Eine gute Geldpolitik lebt vom guten Ruf. Trotzdem geht die Europäische Zentralbank mit dem Projekt des digitalen Euros ein gewaltiges Reputationsrisiko ein. Seit Jahren schon verwendet sie viel Zeit und Geld darauf, den digitalen Euro zu entwickeln und den Bürgern zu erklären. Viele Milliarden Euro wird die Einführung kosten – die EZB, die nationalen Notenbanken im Eurosystem und die privaten Geschäftsbanken, die als Kontaktstelle zum Bürger auftreten sollen. Geht das Projekt, für das die EU noch die Rechtsgrundlage legen muss, schief, wäre der gute Ruf der EZB ganz schön lädiert.Das Risiko ist groß. Nicht wenige seriöse Ökonomen und (ehemalige) Notenbanker sprechen von einer Lösung ohne Problem oder einer Totgeburt. Die Bedingungen des digitalen Euros sind so gesetzt, dass die Nutzung des zugehörigen digitalen Portemonnaies für die Euro-Europäer wenig attraktiv ist. Andere Länder wie Schweden oder die Vereinigten Staaten haben Pläne für ein digitales Zentralbankgeld schon aufgegeben.Dünne ArgumenteDas wichtigste Argument der Befürworter ist die Souveränität geworden. Der digitale Euro solle die Abhängigkeit von amerikanischen Zahlungsdienstleistern wie Mastercard oder Visa verringern, heißt es. Das Risiko, dass diese Dienste abgeschaltet werden könnten, wird mit dem Namen Donald Trump verknüpft. Doch wie überzeugend ist ein europäisches Großprojekt, wenn sein Wert argumentativ daran hängt, wen die Amerikaner zum Präsidenten wählen? Spräche Europa noch über den digitalen Euro, wenn Kamala Harris im Weißen Haus säße?Nun kann man fordern, dass die Europäer zahlungstechnisch unabhängiger vom Ausland werden sollten. Doch den digitalen Euro braucht es dafür nicht. Das ist leicht zu verstehen. Der digitale Euro ist gedacht als Zahlungsverkehrssystem und als digitaler Zwilling des Bargelds, als eine neue Form von Zentralbankgeld. Für zahlungstechnische Autonomie hilft der Zwillingspart nicht, man braucht das Zahlungssystem. Im Kern ist das in Europa mit dem SEPA-System für Banküberweisungen gegeben. Privaten Geschäftsbanken in Europa fällt es freilich seit Jahren schwer, SEPA ergänzende Dienste in Konkurrenz zu Mastercard oder Visa aufzubauen, die zum Beispiel im ganzen Euroraum das digitale Bezahlen an der Kasse ermöglichen. Will die EZB nur mehr Autonomie, könnte sie mehr Druck auf die Banken machen, anstatt ein Konkurrenzsystem zu errichten. Das entspräche dem subsidiären Gedanken des Vorrangs privater vor staatlichen Lösungen, der der Marktwirtschaft eigen ist.Monetärer AnkerDie EZB sagt auch, dass sie den digitalen Euro für ihre Geldpolitik brauche, sollten die Bürger mal ganz auf das Bargeld verzichten. Der digitale Euro müsse dann als monetärer Anker dienen. Das ist nicht plausibel. Solange die EZB den Geschäftsbanken Mindestreservepflichten auferlegen kann, ist technisch die Basis für die Geldpolitik gelegt. Und solange die EZB ihrer Aufgabe nachkommt und den Geldwert stabil hält, muss sie sich nicht sorgen, dass die Euro-Europäer dem Euro in großen Scharen davonliefen und sich anderen digitalen Währungen als Zahlungs- oder als Rechenmittel zuwendeten. Wie an ihre eigene Sprache sind die Menschen gewohnt, in ihrer Währung zu rechnen. Da müsste die EZB schon Hyperinflationen zulassen, bevor die Europäer ihre monetäre Sprache aufgeben. Dann aber hätte Europa ein ganz anderes Problem, als über den digitalen Euro zu sinnieren.Die ermüdende Diskussion über die EZB-Pläne führt manche Beobachter ein wenig resignierend zu dem Schluss, dass der digitale Euro nicht viel nutzen, aber auch nicht schaden werde. Das ist zu kurz gedacht. Es gilt das Kartoffeltheorem, wonach die Kartoffeln gegessen werden, wenn sie auf den Tisch kommen. Nehmen die Bürger den digitalen Euro nicht an, dürfte die EZB andere Wege zum Erfolg suchen. Nicht nur im Krisenfall stiege dann der Druck, die Obergrenze für das digitale Portemonnaie von 3000 oder weniger Euro anzuheben oder aufzugeben. Der Weg wäre so frei für die Bürger, Guthaben in großem Stil von den Geschäftsbanken auf das Zentralbankgeldkonto des digitalen Euros zu verschieben.Das wäre ein harter Eingriff in die Arbeitsteilung, wonach Geschäftsbanken sich mit geschöpftem Giralgeld um die Kreditversorgung und die Zentralbank sich mit Zentralbankgeld um die Geldwertstabilität kümmern. Anders gesagt: Es droht im Extrem eine Bilanzverlängerung der EZB, die mit der Gefahr einhergeht, dass sie mit dem Ankauf von Staatsanleihen oder anderer Wertpapiere noch mehr in die Finanzpolitik und die Wirtschaft hineinwirkt. Dieser Preis für den digitalen Euro wäre zu hoch.