Blick in die Werkstatt: Wie die Oper zum Spiegel des Weltgeschehens wirdSalvatore Sciarrino verwebt in seinem neuen Bühnenwerk über den antiken Kriegsherrn Agamemnon den Mythos auf packende Weise mit der Gegenwart. Während der Endproben in Bern hat er sich über die Schulter schauen lassen.Marco Frei, Bern30.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenNiemand glaubt ihren düsteren Prophezeiungen: Patricia Westley als Cassandra in «L’Agamennone» von Salvatore Sciarrino in Bern.Tanja Dorendorf / Bühnen BernDer Steg beherrscht das ganze Theater: Er führt aus einem steinernen Tor im Bühnenhintergrund weit hinein ins Parkett und wieder hinaus durch ein weiteres Tor im Zuschauerraum. Der Steg ist der Weg, der Troja mit Argos verbindet, der Heimat von Agamemnon. Mit seinen griechischen Heerscharen hat der Held der Antike Troja zerstört und ist dafür über Leichen gegangen. Er hat sogar die eigene Tochter Iphigenie geopfert. Als er nun in die Heimat zurückkehrt, ist er selbst ein Gezeichneter. Auf Krücken schleppt sich Agamemnon stöhnend über den Steg.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er ist ein Krüppel, körperlich und psychisch. Von seiner Frau Klytämnestra, der verzweifelt nach Rache dürstenden Mutter Iphigenies, wird er alsbald umgebracht. Die trojanische Seherin Kassandra, mit der Agamemnon eine Affäre hat, sieht das alles voraus, auch ihre eigene Ermordung; aber niemand glaubt ihr. Der Steg ist eine Strasse von Schmerz und Leid, Schuld und Sühne, Traum und Trauma, Macht und Machtmissbrauch – von Leben und Tod. Sie verbindet zugleich den uralten Mythos mit unserem Hier und Jetzt.Der italienische Komponist Salvatore SciarrinoPDSo inszeniert David Hermann die Oper «L’Agamennone» von Salvatore Sciarrino, die am Samstag an den Bühnen Bern Premiere hat. Sciarrino ist seit dem Tod von Luciano Berio 2003 der Grandseigneur der italienischen Gegenwartsmusik und einer der wenigen Komponisten, die weiterhin abendfüllende, repertoirefähige Opern schreiben. In Bern hat er sich jetzt bei der Entstehung seines jüngsten Bühnenwerks ein wenig über die Schulter schauen lassen.Der Mythos im HeuteDie neue Oper denkt ein früheres Werk mit dem Titel «Il canto s’attrista, perché?» («Der Gesang wird traurig, warum?») kreativ weiter. Es sollte im März 2020 in Klagenfurt uraufgeführt werden, doch der erste Corona-Lockdown durchkreuzte dies. Es gab lediglich eine Aufführung vor Medienvertretern – unter abenteuerlichen Bedingungen. Der damalige Klagenfurter Intendant Florian Scholz nahm das Stück dann mit nach Bern, wo er seit 2021 wirkt. Die hiesige Premiere sollte indes keine blosse Übernahme werden, sondern eine neue und höhere Stufe im Sinne eines «work in progress».Sciarrino selbst nennt seine Agamemnon-Oper im Gespräch denn auch eine «vollständige Revision». So hat sich etwa das Textbuch nach dem ersten Teil der «Orestie» von Aischylos, für das er mit dem Schriftsteller Fabio Casadei Turroni zusammengearbeitet hat, einschneidend verändert. Die Eingriffe in das Libretto hatten wiederum Änderungen bei der Musik und konkret in den Gesangspartien zur Folge. Zudem hat Sciarrino das Verhältnis zwischen Chor, Solisten und Orchester optimiert. Solche akustischen Justierungen sind seit Jahrhunderten ein zentrales Moment im Entstehungsprozess einer Oper.Noch weiter ist Sciarrino beim Prolog gegangen, in dem ein Diener Ausschau nach Feuerzeichen aus Troja hält: Hier hat er alles neu komponiert. «Es