KommentarMacron, Merz und Starmer – drei Anführer aus einer Welt von gesternDie führenden Politiker Europas stecken in der Krise. Macron, Merz und Starmer schlafwandeln in ihre Bedeutungslosigkeit. Das nationale Denken ist auf dem Vormarsch.30.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZEuropas Politik findet in einem seltsamen Vakuum statt. Emmanuel Macron, Friedrich Merz und Keir Starmer verstehen sich als das Führungstrio Europas unter dem Label E3, aber alles deutet darauf hin, dass diese Politiker bereits jetzt Gestalten der Vergangenheit sind. Sie handeln noch, aber ihre Zeit ist schon abgelaufen. Merz und Macron haben zwar die Legitimation ihrer Ämter, doch das Volk hat sich von ihnen verabschiedet. 76 Prozent sind mit Merz unzufrieden, 75 Prozent mit Macron. Bei Starmer sieht es laut dem Institut Morning Consult mit 65 Prozent etwas besser aus, aber alles andere als befriedigend.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei allen Unterschieden sind diese Politiker angetreten, um ihre polarisierten Länder zu einen und die Rechtspopulisten zu verhindern. Zum Teil geschah dies mit inbrünstigen Appellen und mit den höchsten Selbstansprüchen. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder nannte die schwarz-rote Koalition unter Merz etwa «die letzte Patrone der Demokratie». Zurzeit sieht es so aus, als hätte Merz diese Patrone in die Luft verschossen. Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich und in Grossbritannien führen die Rechtspopulisten die Umfragen klar an.Macron hat sich mit der Auflösung des Parlaments 2024 selbst den K.-o.-Schlag verpasst. Seither ist der Staat noch handlungsunfähiger, drei politische Blöcke heben sich im Parlament gegenseitig auf. Sein wichtigstes Wahlversprechen, eine dringend nötige Rentenreform, hat der Präsident abgeblasen. So dümpelt das Land hoch verschuldet vor sich hin. Die Selbstverliebtheit ihres Präsidenten ist den Franzosen unerträglich geworden. Ähnlich geht es den Briten mit Starmers Nüchternheit und seiner Unfähigkeit, zu führen. Während Macron längst eine «lame duck» ist, die, wenn sie noch wollte, keine Reformen auf den Weg bringen kann, ist Starmer einfach erschlafft. Hier wartet man auf den Rücktritt.Flucht in die AussenpolitikEtwas anders liegt der Fall von Friedrich Merz. Er ist ein energischer und manchmal sogar polternder bürgerlicher Redner, der eine enttäuschende sozialdemokratische Politik macht. Sein Führungsanspruch ist unüberhörbar, allerdings fehlt es ihm an der Gefolgschaft. Jenseits der Migrationspolitik hat Merz innert kürzester Zeit sämtliche Wahlversprechen verraten. Prototypisch dafür steht sein Bruch mit der Schuldenbremse.Merz glaubte, dass seine Schuldenpolitik unter der Chiffre «Sondervermögen» bald verziehen und vergessen sein würde, wenn die deutsche Wirtschaft erst einmal wieder brummt. Es kam anders, und das ist ein entlastender Faktor. Die wirtschaftliche Stagnation in den drei Ländern ist auch stark von der Geopolitik geprägt. So sind die Bilanzen zurzeit belastet vom Handelskrieg mit den USA und den Folgen des Iran-Kriegs. Allerdings waren die Herausforderungen vorangehender Regierungen mit Corona und dem Angriff Putins auf die Ukraine nicht kleiner. Auf ruhige Zeiten zu spekulieren, ist fahrlässig.Je dürftiger die innenpolitischen Erfolge, desto mehr scheint sich das unglückliche Trio auf die Aussenpolitik zu kaprizieren. Der deutsche Aussenminister Wadephul bezeichnete die E3 etwa als «arbeitenden Muskel Europas». Davon ist wenig zu spüren. Bei Themen wie der Palästinafrage oder dem Kauf amerikanischer Waffen sind die drei Anführer zerstritten. Zwar warnen sie permanent vor einer russischen Gefahr für ganz Europa, nach über vier Jahren Krieg in der Ukraine ist der Kontinent aber noch nicht ansatzweise verteidigungsbereit. Fatalerweise kommt hinzu, dass das aussenpolitische Engagement die innenpolitische Krise nur verschärft. Es entsteht der berechtigte Eindruck, dass diese Politiker vor ihrer dringlichsten Aufgabe flüchten: die Probleme im eigenen Land zu lösen.Ist das Volk selbst schuld?Gemessen an den Ansprüchen der Regierungen in Berlin, Paris und London ist die Lage katastrophal. Denn es sieht schwer danach aus, dass Macron, Merz und Starmer nicht die Verhinderer der Rechtspopulisten sind, sondern deren Wegbereiter. Aber kann es die Politik den Leuten heute überhaupt noch recht machen? Oder ist am Ende das Volk selbst schuld?Die Idee klingt erst einmal verlockend und für die Politiker geradezu gemütlich. Denn in den Fokus der Problemanalyse würde nicht primär