Die Bundesregierung hat die humanitären Aufnahmeprogramme gestoppt, auch das für Russland. Eine Begegnung mit Dissident*innen.

Zwei Küchentische und 1.800 Kilometer dazwischen. Der eine steht in einem gemütlichen Reihenhaus in Mannheim, der andere in Sankt Petersburg. An dem in Mannheim sitzen Lada Chizhova, 35, und Dmitry Markevich, 39, und erzählen, wie ihre beiden Töchter manchmal mitlauschen, wenn die Eltern abends in der Küche reden. So wie neulich, als die 6-jährige Nina gehört habe, dass die Familie vorerst nicht nach Russland zurückkönne. Ihrer Freundin habe sie dann gesagt, ihr Papa sei ein Dieb. „Natürlich versteht sie nicht, dass die Polizei jemanden ins Gefängnis stecken kann, selbst wenn er nichts falsch gemacht hat“, sagt Dmitry.

Den Küchentisch in der Heimat hat die Familie vor vier Jahren verlassen. Lada und Dmitry sind keine Verbrecher. Sie sind etwas, was in Russland viel schärfer geahndet wird: Systemkritiker*innen.

Und sie sind zwei von insgesamt etwa 2.500 Russ*innen, die Deutschland seit Russlands Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 aufgenommen hat. Mithilfe eines sogenannten humanitären Visums. Das existierte bereits vor dem Krieg, wurde jedoch nur in Ausnahmefällen an Russen erteilt. Im Mai 2022 beschloss die Ampelregierung, das Programm auszuweiten und zu beschleunigen. Die Idee: russischen Oppositionellen, Politiker*innen, Journalist*innen und Menschenrechtsaktivist*innen, die politischer Verfolgung und Repression ausgesetzt sind, einen sicheren Rückzugsort zu bieten. Mit humanitären Visa und längerfristiger Aufnahme.