Die Gewinner der 21. Staffel von Germany’s Next Topmodel: Aurélie und IboQuelle: ProSieben/Max MontgomeryAufgezeichnet, gespoilert, trotzdem gefeiert – das fasst das Topmodel-Finale zusammen. Bei dem es mehr um Promis und Inszenierung als um Models ging. Und dennoch findet auch Heidis generischste Staffel immer noch ein Publikum. Warum?Donnerstagabend, Zoopalast Berlin. Die Top 20 der Staffel sitzen im Saal, dazu viele weitere GNTM-Alumni, die Journalistenriege in der ersten Reihe. Alle schauen gemeinsam ein Finale, das seit März abgedreht ist – und dessen Gewinner seit Mittwoch eigentlich jeder kennt. Es ist eine merkwürdige Situation: ein Public Viewing für eine Überraschung, die keine mehr ist. Und irgendwie passt das perfekt zu dieser Staffel.Denn das Aufregendste an „Germany's Next Topmodel“ 2026 war ein Magazin, das zu früh verschickt wurde. Wer die Juliausgabe der „Harper's Bazaar“ rechtzeitig im Briefkasten hatte, wusste bereits einen Tag vor dem Finale, wer gewonnen hat: Aurélie, 22, Flugbegleiterin aus Pulheim bei Köln und Ibo, 21, Social-Media-Creator aus Münster. Das war kein Spoiler, eher eine Erlösung. Endlich wusste man, wofür man die letzten Wochen mittwochs und donnerstags eingeschaltet hatte – nämlich für zwei Menschen, deren Sieg absolut verdient war, aber gleichzeitig auch so vorhersehbar wie das Nacktshooting, der Umstyling-Aufschrei und Heidis unvermeidlicher Satz „Ich habe heute leider kein Foto für dich“.Lesen Sie auchDas waren Heidis ModelsFangen wir mit dem Offensichtlichsten an: dem Cast. 53 Kandidatinnen und Kandidaten starteten im Februar in die 21. Staffel, aufgeteilt auf zwei Folgen pro Woche – ein neues Format, das in der Theorie mehr Dynamik versprach und in der Praxis vor allem mehr Sendezeit füllte. Was blieb, waren Archetypen, die man aus jeder Staffel kennt: das hübsche Landmädchen mit Selbstzweifeln (Anna, Bauernhof, erstes Mal geflogen – sie kann eine Kuh melken, falls das irgendwann als Runway-Qualifikation gilt), der Ego-Typ, der offen zugibt, nicht für Freundschaften hier zu sein (Godfrey, vorher bei „Too Hot to Handle“, er erwähnt die Gage der Reality-Sendung regelmäßig), der nonchalante Sunnyboy (Yanneck, zu chillig für alles) und der verrückte Vogel, der die Energie des Raumes aufsaugt (Alexavius, der den Fotografen Rankin als „süß“ bezeichnet hat – dieser fand das sichtlich unangenehm).Dazu: Toni, gehörlos und offen schwul, bezeichnet den Shitstorm als „Überlebenstraining“. Annika, die ihre krankheitsbedingte Glatze als Worst-Case-Szenario beschreibt, das sich zum besten entwickelt hat, das ihr passieren konnte. Und dann noch Louis und Antonia, die in der Staffel privates Interesse aneinander entwickelten und damit unfreiwillig die Frage aufwarfen, ob GNTM inzwischen eine Dating-Show ist. Auf dem roten Teppich im Zoopalast beantworten Viertplatzierter Luis und Stella (bereits in Folge acht ausgeschieden) diese Frage deutlich: Sie sind nämlich ein GNTM-Pärchen.Platinum Blond ist jetzt RebellionDas Umstyling: Jedes Jahr ein Versprechen, jedes Jahr eine mäßige Einlösung. 