sondern aus einem Zusammenspiel von biologischen Merkmalen, individuellen Bewertungsmustern und sozialen Einflüssen resultieren. Die Studie hat dabei auch Grenzen: Sie arbeitet mit Datensätzen, in denen Geschlecht binär erfasst wurde, und sie untersucht Gesichter, nicht Körper, Auftreten, Stimme, Kleidung oder Charisma. Trotzdem ist ihr Befund schwer wegzulächeln. Das „schöne Geschlecht“ ist nicht nur ein alter kultureller Gemeinplatz. Es ist, zumindest beim Blick ins Gesicht, auch ein messbares Muster. Für Transparenz stellen die Forscher alle Daten und Analysen öffentlich zur Verfügung.