PfadnavigationHomePolitikDeutschlandArtikeltyp:MeinungGegenredeCSD für alle? Nicht, wenn man jüdisch und sichtbar istStand: 17:06 UhrLesedauer: 4 MinutenFrederik Schindler

Quelle: Generative Illustration/Infografik WELT; Basis Martin U.K. LengemannEine jüdische LGBT-Gruppe wird von der Pride-Parade in Rom ausgeschlossen, weil sie Israels Krieg in Gaza nicht als „Genozid“ bezeichnet. Der Fall steht beispielhaft dafür, wie schnell „Diversität“ endet, wenn Juden von der vorgegebenen Linie abweichen.Jedes Jahr im Juni strömen Hunderttausende Menschen auf die Straßen Roms, um an einer Pride-Parade für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen (LGBT) teilzunehmen. Seit zehn Jahren ist auch Keshet Italia dabei, die einzige jüdische LGBT-Organisation des Landes. Ihr geht es um Sichtbarkeit innerhalb der jüdischen Gemeinden und innerhalb der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft.Seit dem 7. Oktober 2023, dem genozidalen Massaker der Hamas in Israel und dem darauffolgenden Krieg im Gaza-Streifen, müssen sich die Mitglieder der Gruppe in Teilen der italienischen LGBT-Community immer wieder rechtfertigen. Als Juden werden sie regelmäßig für die Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich gemacht – ein klassisches Muster des antizionistischen Antisemitismus. Bei der Pride-Parade im vergangenen Jahr – in Deutschland würde man sie Christopher Street Day (CSD) nennen – mussten die jüdischen Aktivisten von der Polizei evakuiert werden. Wie in einem Actionfilm habe man sich gefühlt, berichtete die Gruppe anschließend. Aus einem Wagen wurden die Mitglieder von Keshet (Hebräisch für Regenbogen) zuvor als „Terroristen“ und „Mörder“ beschimpft, es gab Pistolengesten. Dann kamen ihnen Demonstranten näher, um sie anzugreifen. Lesen Sie auchMitte Mai dieses Jahres sah sich Keshet einmal wieder gezwungen, Stellung zum Nahost-Konflikt zu beziehen. „Seid ihr gegen Palästinenser?“, werde man immer wieder gefragt, hieß es in einem entsprechenden Instagram-Posting. „Nein, natürlich nicht“, schrieben die jüdischen Aktivisten dazu. „Wir glauben an die Selbstbestimmung aller Völker und betrauern jeden toten Zivilisten.“Über wachsenden Judenhass zu sprechen, bedeute nicht, eine humanitäre Tragödie in Gaza und das dortige Leid zu beschweigen, heißt es in dem Statement weiter. Es brauche eine Überwindung „binärer Logiken blinder Lagerbildung“ und die Anerkennung der „Komplexität von Geschichten, Identitäten und Wunden“.Das Wort „Völkermord“ sei aber nicht neutral, es rufe historische Erinnerungen hervor. Gemeint ist der Völkermord der Deutschen an den Juden. Die angesprochene Sichtweise, Israel würde sich gegenüber den Palästinensern so verhalten wie die Nationalsozialisten gegenüber Juden, ist auch hierzulande weitverbreitet, relativiert den Holocaust und dämonisiert den Staat der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Lesen Sie auchNoch eine Frage beantworteten die italienischen LGBT-Juden in ihrem Posting: „Seid ihr der Wagen Israels?“ Antwort: „Nein! Wir sind Teil des Ministeriums der Dragqueens“, schrieb die Gruppe. Der Davidstern auf ihrer Regenbogenflagge repräsentiere keine Partei und keinen Staat, sondern das Judentum. „Man zwang uns, ihn gelb auf der Kleidung zu tragen. Hier, in Europa.“„Genozid-Leugner“ als SchimpfwortDie Organisatoren des CSD in Rom haben das Statement der Gruppe nun zum Anlass für eine beschämende Entscheidung genommen. Sie beschlossen, die einzige jüdische Gruppierung von ihrer Parade auszuschließen, wie sie in dieser Woche bekannt gaben. Die Voraussetzungen für die Teilnahme eines ihrer Wagen seien „nicht gegeben“, teilte das Team mit. Keshet habe sich „nicht vom derzeitigen Genozid in Gaza distanziert“. Wer mit einem Wagen teilnehmen wolle, müsse Israels angeblichen Völkermord unmissverständlich verurteilen. Das Organisationsteam unterstütze „das Recht des palästinensischen Volkes, zu existieren und Widerstand zu leisten“.Unter Israel-Feinden ist „Zionist“ schon lange ein Schimpfwort für Juden mit einer Verbindung zu Israel, also für die große Mehrheit der jüdischen Gemeinschaft. Seit dem 7. Oktober sind als Schimpfwörter „Genozid-Unterstützer“ und „Genozid-Leugner“ für all diejenigen hinzugekommen, die Israels Krieg gegen die genozidale Hamas anders bewerten. Lesen Sie auchIn Rom wird die jüdische Gruppe also ausgeschlossen, weil sie sich weigerte, die vom Organisationsteam vorgegebene politische Sprachregelung zum Nahost-Konflikt zu übernehmen. Den Gesinnungstest der nichtjüdischen Organisatoren haben sie nicht bestanden. Gestattet wäre ihnen die Teilnahme nur dann, wenn sie zuvor ein Loyalitätsbekenntnis gegen den einzigen jüdischen Staat abgelegt hätten. Das reproduziert genau jene Logik kollektiver Zuschreibung, gegen die progressive Bewegungen behaupten, anzutreten. Keshet Italia hatte das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza ausdrücklich anerkannt und erklärt, dass weder Israelis noch Palästinenser auf ihre Regierungen reduziert werden dürfen. Dennoch reichte dies nicht aus. Lesen Sie auchDer Fall steht exemplarisch für eine Entwicklung, die sich seit dem 7. Oktober in Teilen der linken und queeren Szene beobachten lässt. Juden werden zwar offiziell willkommen geheißen – allerdings nur, solange sie ihre Verbindung zu Israel relativieren, verschweigen oder verurteilen. Sichtbare jüdische Identität wird zunehmend unter Generalverdacht gestellt. Der Davidstern wird nicht mehr als Symbol einer Minderheit wahrgenommen, sondern als politisches Bekenntnis. Ausgerechnet in Räumen, die sich Diversität und Inklusion auf die Fahnen schreiben, wird Juden damit signalisiert, dass sie ihre Identität rechtfertigen müssen.Dass dies ausgerechnet auf einer Pride-Parade geschieht, ist besonders bitter. Die LGBT-Bürgerrechtsbewegung entstand aus dem Widerstand von Minderheiten gegen Ausgrenzung, Diskriminierung, Hass und Gewalt. Eine Bewegung, die von Juden politische Reinheitsnachweise verlangt, bevor sie dazugehören dürfen, verrät ihre eigenen Prinzipien.Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“. Dies ist die 40. Ausgabe seiner zweiwöchentlich erscheinenden Kolumne „Gegenrede“.