2026 galt es als besonders radikal, Haare weißblond zu färben. Der Friseurbesuch war so unspektakulär, dass man sich fragte, ob der Etat der Sendung inzwischen bei dem liegt, was früher für einen einzigen Haarschnitt ausgegeben wurde. Aber sei's drum. Was danach kam, war ohnehin wichtiger: das Nacktshooting. Und wieder gab es eine Kandidatin, die damit ein Problem hatte. Safia, das Wildcard-Mädchen – 2025 aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen, 2026 mit einem Freifahrtschein zurück in die Top 20, gehe über Los, erhalte einen Platz in der Sendung –, überlegt, bei dem Shooting auszusteigen. Wofür sie sich beworben hat, sollte sie ja wohl wissen. Am Ende macht sie das Fotoshooting nicht. Sie geht, freiwillig, ohne Drama.Lesen Sie auch2016 hätte das Format aus diesem Moment drei Folgen gezogen. Wo sind die Tränen, der Streit, die kleinen Allianzen? Wo ist der alte Larissa-Marolt-Gossip, die verpeilte Lisa del Negro, die abgehobene Natalie Volk? Lesen Sie auchWas die Kandidaten jedoch in dieser Staffel an Werbejobs ergattert haben, ist beachtlich. McDonald's, Lego, Alpro – das sind Kampagnen mit Reichweite und mit ordentlich Budget. Und doch vermisst man den Gillette-Rasierer der frühen Staffeln. Nicht weil Gillette größer wäre als McDonald's – sondern weil man damals noch das Gefühl hatte, dass dieser Werbespot tatsächlich der Beginn einer Modelkarriere sein könnte. Heute fragt man sich, ob es der Beginn einer Influencer-Karriere ist. Was den Unterschied zwischen beidem angeht: Anna, die commercial-stärkste Kandidatin der Staffel, kann in hohen Schuhen kaum laufen. Sie wird im kommenden Herbst vermutlich nicht auf einem Runway zu sehen sein. Aber auf einer McDonald's-Werbetafel schon. Ist das gut? Kommt darauf an, was man bei Heidi Klum sucht.Aurélie weiß immerhin, was sie sucht. „Ich habe mich bei GNTM beworben, um meine Modellfähigkeiten zu verbessern“, sagte sie im Interview nach dem Finale. „Daraus will ich keine Reality-TV-Karriere machen. Mein Fokus liegt auf dem Modeln.“ Sharon Stone, Nicole Scherzinger, Adriana Lima – und trotzdem irgendwie egalDas große Finale in Hollywood. Ein Theater, viele Stars, aber kein Live-Format. ProSieben hat aufgezeichnet, bereits Ende Februar, direkt nach der regulären Produktion. Das musste ja schiefgehen. Heidi Klum hatte sich gewünscht, das Finale live zu senden, gestand sie in einem Interview in Cannes, aber der Sender wollte Hollywood. Denn in Hollywood bekommt man leichter prominente Gesichter ins Finale, als wenn man sie nach Köln einfliegen muss. Und prominente Gesichter bedeuten Clips, die auf Instagram funktionieren und Relevanz suggerieren.Im Zoopalast wirkte das Finale dann allerdings eher wie ein Celebrity-Event mit zufällig anwesenden Models. Demi Lovato bekam auf der Leinwand stellenweise mehr Sendezeit als die Finalisten selbst, Nicole Scherzinger performte minutenlang, musicalartig und die ehemaligen Gewinner aus dem Vorjahr mussten in einer unangenehm inszenierten Show Heidi Klum „herbeizaubern“. Dazwischen wurden nach kurzen Walks und Werbepausen schnell die Platzierungen verkündet: Tony und Daphne landen auf Platz drei – weiter geht's.Das Problem daran benannten selbst die Kandidaten der Staffel erstaunlich offen. „Man hat nichts von uns gesehen, von unserem Kartenspielen abends, unseren Ritualen. Das ist der größte Fehler in dieser Staffel: Man hat uns nicht kennengelernt. Man weiß bis zum Schluss nicht, was macht wen aus – und es gab nur so ausgewählte Charaktere“, sagt die Sechstplatzierte Julia. Heute gehe es oft eher darum, möglichst alles gleichzeitig in eine Folge zu packen: Shooting, Challenge, Walk, Job, Gaststar. Dadurch bleibe kaum Raum, die Kandidaten wirklich kennenzulernen.Und trotzdem zeigte sich im Zoopalast genau das, was der TV-Show inzwischen fast mehr