Hier wohnt King Charles III., wenn er in Nordirland weilt: Hillsborough CastleQuelle: Tim Rooke - Pool/Getty ImagesNordirland hat den Schatten des Konflikts hinter sich gelassen – und überrascht heute mit spektakulären Küsten, historischen Städten, königlichen Gärten und bewegender Geschichte. Fünf Stationen zeigen, warum sich die Reise trotz Brexit lohnt.Viele Jahrzehnte stand Nordirland für den blutigen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Der ist zwar Geschichte – seit dem Karfreitagsabkommen 1998 ist der Nordosten der irischen Insel befriedet, pro-britische Protestanten und republikanisch gesinnte Katholiken teilen sich die Macht. Doch der Brexit, gegen den im EU-freundlichen Nordirland 56 Prozent der Einwohner stimmten, macht diese Ecke Irlands für Reisende nicht gerade attraktiver.Eine „harte Grenze“ konnte zum Glück verhindert werden; nach wie vor ist der Übergang von Irland, Teil der EU, und Nordirland, Teil des Vereinigten Königreichs, nicht sichtbar, und es finden keine klassischen Grenzkontrollen statt. Zwei Währungen – das britische Pfund im Norden, der Euro in der Republik Irland – waren schon zuvor in Gebrauch.Inzwischen müssen Nordirland-Urlauber aus der EU allerdings einen Reisepass mitbringen; der Personalausweis reicht nicht mehr. Zudem ist für ganz Großbritannien eine elektronische Reisegenehmigung (ETA) nötig, die mindestens drei Tage vorher beantragt werden muss.Doch der Aufwand lohnt sich: Nordirland bietet spektakuläre Küsten, traumhafte Gärten, weite Landschaften, geschichtsträchtige Städte. Wir haben fünf Vorschläge für eine gelungene Rundreise zusammengestellt.Gigantisch: Titanic Quarter, BelfastSuperlative sind in der Heimat der „Titanic“ die Norm: In Belfast steht das weltgrößte „Titanic“-Museum, es thront auf dem riesigen Gelände von Harland & Wolff, einst die größte Werft der Erde.Hier fand seit dem 19. Jahrhundert der Stapellauf vieler neu gebauter Schiffe statt – auch jener der „Titanic“, die kurz darauf sank. Bergab ging es auch mit der Werft, die heute nur noch Wartungen und Reparaturen durchführt. Erfreulicherweise verwandelte man das Gelände in das Wohn- und Geschäftsviertel Titanic Quarter – eines der umfangreichsten Projekte zur Wiederbelebung städtischer Hafenflächen in Europa. Mit Museen, Läden, Lokalen, Büros und dem Hotel „Titanic Belfast“ im historischen Unternehmenssitz der Werft. Das „Titanic“-Museum beeindruckt bereits durch seine Fassade, die aus 3000 silbrigen Aluplatten besteht. Innen berühren Geschichten von der ersten und letzten Fahrt der „Titanic“, die am 15. April 1912 nach der Kollision mit einem Eisberg sank; mehr als 1500 Menschen ertranken im eiskalten Nordatlantik.Das gut gemachte Museum dokumentiert ebenso die maritimen Traditionen Belfasts, vor allem den Bau von Segel- und Dampfschiffen, die dazu führten, dass hier die Idee von riesigen Luxuslinern geboren und umgesetzt wurde. Noch heute wachen über dem Building-Dock der Werft „Samson“ und „Goliath“ – zwei Kräne, die einst Ozeanriesen zusammensetzten – bis 2003 das letzte Schiff vom Stapel ging.Lesen Sie auchDas Hotel „Titanic Belfast“ ist gewissermaßen eine Fortsetzung des Museums gegenüber. Die öffentlichen Räume zieren historische Fotos der Werft, von Atlantikdampfern und prominenten Passagieren.1924 überquerte der Prince of Wales an Bord der „Olympic“ den Atlantik, 1932 kreuzte Winston Churchill an Bord der „Majestic“ in der Karibik. Schiffshandbücher und Notizen von Thomas Andrews, Chefkonstrukteur der „Titanic“, der mit ihr unterging, liegen hinter Glas. Sein Arbeitszimmer ist in Teilen so erhalten, wie er es am Ende seines letzten Arbeitstags 1912 zurückließ. Info: titanicbelfast.comKöniglich: Hillsborough CastleDieses Schloss ist ein Herzensort von King Charles III. Der warme Golfstrom streichelt die Nordküste der Insel und lässt sogar exotische Pflanzen gedeihen. Tatsächlich gibt es kaum einen schöneren Ort, um dies zu erleben, als die Gärten von Hillsborough Castle.Rund 30 Kilometer südlich von Belfast blühen hier je nach Jahreszeit Rhododendren, Magnolien, Azaleen, Passionsblumen und zahlreiche andere Gewächse um die Wette. In einem Tal strecken sich Bäume aus der südlichen Hemisphäre himmelwärts. Von Mauern vor Wind geschützt gedeihen 45 Obstsorten, gut 70 Gemüsearten und ungezählte Blumen. Hillsborough Castle, eher ein stattliches Herrenhaus als ein Schloss, gehörte einst der Adelsfamilie Hill, die es 1922 nach der Teilung Irlands an die britische Regierung verkaufte. Bis heute ist es Amtssitz; in den 90er-Jahren fanden wichtige Friedensgespräche in Hillsborough Castle statt.Es ist zugleich die offizielle Residenz von Charles III. in Nordirland wie auch der Regenten vor ihm. Besucher dürfen das Haus bei Führungen von innen bestaunen – und sogar ins Wohnzimmer des Königs spähen. Bilder, Bücherregale und zahlreiche Familienfotos vermitteln einen erstaunlich privaten Einblick. Lesen Sie auchDie 40 Hektar Grün kann jeder Besucher im eigenen Tempo erkunden. Der damalige Prinz und heutige König beteiligte sich 2014 als Berater höchstselbst an der Umgestaltung der Gärten. Auf der Terrasse ersetzen nun gut 100 Jahre alte Steinplatten aus York ein ödes Kiesfeld, Kräuter und Blumen sprießen aus den Fugen. Über Treppen steigt man hinab in Frühlings- und Sommergarten und labt sich an majestätischer Blütenpracht Info: hrp.org.uk/hillsborough-castleSpektakulär: Giant’s Coast and CausewayTiefblau leuchtet das Meer. Weite, sandige Buchten und hohe Klippen wechseln sich ab mit Fischerdörfern und malerischen Häfen wie Carnlough, einem der nordirischen Drehorte für „Game of Thrones“. Fans des Serienhits werden die Stufen wiedererkennen, die zum Wasser führen und in Staffel 6 von Arya Stark erklommen wurden. An klaren Tagen erkennt man Schottland jenseits des Meeres. Höhepunkt der Küstenstraße zwischen Belfast und Derry ist aber die Unesco-Welterbestätte Giant’s Causeway nahe des für seine Whiskybrennerei berühmten Städtchens Bushmills. Rund 40.000 eckige, rund 60 Millionen Jahre alte Basaltsäulen liegen hier am Fuß hoher Klippen.Der National Trust, im Königreich für Kultur- und Naturerbe zuständig, verwaltet das spektakuläre Stück Küste und hat ein Besucherzentrum mit Café und Ausstellung eingerichtet. Ohne Reservierung ist vor allem am Wochenende nicht viel zu machen.Wer sich angemeldet hat, wandert den Weg zum Meer hinab und kann im Schatten der Klippen über Felsen und steinerne Türmchen klettern. Den Aufstieg danach können Fußmüde sich sparen, indem sie für ein britisches Pfund im Bus zum Besucherzentrum zurückfahren. Info: nationaltrust.org.uk/visit/northern-ireland/giants-causewayUmmauert: Derry/LondonderryFür eine Stadt mit nur 110.000 Einwohnern hat das malerisch am Fluss Foyle gelegene Derry eine Menge erlebt. Sie war Schauplatz des Bloody Sunday, bei dem britische Fallschirmjäger am 30. Januar 1972 innerhalb von 20 Minuten 108 Schüsse abgaben und dabei 14 unbewaffnete katholische Bürgerrechtsdemonstranten erschossen und weitere verletzten, die