GastkommentarEliane PerretLernen ist ein sozial vermittelter und vollzogener Prozess, kein individuellerPädagogische Trends folgen derzeit der Maxime, dass Kinder neue Lernfelder möglichst autonom erarbeiten. Doch wie in der Familie sind auch in der Schule die Interaktionspartner zentral. Der Schwerpunkt des Schulunterrichts sollte im dialogischen Lernen liegen.30.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKinder und Jugendliche brauchen in Familie und Schule den Rückhalt im Echo des Gegenübers.ImagoDie Diskussion, wie wir unsere Kinder und Jugendlichen in unseren Schulen so bilden können, dass sie für ein verantwortungsbewusstes, mit den Mitmenschen verbundenes und freies Leben als Erwachsene vorbereitet sind, ist wieder vermehrt in Gang gekommen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es fällt jedoch auf, dass mögliche Reformprojekte oft auf eine strukturelle Ebene fokussiert sind. Das ist nicht falsch, aber es fehlt die Frage, ob sie den sozial-emotionalen und kognitiven Grundbedürfnissen eines Kindes oder Jugendlichen tatsächlich entsprechen. Das wäre die Richtschnur dafür, wo Veränderungen angebracht und sinnvoll sind.Zwischenmenschlicher VerbundZu den heute allgemein anerkannten Eckpunkten humanwissenschaftlicher Forschung gehört das Wissen um die jedem Menschen innewohnende Sozialität. Schon in den ersten Lebensmonaten zeigt sich, dass Kinder keine bindungslosen Einzelwesen und auch keine unfertigen Erwachsenen sind. Sie können die ihnen auferlegten Entwicklungsaufgaben deshalb nur dann mit Zuversicht und Mut angehen und sich in ihrer Persönlichkeit frei entfalten, wenn sie sich bei ihren Beziehungspersonen und im zwischenmenschlichen Verbund verstanden, aufgehoben und getragen fühlen.Deshalb sind ihre Interaktionspartner in Familie und Schule und ihre sozialen und gesellschaftlichen Umgebungsbedingungen essenziell. Sie sind wesentlich für die Chance einer freien Entwicklung der Individualität und Entfaltung des kindlichen Potenzials. Wo dies fehlt oder unzureichend ist, stagniert die Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen.Eine damit verbundene psychische Obdachlosigkeit kann sich in einer Vielzahl von Symptomen wie Unkonzentriertheit, Impulsivität und auffallender Umtriebigkeit oder im Rückzug aus dem sozialen Umfeld und in Verweigerung, in depressiver Gestimmtheit oder auch der exzessiven Hinwendung zu sehr spezifischen Interessen äussern.Aus solchen durch viele Studien verifizierten Beobachtungen ergeben sich wichtige Hinweise für die Gestaltung von Unterricht und Schule: Lernen ist ein sozial vermittelter und vollzogener Prozess und kein individualistischer Vorgang, bei dem sich Kinder oder Jugendliche als Ich-AG den Lernstoff mit unterschiedlichen Lernprogrammen selbst aneignen.Dialogisches Lernen als SchwerpunktDer Schwerpunkt des Unterrichts muss deshalb bei altersgemäss angepassten Formen dialogischen Lernens liegen. Dabei erarbeiten sich die Schüler gemeinsam den Unterrichtsstoff, angeleitet durch ihre Lehrpersonen. Dieser Lernprozess ist für alle Beteiligten gewinnbringend, steht jedoch in Widerspruch zu derzeitigen pädagogischen Trends. Diese folgen der Maxime, Kinder möglichst wenig anzuleiten. Sie sollen neue Lernfelder möglichst autonom durch eigenes Forschen «entdecken» (das heisst durch Beobachten und Ausprobieren).Aktuelle wissenschaftliche Befunde und nationale und internationale Lernstandserhebungen verweisen jedoch darauf, dass sich in einem solchen Lern-Setting die Schere zwischen leistungsstarken und -schwachen Kindern stark öffnet. Nur ein sehr kleiner Teil der Kinder und Jugendlichen kann – oft unterstützt durch Nachhilfeunterricht – in einem so gestalteten Unterricht bestehen, während sich die übrigen mit Raten oder Schummeln behelfen oder mutlos in wenig konstruktive Aktivitäten abgleiten (und auf diese Weise ihre Versagensgefühle überspielen).Nicht nur sie, sondern alle Kinder brauchen in Familie und Schule den Rückhalt im Echo des Gegenübers und in verbindlichen zwischenmenschlichen Erfahrungen mit Lob, Ermutigung, Bestärkung, aber auch konstruktiver Kritik. Er ist die Quelle dafür, dass ein Kind die in ihm schlummernden Entwicklungspotenziale ausbilden kann; er ist der Weg dafür, dass es sein Gefühl der Selbstwirksamkeit bestärken kann und inneres Wachstum gefördert wird. Das gibt ihm Mut und Zuversicht, neue Aufgaben erfolgreich angehen und lösen zu können.Mit dialogischem Lernen verbunden ist auch die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes. Es ist ein wichtiges Übungsfeld für die Entwicklung von Einfühlungsvermögen und Mitmenschlichkeit, woraus sich wiederum der natürliche Wunsch nach einem gleichwertigen, kooperativen Zusammenleben in unserer Gesellschaft nährt.Ob für diese Entwicklungsschritte ein grosser gemeinsamer Klassenverband für alle Kinder das richtige soziale Umfeld ist, muss in sorgfältiger Beobachtung geklärt werden. Wie die Erfahrung zeigt, kann ein kleineres soziales Umfeld, eine Anleitung in kleinen Schritten und die enge Begleitung durch eine Lehrperson für ein Kind oder einen Jugendlichen sehr entlastend sein. Dann schöpfen viele wieder Mut, sich den Anforderungen zu stellen und für sich eine neue Perspektive und Zuversicht für die Zukunft zu entwickeln.Dies gilt gerade auch für Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Sie müssen diese neue Sprache in einem Umfeld lernen können, in welchem sie sich in ihrer kulturellen und sprachlichen Herkunft angenommen und geschätzt fühlen – eine Voraussetzung dafür, eine neue Sprache zu lernen und sich auch in ihr zu beheimaten.Beim dialogischen Lernen sind die Lehrpersonen als Mitmenschen gefragt, nicht als Coaches, nicht als Organisatoren von Lernprozessen, sondern als wichtige ausserfamiliäre Bezugspersonen. In dieser Rolle können sie das Potenzial, aber auch mögliche Fehlentwicklungen frühzeitig erkennen und durch entsprechendes Fördern und Fordern korrigierend eingreifen. Beziehung wird zum entscheidenden Wirkfaktor. Dies muss wieder Ausgangspunkt für Bildungsbemühungen und Reformkonzepte von Schulen sein und sich in den Grundlagen für Lehrpläne, Ausbildungskonzepte und Unterrichtsgestaltung abbilden. Nur dann werden sie den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen gerecht.Eliane Perret ist Psychologin und Heilpädagogin; sie war Schulleiterin an einer Tagessonderschule.Passend zum Artikel