Das haben sie bei der SPD wohl selbst nicht erwartet: Dass Sozialdemokraten mal diejenigen sein würden, die noch ein gutes Wort für Friedrich Merz finden. Er habe ein Vertrauensverhältnis mit dem Kanzler, sagte Lars Klingbeil bei einem Finanzministertreffen in Berlin, nachdem die dünnen Gerüchte über ein Einwechseln des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst auf bundespolitischer Ebene erstaunlichen Aufwind bekommen hatten.„Wir haben noch vieles vor“, sagte der Vizekanzler und SPD-Vorsitzende also am Donnerstagnachmittag. Und er habe nicht die Zeit, sich an solchen Spekulationen zu beteiligen. Es stünden viele Aufgaben an, und beide, Merz und Klingbeil, würden weiterhin gerne an diesen arbeiten.Ist das derselbe Klingbeil, der vor Kurzem noch angedeutet hatte, vom Bundeskanzler angebrüllt worden zu sein, als es um die Reformvorhaben der Koalition ging? Was auf ein mindestens angespanntes Verhältnis der beiden Spitzenmänner in der Koalition hinweisen würde.Der nächste Großkonflikt steht schon bevorTatsächlich ist die Gemengelage zwischen der SPD und Merz kompliziert. Vor allem unter den sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten war das Misstrauen gegenüber dem CDU-Vorsitzenden groß. Bei einigen war es auch offene Ablehnung. Sie hielten Merz für einen Reaktionär. Dieses Bild hat sich gewandelt. Was ihm in der Union übel genommen wurde, half ihm, bei der SPD Boden gutzumachen. Sei es das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur oder eine zwischenzeitlich signalisierte Bereitschaft, die Vermögenden in diesem Land steuerlich stärker zu belasten.Mit den SPD-Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil und dem Fraktionsvorsitzenden Matthias Miersch hat er sich zusammengerauft. Gleichzeitig glaubt man in der SPD, ein klares Bild von Merz’ Schwächen zu haben. Merz sei sehr impulsiv, sagte Miersch kürzlich bei einer SPD-Veranstaltung, und mit dieser Veranlagung könne man eigentlich kein Kanzleramt führen. Miersch ahnte nicht, dass die Presse zuhörte – seine Worte dürften deswegen authentisch seine Einschätzung wiedergegeben haben. Er bat kurz danach Merz per SMS um Entschuldigung.Wenn Merz das „Stadtbild“ beklagt oder in der gesetzlichen Rente „allenfalls“ noch Basisabsicherung sieht, verbucht man das in der SPD inzwischen unter der Kategorie: Der Kanzler hat mal wieder einen rausgehauen. Als Merz kürzlich zu Gast war in der SPD-Fraktion, verbreitete die Partei die optimistisch gemeinte Botschaft, es sei auch gelacht worden.Das alles darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es handfeste Auseinandersetzungen zwischen Merz, also der Union, und der SPD gibt, wenn es um die Inhalte geht. Der nächste Großkonflikt steht schon bevor, es geht um die Rente. Ende Juni will die zuständige Kommission ihre Vorschläge vorlegen. Etwa zur selben Zeit will die Koalition auch für alle anderen Reformvorhaben einen Plan vorlegen.Rhein, Koch und Schulze stärken MerzIn der SPD teilt man die Einschätzung aus Teilen der Union, dass Merz bei all den Reformfragen bislang nicht durchsetzungsstark aufgetreten ist. Sozialdemokraten bemängeln, eine Absprache mit Merz bedeute noch längst nicht, dass es dann auch so komme. In der aktuellen Debatte liegt laut SPD-Leuten die Gefahr, dass es Merz künftig noch schwerer fallen werde, eine klare Linie zu fahren.Nur an ein Versprechen von Merz glaubt man bei der SPD: Dass die Union unter ihm in keinerlei Weise mit der AfD zusammenarbeiten werde. Dieses Versprechen am Festhalten der Brandmauer ist gleichzeitig die Lebensversicherung der SPD.Diese erlischt aber dann, wenn die Grünen zu einer ernsthaften Koalitionsoption für CDU/CSU werden sollten. Schon deswegen versucht man in der SPD, die Gerüchte um eine Einwechslung von Wüst herunterzuspielen. Wüst regiert in Nordrhein-Westfalen mit den Grünen, die auch auf Bundesebene versuchen, sich als Reformkraft zu positionieren. Überholt haben die Grünen die SPD in den aktuellen Umfragen schon längst. In Nordrhein-Westfalen, wo im April nächsten Jahres gewählt wird, ist die SPD weit davon entfernt, eine prägende politische Kraft zu sein wie in früheren Jahrzehnten.Und so dürfte die SPD wohl ausnahmsweise mal dem hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein (CDU) recht geben. Der warnte vor weiteren Debatten rund um Merz. „Wir brauchen doch nicht weniger Merz in Deutschland, wir brauchen mehr Merz“, sagte er dem Sender Sat.1. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) nannte die Spekulationen gar „Unsinn“. Und Roland Koch, früher mal hessischer Ministerpräsident und nach eigener Aussage ein enger Freund von Merz, sagte im ZDF: „Ich glaube, dass er der richtige Kanzler in dieser Zeit ist. Auch wenn er es im Augenblick schwer hat, weil die Zeiten schwierig sind.“
Debatte über Wüst: Die SPD steht hinter Kanzler Merz
Hendrik Wüst wäre den Sozialdemokraten als Kanzler nicht lieber. Denn der regiert in NRW mit einer anderen Mitte-links-Partei: den Grünen.