Tiefe verleiht als die eigentlichen Folgen: die Dynamik unter den Teilnehmern selbst. Fast die komplette Top 20 war vor Ort, viele ehemalige Kandidaten jubelten bei jeder Entscheidung lautstark mit, filmten sich gegenseitig, schrien bei den Sieger-Momenten auf und fielen sich backstage in die Arme. Die Kandidaten Yanneck und Julia erzählten, dass aus der Staffel „echte Freundschaften“ entstanden seien. Diese Euphorie wirkte ehrlicher als vieles, was später auf der Bühne passierte.Dabei hatte der Abend durchaus absurde Momente: Die erste Entscheidung wurde durch vier kleine Sternen-Pokale statt von Heidi selbst verkündet, einer der Gastjuroren verschwand mitten in der Sendung auf der Toilette, Heidi wechselte jede Pause in ein neues Outfit mit dem immer gleichbleibenden, großzügigen Ausschnitt. Aber es gab auch schöne Momente: Die Familienbotschaften vor der finalen Entscheidung waren ehrlich emotional, und der letzte Männer-Walk brachte tatsächlich noch einmal so etwas wie echtes Fashion-Gefühl in die Show.Was aber bei der 21. Staffel besonders fehlte, war der Wettbewerb. Der einzige Kandidat, der in dieser Staffel echten Wettbewerbsgeist zeigte, war Zweitplatzierter Godfrey – und ihn haben viele als Bösewicht der Staffel abgestempelt. „Ja, ich kann nachvollziehen, dass Leute mich kritisieren. Ich habe auch nicht immer das Gelbe vom Ei praktiziert“, sagte er im Gespräch mit WELT. „Aber wenn man an mir bemängelt, dass ich selbstbewusst bin und ich in Fotoshootings sage, dass am liebsten alle rausfliegen sollen außer ich – dann sage ich halt: Es ist eine TV-Show. Da überspitzt man manche Aussagen. Ich war schon immer so, das ist meine Persönlichkeit. Aber aus der Entfernung lässt sich natürlich leichter urteilen.“ Dass er polarisieren würde, sei ihm bewusst gewesen – nur nicht wie sehr. Was als Nächstes kommt? „Wenn das passende Format und Angebot gut sind, dann auch gerne eine Reality-Show. Aber kein Datingformat. Außer vielleicht der Bachelor“, fügt er hinzu und lacht.Lesen Sie auchFazit21 Staffeln GNTM, und was bleibt, ist das Gefühl, einer Sendung beim Älterwerden zuzuschauen. Die Kandidaten sind gut, die Jobs sind real, die Villa in Beverly Hills ist wirklich eine Villa. Aber das Format hat sich so sehr daran gewöhnt, zu funktionieren, dass es aufgehört hat zu fragen, warum.Als die Gewinner verkündet wurden, ist die Top 20 im Zoopalast in Berlin trotzdem ausgerastet. Für die Models war das ein großer Moment. Und gleichzeitig bei allen der Gedanke: Wir feiern hier gerade etwas, das seit gestern bekannt ist. Genau das ist das Problem. Nicht dass GNTM keine Emotionen mehr produziert, sondern dass die Lagerfeuermomente und der Live-Faktor fehlen – diese Momente, in denen wirklich noch niemand weiß, was passiert oder in denen etwas schiefgehen kann. Die Show hat ein Problem. Die Kandidaten nicht.Es gibt Formate, die nicht schlechter werden – sie verlieren nur die Motivation, die sie einmal hatten. Wenn das Finale voraufgezeichnet ist, die Staffel keine echten Überraschungen mehr produziert und die Sieger ihre Karriere vor allem auf Instagram fortsetzen, dann stellt sich irgendwann die Frage: Wofür das alles noch?Heidi Klum hat für solche Momente einen Satz, den sie jedes Jahr sagt, wenn jemand freiwillig geht, weil der Weg bei GNTM nicht der richtige ist: „Reisende soll man nicht aufhalten.“ Irgendwann wird man sich fragen, ob man den Satz auch an die Sendung selbst richten muss.