In Tirol steht Europas letzte Penicillin-Produktion. Ihr Fortbestehen hängt davon ab, wie viel das öffentliche Gesundheitswesen für die Basismedikamente zu bezahlen bereit ist.30.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenTrügerische Idylle: Das Sandoz-Werk in Kundl operiert in einem Umfeld mit knappen Margen.PDIm Trachtenladen in Kufstein kann man gerade ein Schnäppchen machen: Dirndl und Lederhosen werden in der Tiroler Kleinstadt zum halben Preis verkauft. Nur ein paar Ortschaften im Inntal weiter ist es ein Ausverkauf ganz anderer Art, der Sandoz-Chef Richard Saynor beunruhigt: Die Preise für den Antibiotika-Grundstoff, den der Schweizer Generikahersteller dort im Werk Kundl produziert, sind innerhalb eines Jahres um 57 Prozent gesunken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Grund für den jüngsten Preiszerfall sind die Kampfpreise, zu denen die chinesischen Konkurrenten ihre Ware auf den Markt werfen. Diese Verbilligung des wichtigsten Bestandteils geschieht bei einem Produkt, das sich in den letzten Jahren ohnehin schon stark vergünstigt hat.«Eine Tagesdosis Antibiotika kostet in der Schweiz halb so viel wie ein Cappuccino – oder sogar noch weniger», sagt Saynor bei einem Gespräch in Kundl, «doch ohne diese essenziellen Medikamente kann unser Gesundheitswesen nicht funktionieren.»Richard Saynor, CEO SandozPDEs ist das Paradox der Antibiotika: Sie sind unerlässlich, und trotzdem wollen Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt jedes Jahr weniger dafür zahlen.Für Sandoz ist das ein Problem. Denn irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem sich der Betrieb des riesigen Werks in Kundl nicht mehr lohnt. Der Industriekomplex im grünen Alpental ist der letzte grosse, voll integrierte Standort in der westlichen Welt für die Herstellung von Penicillin, dem am meisten verwendeten Antibiotikum.Eigentlich feierte das Unternehmen diese Woche 80 Jahre Antibiotikaproduktion an dem Ort. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte ein französischer Offizier in einer ehemaligen Bierbrauerei mit der Herstellung von Penicillin begonnen. Doch der Festakt auf dem Areal stand im Zeichen der Frage, was die Zukunft für das traditionsreiche Werk bringt.Im Moment wirtschafte Kundl gerade noch knapp profitabel, sagt Saynor. «Aber wenn wir die Anlage mit 2400 Arbeitsplätzen schliessen müssten, wäre sie für immer weg.» Denn der Bau einer neuen Antibiotikafabrik irgendwo auf der Welt würde einige Milliarden Dollar kosten, schätzt der Sandoz-Chef. Und so eine Investition lohne sich angesichts der tiefen Preise nicht.Zucker für den SchimmelpilzDer Prozess für die Herstellung von Penicillin ist in Kundl über mehrere Gebäude verteilt, die über ein Rohrleitungssystem miteinander verbunden sind. Herzstück der weitläufigen Anlage sind zehn Fermenter. Diese Stahltanks, die mehrere Stockwerke hoch sind, fassen je 250 000 Liter, also insgesamt ungefähr so viel wie ein olympisches 50-Meter-Schwimmbecken. Darin wird ein Schimmelpilz gezüchtet, der das Penicillin produziert. Ein grosser Teil der Energie für die Produktion wird für das Rühren dieses bräunlichen Breis benötigt. Einen undefinierbaren Geruch kann man selbst ausserhalb des Gebäudes auf dem Gelände wahrnehmen.Die Fermenter bilden das Herzstück der Penicillin-Produktion in Kundl.PDAls Nährstoff für diese Kulturen dient flüssiger Zucker, der fortlaufend in Tanklastwagen angeliefert wird, während nebenan im Festzelt Vertreter aus der österreichischen Politik ihre Grussbotschaften überbringen.Als zu Beginn des Ukraine-Krieges der Zucker knapp wurde, griffen die Produktionsverantwortlichen auf Laktose aus der lokalen Käseproduktion zurück – und realisierten, dass sich diese noch besser eignet.Die Inder schlagen zurückDie Funktionsweise dieses kleinen Ökosystems wird nun aufgrund geopolitischer Veränderungen auf die Probe gestellt. Die Zeiten, als Pharmakonzerne wie Roche mit Antibiotika viel Geld verdient haben, sind schon lange vorbei. Seit dem Ablauf der Patente hat sich die Produktion schrittweise nach Asien verlagert. Heute