Nicolas Barrois will vor dem Champions-League-Spiel im bretonischen Hennebont nur schnell etwas zu essen für seine Spieler holen. „Und ich komme mit dem Essen aus dem Restaurant raus, und davor stehen 25 Chinesen und machen Fotos von mir“, erzählt der Teammanager der Tischtennismannschaft des 1. FC Saarbrücken.Dass ein deutscher Tischtennisfunktionär bei einem Auswärtsspiel in Frankreich von chinesischen Fans erkannt wird, gehört zu den kuriosen Szenen, die Fan Zhendongs erstes Jahr in der Bundesliga (TTBL) hervorgebracht hat. Für eingefleischte Saarbrücker Fans müssen sich die vergangenen zehn Monate mitunter surreal angefühlt haben. Auf einmal werden Spiele zu internationalen Medienereignissen, Chinesen pilgern nach Deutschland, ihre Anfeuerungsrufe hallen durch die Joachim-Deckarm-Halle. Schon vor Saisonbeginn verkaufte der FCS so viele Trikots wie sonst in einer Spielzeit. Ausgelöst hat den Hype ein einziger Spieler: Fan Zhendong. Jahrelang führte er die Weltrangliste an, wurde mehrfach Olympiasieger und Weltmeister.Beben in Saarbrücken, Wehmut in ChinaDie Verkündung dieses Transfers zum 1. FC Saarbrücken im vergangenen Frühsommer löste ein Beben aus. Wenige Monate zuvor hatte Fan sich aus dem chinesischen Nationalteam zurückgezogen, wollte offenbar dem enormen öffentlichen Rummel rund um seine Person in seinem Heimatland entfliehen. Nachdem die TTBL bereits in der vergangenen Spielzeit wegen des Abschieds von Timo Boll einen Zuschauerrekord aufstellen konnte, vermeldete die Liga in der aktuellen Saison einen neuen Höchstwert. Fast 74.000 Zuschauer sollen in die Hallen geströmt sein, ein Plus von rund elf Prozent. Ohne Fan wären diese Zahlen wohl kaum vorstellbar gewesen.„Wir wussten gar nicht so genau, worauf wir uns da einlassen“, sagt Barrois rückblickend. Er spricht von einem „Riesenaufwand für uns alle, für unser kleines ehrenamtliches Team, das Ganze zu stemmen.“ Sportlich zahlte sich der Coup für Saarbrücken wenig überraschend aus. Zwar verlief Fans Einstand unglücklich, seine ersten beiden Einzel verlor er. Doch schon wenig später zeigte der Chinese wieder jene Dominanz, die ihn über Jahre ausgezeichnet hatte. Von 20 Spielen verlor er nur drei. Erstmals gewann der Verein mit dem Pokal und der Champions League zwei Titel in einer Saison, am Wochenende soll beim Final Four der TTBL in Frankfurt erstmals das Triple gelingen.Dass Fan Zhendongs Wechsel nach Deutschland keineswegs den Ausklang einer großen Karriere markiert, bewies der 29-Jährige im Herbst bei den Chinese National Games, die nur alle vier Jahre stattfinden und als einer der prestigeträchtigsten Wettbewerbe im chinesischen Sport gelten. Dort besiegte er mit Wang Chuqin und Lin Shidong die beiden führenden Spieler des Nationalteams und gewann den Titel. Die chinesischen Funktionäre dürften den Triumph mit Wehmut verfolgt haben: Einer der besten Spieler des Landes tritt inzwischen lieber in den Hallen von Bergneustadt oder Ochsenhausen an, statt für China auf den größten internationalen Bühnen.Eine Expedition mit weitreichenden FolgenDenn Fan scheint seine Einsätze in Deutschland nicht nur als kurze Stippvisiten verstanden zu haben. Er arbeitete merklich an seinem Englisch und hat sich laut Barrois „total in die Mannschaft eingebracht.“ Dass der Spitzenspieler den Saarbrücker Triumph im Finale der Champions League mit seinen Niederlagen gegen Alexis und Félix Lebrun eher gefährdete als absicherte, schmälert die Bilanz kaum. Von einem „unglaublichen Imagezugewinn“ spricht Barrois. „Finanziell hat es nicht ganz so viel gebracht, weil wir auch sehr hohe Ausgaben hatten. Aber wir haben natürlich auch schon in die Zukunft investiert.“Für den Verein dürfte es von großem Wert sein, dass Saarbrücken nun auch in China ein Begriff ist. Die dortigen Medien haben Fans europäische Expedition aufmerksam verfolgt. So strotzte die Zeitung „Global Times“ nur so vor Stolz, schrieb, Fan habe „Chinas Trainingsdisziplin und Wettkampfmentalität“ in die täglichen Routinen gebracht. Und sie ging noch weiter: „Fan hat mehr getan, als eine Liga zu dominieren, er hat eine Brücke gebaut. Und Brücken sind, anders als Siege, dafür bestimmt zu bestehen.“Pathetischer geht es kaum. Doch in dieses Bild passt auch, dass bei der Reise von Bundeskanzler Friedrich Merz nach China im Februar mit Wolfgang Dörner erstmals ein Vertreter des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) Teil der Delegation war. Im Beisein des Vorstandsvorsitzenden wurde eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem DTTB und der China Media Group, dem Mutterkonzern des chinesischen Staatsfernsehens CCTV, unterzeichnet. Vielleicht hat auch hier Fan Zhendongs Wechsel nach Deutschland Prozesse beschleunigt.Was alles nach einem Märchen klingt, hat für den FCS nur einen Haken. Denn das Saisonfinale am Wochenende markiert zugleich das Ende von Fans Zeit in Saarbrücken. In der kommenden Saison wechselt er zum Rivalen Borussia Düsseldorf. Timo Boll, der selbst viele Jahre für die Borussen spielte, soll dabei eine wichtige Rolle eingenommen haben. Die beiden verbindet eine gute Freundschaft.„Das ist einfach der Rekordmeister“, sieht Barrois ein. „Sie haben über die letzten 20, 30 Jahre sämtliche Titel gewonnen, die man gewinnen kann – und das mehrfach.“ Für den FCS endet am Wochenende eine Saison, die den Verein für einige Monate ins Zentrum der Tischtenniswelt gerückt hat. Fan selbst spricht von einem „wirklich besonderen Kapitel“ seiner Karriere. Im Saarland dürfte man das ähnlich sehen.
Fan Zhendong: Abschied vom Tischtennis-Star in Saarbrücken
Seit einem Jahr versetzt Tischtennis-Star Fan Zhendong für Saarbrücken die Bundesliga in einen Ausnahmezustand. Doch nach dem Final Four wechselt er zum großen Rivalen.