die Politik geraten, sondern der Bürger mit seiner Passivität oder seinen widersprüchlichen oder uneinlösbaren Erwartungen. Solche Ambivalenzen spielen eine Rolle, zum Beispiel bei der Frage der Wehrpflicht, wo sich viele Bürger auf den Standpunkt stellen, dass sie das Land gern verteidigt sehen, damit aber nichts zu tun haben wollen. Oder bei der Pension, um die sich viele sorgen, aber allein beim Gedanken, dass das Rentenalter angehoben werden könnte, empört reagieren. Mehr selbstverantwortliches Denken ist wichtig, aber damit hat man die Tiefe der europäischen Krise noch zu wenig erfasst.Die Entfremdung von der PolitikUm einmal beim deutschen Problemfall zu bleiben: Die Frustration vieler Bürger rührt auch daher, dass ihnen ein Politikwechsel versprochen wurde und dieser nicht stattfindet. Kumuliert haben mehr als 50 Prozent «rechts» gestimmt, also für CDU/CSU, AfD und FDP. Abgespeist werden sie aber mit einer Politik, die nahtlos an die Merkel- und Scholz-Jahre anknüpft. Zu erwarten, dass dies die Bürger fröhlich und zufrieden stimmt, wäre zu viel verlangt.Wer Rechtspopulismus bekämpfen will, muss verstehen, warum diese Parteien so populär geworden sind. Sie reagieren auf einen realen Kontrollverlust. Zwei Phänomene sind dabei zentral: Zum einen die Migration und alle Fragen, die damit verbunden sind. Das reicht von Kriminalität, Islamismus bis hin zum Gefühl von Heimatverlust. Mittlerweile haben auch die etablierten Parteien begriffen, dass sie mit der alten Multikulti-Attitüde nicht mehr durchkommen. Hier hat sich die europäische Politik bewegt, wenn auch in den Augen vieler Bürger noch viel zu wenig.Das zweite Phänomen ist fundamentaler: Der Nationalstaat hat stark an Bedeutung verloren, gleichzeitig ist die EU nur bedingt ein Identitätsraum geworden. Der Wille des Volks wird von engmaschigen Gesetzen immer mehr eingeschnürt. Indem die Europäische Union viele politische Fragen dem Mehrheitswillen entzogen hat, ist die Entfremdung der Bürger vom politischen Betrieb gewachsen. Die etablierten Parteien verlieren an Bedeutung, ebenso die nationalen Parlamente. Die Entscheidungen fallen anderswo. Der deutsche Politologe Philip Manow sieht genau darin die Ursache für den Aufstieg populistischer Parteien in Europa. Populismus sei ein «Aufstand gegen die Entmachtung der Nationalstaaten, weil diese in Kernbereichen keine echten Entscheidungsspielräume mehr haben».Warnung vor dem NationalismusAuf dieses Problem reagiert die europäische Politik bis anhin gar nicht oder nur kontraproduktiv: Der Wunsch nach mehr Mitsprache wird als gefährlicher Nationalismus bekämpft und der europäische Gedanke umso leidenschaftlicher beschworen. Auf Dauer wird das nicht gutgehen, im Gegenteil: Die Entfremdung zwischen dem politischen Establishment und den Bürgern wird sich weiter vertiefen, und daraus schöpfen die rechtspopulistischen Parteien ihre Energie.Deshalb reicht es nicht, den Bürgern mehr Selbstverantwortung zu predigen. Es reicht auch nicht, melodramatisch vor dem Ende der Demokratie zu warnen oder darauf zu hoffen, dass sich Rechtspopulisten, wenn sie denn reagieren, selbst «entzaubern», wie es immer so schön heisst. Die EU selbst muss sich verändern.Es mag noch wie eine ferne Zukunftsmusik klingen, aber dieses strukturelle Problem wird nur zu lösen sein, wenn sich Brüssel eine schmerzhafte Selbstbeschränkung verordnet. Im Grunde muss die EU nur zwei Aufgaben erledigen: den freien Handel zwischen den Mitgliedern gewährleisten sowie eine Verteidigungsunion mit einem robusten Aussengrenzschutz entwickeln. Daneben brauchen die Nationalstaaten wieder deutlich mehr Freiheiten und Handlungsspielraum. In den Nationalstaaten selbst sollten direktdemokratische Elemente künftig eine grössere Rolle spielen. Sie führen dazu, dass die Regierung nicht am Volk vorbeipolitisieren kann, wie das heute geschieht.Wer die Krise lösen will, muss sich der Ohnmacht der Bürger in Europa stellen. Dies zu tun, wäre kein Kniefall vor den Rechtspopulisten. Ziel müsste es sein, die Bürger verstärkt in die Politik einzubinden. Das wäre die Aufgabe der E3, wenn sie dem Rechtspopulismus wirklich die Grundlage entziehen möchten. So aber läuft alles darauf hinaus, dass Macron, Merz und Starmer krachend scheitern. Sie schlafwandeln in ihre politische Bedeutungslosigkeit.Passend zum Artikel
Macron, Merz und Starmer – drei Anführer aus einer Welt von gestern
Die führenden Politiker Europas stecken in der Krise. Macron, Merz und Starmer schlafwandeln in ihre Bedeutungslosigkeit. Das nationale Denken ist auf dem Vormarsch.