war mir zu rezitatorisch, dadurch wird die Musik zu trocken», erläutert er. Dahinter steht der klassische Werkstattgedanke: Der Künstler nutzt die Wiederbegegnung mit seinem Werk bewusst als Chance, um Verbesserungen vorzunehmen, die dann Teil des endgültigen Notentextes werden. Wie weit das gehen kann, zeigt der Umstand, dass der schon in Klagenfurt beteiligte Sänger Tobias Hechler die Partie des Dieners komplett neu einstudieren musste.Die Bestie MenschSechs Jahre liegen zwischen «Il canto s’attrista, perché?» und «L’Agamennone». Zwischen diesen beiden Stadien hat sich die Welt grundlegend verändert. «Diese Oper ist noch notwendiger geworden», meint Sciarrino. «Wir leben momentan in einer Zeit, in der Kriege zu einem scheinbar selbstverständlichen Thema unserer Gesellschaft geworden sind. Das ist furchtbar.» Er habe die Aktualität des Opernstoffes nicht vorhergesehen, aber «das Leben selbst» habe die Zusammenhänge «geschärft» – und damit die Revision erst recht nötig gemacht.Was aber erzählt uns der Mythos um Agamemnon heute und mit ihm Sciarrinos Oper? «Sie erzählen von der Geburt der Demokratie und lassen bereits alle möglichen Schwächen erahnen. Gleichzeitig erzählen sie uns eine Geschichte über Kriegsherren wie Agamemnon. Sie sind gegenwärtig die Protagonisten auf der Weltbühne. Das ist grauenvoll, mag weh tun, aber so ist es.»Psychogramme der Macht und die Abgründe des Menschseins ziehen sich durch das Opernschaffen des bald 80-jährigen Komponisten, der im sizilianischen Palermo geboren wurde und heute im umbrischen Città di Castello zu Hause ist. Blutig geht es dabei zur Sache, etwa in Sciarrinos Erfolgsstück «Luci mie traditrici» («Mein trügerisches Augenlicht») von 1998. Darin spürt er dem (belegten) Doppelmord des Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo an seiner Ehefrau und deren Liebhaber nach.In «Superflumina» von 2010/11 rücken soziale Verrohung, Armut und Obdachlosigkeit in den Fokus. Und in «Venere e Adone» von 2023 wird die Liebe von einem Monster zerfleischt – von der Bestie Mensch. In «Macbeth» von 2002 nach Shakespeare sind die Parallelen zu «L’Agamennone» besonders augenfällig: Beide Werke sind psychologische Kammerspiele um die Macht und ihren Missbrauch – schonungslos und brutal.Ist Macbeth der Bruder von Agamemnon? «Ja, so kann man das sagen», stimmt Sciarrino zu. «Beide hinterlassen eine Blutspur und werden selber von ihr mitgerissen. Die Macht ist ein Mechanismus, der den Menschen am stärksten anzieht und ihn gleichzeitig am meisten zerstört. Es ist eine Falle.»Fortsetzung folgt?In ihrer jetzt erreichten Form ist «L’Agamennone» ein Wurf – das lässt sich schon nach dem Eindruck der Endproben feststellen. In Bern ist ein veritabler Opern-Thriller zu erleben, dramatisch packend und atmosphärisch dicht. Der jetzt erreichte Zustand des Werks, der das immense Gespür dieses Komponisten für die Bühne widerspiegelt, soll auch der endgültige sein. Aber sicher ist man sich bei Sciarrino nie.Am Ende schleicht Orest stumm über die Bühne. Er wird seinen ermordeten Vater Agamemnon rächen und seine Mutter Klytämnestra töten – Opernbesucher kennen die Vorgänge namentlich aus «Elektra» von Richard Strauss. Lässt Sciarrino eine Orest-Oper folgen? «Ich plane keine neue Oper», sagt er. «Eine neue Oper muss erblühen wie eine Blume.» Ein striktes Nein klingt anders.«L’Agamennone»: Premiere am 30. Mai (ausverkauft), Aufführungen bis 14. Juni, Bühnen Bern.Passend zum Artikel