meisten um die 20 Jahre alt.Es war der Beginn der schwersten Phase des Nordirlandkonflikts, der auf Englisch „The Troubles“ heißt. Zeitweise waren 27.000 britische Soldaten hier stationiert. An Tourismus dachte kein Mensch. Mit dem Karfreitagsabkommen änderte sich das zum Glück. Denn Derry lohnt sich.Es besitzt historische Bausubstanz, ein reges Nachtleben, Irlands ersten Zebrastreifen in Regenbogenfarben und drei wichtige Friedenspreise, deren Trophäen im alten Rathaus ausgestellt sind – einen Friedensnobelpreis, einen Gandhi-Friedenspreis und den Four Freedoms Award, verliehen an den Bürgerrechtler John Hume (1937–2020).Symbole der Versöhnung sind außerdem die Skulptur von zwei Männern, die sich die Hand reichen, und die 2011 errichtete Peace Bridge über den Foyle. Sie verbindet die protestantische Gemeinschaft im Zentrum und die katholische außerhalb.Hauptsehenswürdigkeit ist die 1,6 Kilometer lange, bis zu zehn Meter hohe Stadtmauer, erbaut zwischen 1613 und 1618 – die einzige Anlage ihrer Art in Europa, die in dieser Form noch vollständig intakt erhalten ist. Ihren Ursprung hat sie in der Kolonisierung der Insel durch Engländer, die ihre Neusiedler damit vor feindseligen Iren schützen wollten. Bis in die Gegenwart trennt sie die protestantischen Bewohner des Viertels The Fountain von den katholischen des Bezirks Bogside außerhalb der historischen Mauer.Der Name kommt vom irischen Wort „doire“ (Eichenhain), das die protestantischen Siedler im 16. Jahrhundert zu Derry anglisierten und zum Dank für finanzielle Unterstützung des Mauerbaus aus London zu Londonderry erweiterten. Heute heißt die Stadt offiziell Derry/Londonderry. Faustregel: Die Katholiken, 72 Prozent der Einwohner, wählen die kurze Variante. Info: visitderry.comPoetisch: Seamus Heaney HomeplaceAn einer Wand dürfen Besucher die Titel ihrer Lieblingsgedichte des irischen Literaturnobelpreisträgers Seamus Heaney (1939–2013) mit einem goldenen Sternchen markieren. „Clearances“ über den Tod seiner Mutter und „Midterm Break“ über den des jüngeren Bruders leuchten vor Liebesbekundungen.Mehr als zwölf Jahre nach seinem Tod ist Heaneys Werk lebendig wie eh und je. Das interaktive Kunst- und Literaturzentrum Seamus Heaney Homeplace in seiner Heimat Bellaghy bietet Besuchern mit Filmen, Fotos und Gedichten das Gefühl, den Lyriker geradezu persönlich kennenzulernen.Auf das Wort „Museum“ habe man bewusst verzichtet, erklärt Leiter Brian McCormick, ein Neffe des Dichters. Obwohl Heaney später in der Republik Irland lebte, nimmt die Hälfte seiner Arbeiten Bezug auf seine Heimat, die ländliche Gegend der Grafschaft Londonderry. Reisende können seinen Spuren durch die malerische Landschaft folgen. An fünf Lyrikstationen in der Grafschaft hören sie auf Knopfdruck Heaneys Stimme an genau jenen Orten Gedichte rezitieren, an denen er zu ihnen inspiriert wurde.Open Ground (Freiland) heißt das Projekt, das dabei auch die Vielfalt seiner Heimat sichtbar macht – von der Aalfangstation im Fluss Bann über das Städtchen Magherafelt bis zum See Lough Beg. Auf dem Friedhof der Kirche St. Mary’s in Bellaghy fand Heaney seine letzte Ruhe. Wenige Meter neben den Grabstätten seiner Eltern liegt sein Grab am Rand eines Feldes. Info: seamusheaneyhome.comAuskunft: tourismireland.com; discovernorthernireland.com. Link zum ETA-Antrag für die Einreise nach Großbritannien: gov.uk/etaDie Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Tourism Ireland. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit