Die französische Erfolgsautorin erhielt in Zürich den Frank-Schirrmacher-Preis. Und erzählte von ihrer Faszination für die Mächtigen der Weltpolitik.29.05.2026, 15.31 Uhr3 Leseminuten«Ich interessiere mich für die Charaktere, die die Welt beherrschen»: die französische Schriftstellerin Yasmina Reza.Santiago Oroz / ImagoDie Liste ist beeindruckend: Michel Houellebecq, Jonathan Franzen, Ai Weiwei, Peter Thiel oder Eva Illouz haben den mit 20 000 Franken dotierten Frank-Schirrmacher-Preis «für herausragende Leistungen zum Verständnis des Zeitgeschehens» bereits erhalten. Nun wird diese Ehre Yasmina Reza zuteil, einer der bedeutendsten Dramatikerinnen unserer Zeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ihren Durchbruch hatte die Französin 1994 mit «Kunst», bis heute eines der meistgespielten Theaterstücke weltweit. 2006 wurde «Gott des Gemetzels» am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt, auch dieses Stück wurde ein internationaler Grosserfolg, unter anderem durch die kongeniale Verfilmung von Roman Polanski. In beiden Werken zeigt die Autorin messerscharf, aber doch voller Humor die Abgründe einer Gesellschaftsschicht, die sich selber für besonders kultiviert und gebildet hält.«Auf der ganzen Welt reissen sich die Besten darum, Ihre Figuren zu spielen», lobt der Schauspieler Christian Berkel die Autorin in seiner Laudatio am Donnerstag an der Universität Zürich.Schriftsteller hätten keine Legitimation, sich politisch zu äussernDie Autorin zeigt sich bei der Preisverleihung bescheiden, ja fast schon schüchtern. In ihrer Dankesrede relativiert sie die Bedeutung von Auszeichnungen. Ihren ersten Literaturpreis habe sie bei einem Gedichtwettbewerb für Kinder gewonnen, in der Kategorie für unter Zehnjährige. Voller Stolz seien ihre Eltern mit ihr zur Verleihung gefahren. «Irgendwann fragte mein Vater ein Jurymitglied, was sie dazu bewogen habe, ihre Tochter auszuzeichnen.» Der Literaturfachmann habe geantwortet: «Weil wir bei dem Gedicht dieses kleinen Mädchens die Gewissheit hatten, dass es nicht von den Eltern geschrieben worden war!»Im anschliessenden Gespräch mit dem früheren NZZ-Feuilletonchef und Co-Präsidenten der Frank-Schirrmacher-Stiftung, Martin Meyer, erzählt Reza, dass sie lange Zeit Hemmungen gehabt habe, sich «Schriftstellerin» zu nennen. Diese Berufsbezeichnung drücke einen sozialen Status aus, der ihr nicht behage. Als Schriftstellerin werde man zum Beispiel ständig nach seiner Meinung zur Politik gefragt. «Dabei haben wir keine Legitimation, uns politisch zu äussern», sagt sie. «Wir wissen nicht mehr darüber als andere.» Frankreich habe zwar eine grosse Tradition von Intellektuellen, die sich in die Tagespolitik einmischten, sie selbst folge dieser aber nicht.«Unberechenbarer Charakter»Sehr offen spricht sie dafür über ihre Faszination für mächtige Männer. «Als Schriftstellerin bin ich ein grosser Fan der Figur Trump», sagt sie. «Ich freue mich, ihn zu sehen.» Für das Wohl der Welt sei er überhaupt nicht wünschenswert. «Aber die Tatsache, dass in Amerika eine Figur regiert, die direkt aus einem Shakespeare-Stück entstammen könnte, ist spannend für mich», sagt sie. «Ich interessiere mich für die Charaktere, welche die Welt beherrschen. Auch für Putin.»2006/07 begleitete Reza den früheren französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy ein Jahr lang auf seiner Wahlkampftour. Dieser erhoffte sich wohl, von der grossen Schriftstellerin literarisch verewigt zu werden, und gewährte ihr fast uneingeschränkten Zugang – auch zu seinem Privatflugzeug und dem Dienstwagen. Resultat war das Buch «Frühmorgens, abends oder nachts» (2007), ein viel beachtetes, aber keineswegs nur schmeichelhaftes psychologisches Porträt eines machthungrigen Politikers.«Sarkozy war die perfekte Figur für mich», sagt Yasmina Reza, «ein unberechenbarer Charakter, der versucht, sich zu benehmen, aber scheitert.» Es klingt, als spräche sie von einer Figur aus einem ihrer Theaterstücke. «Er ist ein zutiefst gebrochener, zutiefst gequälter Charakter, ein ungewöhnlicher Mensch, sehr witzig, sehr tragisch.»Das Böse gehöre zum MenschenFast schon melancholisch wird die Schriftstellerin, wenn sie auf den Zustand Europas angesprochen wird. «Ich bin sehr pessimistisch, was Europa betrifft, und das betrübt mich», sagt sie. «Denn ich glaube, Europa ist der einzige lebenswerte Ort auf der Welt. Ich liebe Europa wirklich.» Doch Europa werde nie als Einheit auftreten können, was aber auch den Charme dieses Kontinents ausmache. «Angesichts der aufstrebenden Mächte in der Welt, insbesondere in Asien, sehe ich nicht, wie Europa seine Position auf irgendeiner Ebene behaupten kann.»Gleichzeitig findet sie es gar nicht so schlecht, in einer Phase der Dekadenz zu leben. «Das ist auch bereichernd.» Sie würde sich selber als Fatalistin bezeichnen, nicht als Pessimistin. «Keine Optimistin zu sein, bedeutet nicht, dass man nicht auch fröhlich sein kann.»In fast jeder ihrer Äusserungen zeigt sich die Faszination für die gegensätzlichen Kräfte im Menschen, seine unauflöslichen Widersprüche. Wenn man als Autorin das Böse aus dem Menschen herausnehme, sagt Yasmina Reza, zeige man nicht mehr einen Menschen, sondern eine geschaffene Figur. «Jeder literarische oder künstlerische Versuch, den Menschen in einem beschönigten, wohlwollenden oder moralischen Licht darzustellen, ist zum Scheitern verurteilt.» So kommt sie zum folgerichtigen Schluss: «Die einzige moralische Verpflichtung eines Schriftstellers besteht darin, die Menschheit so darzustellen, wie sie ist – in ihrem Wahnsinn, aber auch in ihrer Schönheit.»