Der wirtschaftliche Aufstieg Indiens zeigt sich besonders beim CricketDie Indian Premier League vereint Kommerz, Musik und Unterhaltung und ist inzwischen die zweitlukrativste Liga der Welt nach der American-Football-Liga NFL.Ronny Blaschke29.05.2026, 14.00 Uhr5 LeseminutenVolle Stadien und mehr als 160 Millionen Inder vor dem Fernseher: Wenn in Indien Cricket gespielt wird, pausieren alle anderen Ligen der Welt.Sayantan Chakraborty / GettyIn Kolkata, im Osten von Indien, steht das älteste Cricketstadion der Welt: Eden Gardens. Die Fassade ist mit Malereien bedeckt. Ein Motiv zeigt zwei Jungen, die ehrfürchtig ihre Köpfe emporrecken. Über ihnen, in einem knalligen Blau, schweben fünf Cricketspieler zwischen Wolken hindurch. Es ist ein Bild mit religiöser Anspielung. Cricket in Indien: ein himmlisches Versprechen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kolkata, früher Kalkutta, zählt zu den Zentren der Indian Premier League (IPL), der wichtigsten Cricketliga der Welt. Nach Schätzungen von Sportökonomen liegt der Marktwert der IPL bei umgerechnet 14 Milliarden Franken. Damit ist sie hinter der American-Football-Liga NFL die zweitlukrativste Sportindustrie der Welt. Das Besondere: Die Indian Premier League findet nicht ganzjährig statt, sondern in einem kurzen Zeitraum von acht Wochen. In dieser Zeit pausieren alle anderen grossen Cricketligen, in England, Australien oder Südafrika, so dass die besten Spieler für Millionengagen in Indien Station machen können.In dieser Saison haben zehn Mannschaften in Indien insgesamt 74 Spiele bestritten. In dieser Woche finden die Entscheidungsspiele statt, am Sonntag der Final. Allein in Indien werden wahrscheinlich mehr als 160 Millionen Menschen das Spiel im Fernsehen verfolgen. Weltweit dürften rund eine Milliarde Menschen die Bilder sehen. Es gibt kaum ein Sportereignis, das ein so grosses Publikum erreicht.Im bevölkerungsreichsten Land spricht die Indian Premier League eine wachsende Mittelschicht an. Zu ihren wichtigsten Sponsoren gehören ein Stahlunternehmen, eine Finanz-App, ein Anbieter für Online-Fortbildungen. Aus dem Ausland drängen Staatsunternehmen aus Katar und Saudiarabien auf den Markt. In diesen Ländern am Persischen Golf leben Millionen Arbeiter aus südasiatischen Ländern, wo Cricket der beliebteste Sport ist. Sie inszenieren die jährlichen Auktionen, wenn Klubs um Spieler mitbieten, wie eine Reality-Show. Als bestbezahlter Spieler gilt Rishabh Pant von den Lucknow Super Giants. Sein Gehalt: 2,7 Millionen Franken.Harshit Rana von den Kolkata Knight Riders schlägt einen Ball während des IPL-Spiels 2025 gegen die Sunrisers Hyderabad im Arun-Jaitley-Stadion.Surjeet Yadav / GettyBollywood meets CricketDie Kommerzialisierung von Cricket lässt sich gut in Kolkata nachzeichnen. In Eden Gardens sind die Knight Riders zu Hause, einer der wertvollsten Klubs der IPL, laut dem amerikanischen Magazin «Forbes» mit einem Marktwert von 800 Millionen Franken. Die Knight Riders, gegründet 2008, haben ihren Sport früh mit Unterhaltung und Musik verknüpft. Das Gesicht dafür ist einer ihrer Eigentümer: der Bollywood-Schauspieler und Produzent Shah Rukh Khan.In den Katakomben von Eden Gardens hängen gerahmte Bilder und Zeitleisten. Man sieht Spieler, Politiker und Schauspieler, die Blumensträusse entgegennehmen. Auf einem Foto lächelt ein Modedesigner, der für die Knight Riders ein Trikot entworfen hat. Auf einem anderen zwei Komponisten, die für das Musikalbum des Klubs ein Lied beigesteuert haben.In ihrer Symbolik erinnern die indischen Cricketklubs weniger an die traditionsbewussten Fussballvereine aus Europa als an die amerikanischen Sportligen. Auf dem Logo der Knight Riders glänzt ein zackiger Soldatenhelm, darüber eine lodernde Flamme. In den sozialen Netzwerken kommunizieren die Knight Riders auf unterschiedlichen Kanälen, vor allem auf Bengali, Hindi und Englisch. Ihre Spiele werden von Kameradrohnen begleitet.Milliardenschwere Sportmarken wie der FC