werden rund 90 Prozent der Wirkstoffe für Antibiotika ausserhalb von Europa produziert, fast ausschliesslich in China.Diese Abhängigkeit von China wollte sich Indien, früher selbst ein wichtiger Hersteller, nicht mehr bieten lassen. Gefördert vom Staat baute ein indisches Unternehmen in den letzten Jahren eine eigenständige Wirkstoffproduktion im Land auf. Dies wiederum veranlasste die chinesischen Hersteller, ihre Preise drastisch zu senken.Doch Indien konterte diesen Angriff auf seinen neuen inländischen Produzenten schon bald: Das Land legte einen Minimum-Importpreis fest, unter dem kein Wirkstoff ins Land eingeführt werden durfte. Dadurch, dass China weniger nach Indien liefern konnte, standen die chinesischen Hersteller erst recht unter Druck, ihre Ware billig im Rest der Welt loszuschlagen. Zu den Kunden gehören insbesondere Hersteller in Europa, die mit dem chinesischen Wirkstoff Antibiotika-Tabletten, Sirup oder Injektionslösungen produzieren.In Kundl verarbeitet Sandoz den Penicillin-Wirkstoff auch zu verschiedenen Darreichungsformen weiter – wie Tabletten, Spritzen oder Pulver, das zu einem Sirup angerührt werden kann.Peter Ginter FotografieDeshalb hat Sandoz als letzter grosser westlicher Penicillin-Hersteller im März von der Europäischen Kommission offiziell eine Untersuchung gegen die Dumpingpreise der chinesischen Produzenten gefordert. Unterdessen habe sich die Kommission bei Saynor gemeldet und um ein Treffen gebeten.Um den Vorwurf des Dumpings zu erhärten, muss eine Untersuchung allerdings beweisen, dass die chinesischen Hersteller ihre Wirkstoffe tatsächlich unter den Produktionskosten feilbieten. «Wir würden die ganze Mühe nicht auf uns nehmen, wenn wir nicht davon überzeugt wären», sagt Saynor. «Wir wissen, wie viel es kostet, diese Wirkstoffe zu produzieren.»Wo liegt die Schmerzgrenze?Immerhin sieht Saynor Anzeichen eines Umdenkens wie etwa die Critical Medicines Act, auf die sich die Politik in der EU geeinigt hat. Diese gibt europäischen Herstellern zum Beispiel Vorteile bei öffentlichen Beschaffungsaufträgen. «Wenn ich mit Regierungen über die Antibiotika-Thematik spreche, dann geben mir alle recht», sagt Saynor. «Aber jetzt muss auch etwas passieren.»Und wenn nichts passiert, wie lange ist Saynor bereit, an Kundl festzuhalten? Finanziell gesehen ist das Antibiotikageschäft für den Konzern von der Bedeutung her relativ bescheiden. Sandoz selbst gibt zur Grösse keine Zahlen bekannt. Doch ginge man vereinfacht von der maximalen Produktionskapazität von 240 Millionen Packungen aus, könnte der Umsatz rund eine Milliarde Dollar betragen – dies bei einem Jahresumsatz des Gesamtkonzerns von über 11 Milliarden Dollar.Der Firmenchef sieht den Weiterbetrieb von Kundl als Teil der sozialen Verantwortung. Die Penicillin-Produktion hat aber noch einen anderen Vorteil für Sandoz: Antibiotika verschaffen dem Unternehmen einen guten Zugang zu Regierungen auf der ganzen Welt, was auch für das Kerngeschäft mit Nachahmermedikamenten hilfreich ist. «Wenn ich im Pentagon oder im Weissen Haus frage: ‹Wollen Sie beim Penicillin lieber von China oder von Österreich abhängig sein?›, dann macht das Eindruck.»Die Schweiz nennt Saynor als positives Beispiel, weil das Land in den vergangenen Monaten auf weitere Preissenkungen bei Antibiotika verzichtet hat. Letztlich gehe es nicht um riesige Beträge, die es brauchen würde, damit sich das Geschäft wieder rechne. Eine Erhöhung der Fabrikabgabepreise, also dessen, was die Industrie für die Medikamente erhält, um fünf bis zehn Prozent wäre für Saynor schon ein grosser Schritt.Ebenfalls wichtig sei die Planbarkeit: «In der Pandemie war es schwieriger, Medikamente von Italien nach Deutschland zu bringen als von Indien nach Europa. Denn jede Regierung wollte ihre Bevölkerung schützen.» Danach, erinnert sich der Sandoz-Chef, sagten alle, es brauche mehr Produktion in Europa und eine bessere Kooperation. «Aber nichts ist passiert, wir sind zurück im alten Muster, wo es nur noch um den tiefsten Preis geht.»So rasch ist in Kundl keine Entspannung in Sicht.Passend zum Artikel