Barcelona oder die Los Angeles Lakers greifen für internationale Märkte auf unterschiedliche Werbekonzepte zurück. Das gilt auch für die Knight Riders. Der Klub baut Niederlassungen in Ländern auf, wo Cricket beliebt ist und wo es eine grosse indische Diaspora gibt, in Los Angeles, in Abu Dhabi und in Trinidad und Tobago. Auf dem heimischen Markt im Nordosten von Indien betonen sie derweil ihre lokalen Wurzeln, zum Beispiel die gelben Taxis, die seit den 1960er Jahren zum Stadtbild von Kolkata gehören. Und sie feiern Durga Puja, ein wichtiges hinduistisches Fest in der Region.Um die historische Entwicklung von Cricket nachvollziehen zu können, lohnt sich von Eden Gardens aus ein Spaziergang Richtung Süden. Nach dreissig Minuten stösst man auf ein Gebäude aus weissem Marmor. Das Victoria Memorial ist der bekannteste Beleg für die koloniale Vergangenheit Indiens. Ab dem 18. Jahrhundert hatten britische Kaufleute und Soldaten einen Handelsposten in Kalkutta etabliert.Ihre Nachfahren einige Generationen später blieben in den ersten Cricketvereinen zunächst unter sich. Auf diese Weise wollten sie sich im tropischen Klima fit halten und sich von ihrem Heimweh ablenken. Wiederum Jahrzehnte später erlaubten die Briten ausgewählten indischen Kollaborateuren den Zugang zum Cricket, vorgeblich auch, um ihnen Disziplin und die «Werte von Gentlemen» beizubringen.Cricketspieler als Superhelden – auf und neben dem Platz.Debajyoti Chakraborty / GettyDie Dekolonialisierung von EnglandEden Gardens, in den 1860er Jahren als informelle Spielwiese abgesteckt, wuchs zu einem Stadion mit Holztribünen heran. Ab dem frühen 20. Jahrhundert durften die indischen «Untertanen» ihre eigenen Cricketvereine gründen. Bald darauf wurden etliche Klubs zu Versammlungsorten der Unabhängigkeitsbewegung. Beim vermeintlich unpolitischen Sport fühlten sie sich weniger kontrolliert.Nach der Unabhängigkeit 1947 sollte Cricket eine Stütze der indischen Nation sein. Man kann sich davon in der Hauptstadt Delhi ein Bild machen. Im Regierungsviertel ist dem ersten Premierminister Jawaharlal Nehru ein Museum gewidmet. In der Ausstellung hängen zwei Cricketschläger hinter Plexiglas. Daneben sieht man auf einem Foto, wie Nehru in weisser Flanellkleidung ein Spielfeld betritt. Er trägt Mütze und Knieschoner, hinter ihm drängen sich Tausende Zuschauer. Das Bild stammt von einem Wohltätigkeitsspiel 1953 zwischen Parlamentsabgeordneten. Nehru betrachtete Cricket als ein Einheitssymbol im multiethnischen Indien.Im Museum erinnert eine Zeitleiste an wichtige Ereignisse der jüngeren Geschichte. Das Jahr 1983 ist mit einem Foto versehen. Darauf nimmt die indische Cricketikone Kapil Dev in einem blauen Sakko einen silbernen Pokal entgegen. 1983 gewann Indien zum ersten Mal die Weltmeisterschaft, ausgerechnet in England. Für viele Inder war der Prozess der Dekolonialisierung damit abgeschlossen.Seit einigen Jahren nun ist die indische Politik auf Narendra Modi ausgerichtet, seit 2014 Premierminister. Seine Partei, die BJP, hat wichtige Positionen mit nationalistischen Hindus besetzt. Menschenrechtsorganisationen beklagen, dass die Zivilgesellschaft zunehmend eingeschränkt werde. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt Indien von 180 bewerteten Staaten nur noch auf Platz 157.Narendra Modi trifft Staatschefs, Parteikollegen und Wirtschaftsvertreter gern beim Cricket, vor allem in seinem Heimatgliedstaat Gujarat. Dort liegt in Ahmedabad das grösste Cricketstadion der Welt, mit einem Fassungsvermögen von 132 000 Plätzen. Seit 2021 trägt es den Namen von Narendra Modi. Ein ungewöhnlicher Schritt, denn öffentliche Orte werden auch in Indien selten nach lebenden Personen benannt. Der Final der milliardenschweren Indian Premier League findet natürlich in Ahmedabad statt.Cricket in Indien ist immer auch Unterhaltung und Kommerz: Fans der Knight Riders vor dem Spiel gegen die Rajasthan Royals in Eden Gardens in Kolkata.Sudipta Das / GettyPassend zum Artikel