Seit 1918 gilt in Deutschland für Beschäftigte grundsätzlich der Achtstundentag. Die schwarz-rote Regierung unter Kanzler Merz (CDU) will die Regeln für die Arbeitszeiten in Deutschland jetzt flexibilisieren. Teil der schwarz-roten Reformpläne ist, dass es in Zukunft eine wöchentliche Höchstarbeitszeit geben soll.Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat nun vorgeschlagen, die Arbeitszeit zunächst nur für bestimmte Berufe auszuweiten. „Wenn man zu große Sorgen um den Arbeitsschutz hat, könnte man in einem ersten Schritt die gesetzliche Anpassung auf Beschäftigte konzentrieren, wo keine Gesundheitsrisiken drohen: die Bürobeschäftigten“, sagte der IW-Arbeitsmarktexperte Oliver Stettes den Zeitungen der Funke Mediengruppe.Stettes warb dafür, die Regelung zur täglichen Arbeitszeit zu reformieren. „Eine Flexibilisierung der täglichen Höchstarbeitszeit kann Beschäftigten und Unternehmen helfen, private Wünsche und Anforderungen mit betrieblichen Notwendigkeiten besser auszubalancieren.“Die aktuelle Arbeitszeitdebatte geht an der Lebenswirklichkeit von Familien komplett vorbei.Elke Hannack, DGB-VizechefinDer Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) lehnt Änderungen an der täglichen Arbeitszeit strikt ab und ließ die Meinung der Menschen dazu erfragen. Demnach würde mehr als jeder zweite Beschäftigte in Deutschland gerne kürzer arbeiten. Bei Männern mit Kind sind es sogar 63 Prozent, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer insgesamt wünschen sich zu 53 Prozent kürzere Arbeitszeiten, wie die Erhebung des Umfragezentrums Bonn (uzbonn) zeigte. Mehr Wachstum durch flexiblere Arbeitszeit? Männer arbeiten der Umfrage zufolge im Durchschnitt 37,1 Stunden, Frauen 30,8 Stunden pro Woche. 42 Prozent der weiblichen, aber nur 36 Prozent der männlichen Beschäftigten sind in die Betreuung und Erziehung eines Kindes eingebunden.Die mehr als 4000 zwischen Januar und Mai 2025 befragten Beschäftigten wurden auch gefragt: „Wie oft kommt es vor, dass Sie sich nach der Arbeit leer und ausgebrannt fühlen?“ Bei den Männern sagten 29 Prozent „oft“ oder „sehr oft“, bei den Frauen sogar 40 Prozent. Besonders deutlich zeige sich die Belastung bei Alleinerziehenden und Frauen, die Angehörige pflegen. Die Umfrage ist nach Angaben der Herausgeber repräsentativ für die arbeitenden Beschäftigten in Deutschland.„Die aktuelle Arbeitszeitdebatte geht an der Lebenswirklichkeit von Familien komplett vorbei“, sagte DGB-Vizechefin Elke Hannack der Deutschen Presse-Agentur.Das Argument, alles müsse gegen die Wachstumsschwäche der Wirtschaft getan werden, lässt Hannack nicht gelten: „Wenn Beschäftigte bis zur Erschöpfung arbeiten, steigen nicht die Wachstumskräfte, sondern die Krankenstände und Unfallzahlen. Echtes Wachstum entsteht durch motivierte, gesunde Arbeitskräfte – nicht durch entgrenzte Arbeitszeiten ohne Schutz.“Auch DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel warnte: „Zu lange Arbeitstage führen nachweislich zu Krankheiten, die am Ende des Tages nicht nur Beschäftigten schaden, sondern auch der Wirtschaft und dem Gesundheitssystem.“ Jede Lockerung der Regeln würde einseitig die Arbeitnehmer belasten.„Änderungen am Arbeitszeitgesetz lehnen wir ab: Das aktuelle Gesetz sichert die Gesundheit der Beschäftigten und verhindert, dass Menschen wie Maschinen behandelt werden“, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe.Seit jeher ist das Arbeitszeitgesetz daher ein Schutz für Beschäftigte vor den Ansprüchen, ja auch der Willkür, ihrer Chefs.Guido Zeitler, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-GaststättenAuch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnte vor einer Aufweichung des Achtstundentages. „Seit jeher ist das Arbeitszeitgesetz daher ein Schutz für Beschäftigte vor den Ansprüchen, ja auch der Willkür, ihrer Chefs“, sagte der Vorsitzende Guido Zeitler. „Heute scheinen die Belastbarkeitsgrenzen von Beschäftigten jedoch vergessen zu sein.“ Ziel der Arbeitgeber in der aktuellen Debatte sei es, „ihre Beschäftigten nach Belieben einzusetzen“.DGB-Vize Hannack sprach sich dafür aus, dass die Beschäftigten mehr selbst über ihre Arbeitszeit mitbestimmen können sollten. Gerade für Frauen würden Job, Kinder, Pflege und Haushalt oft zur Zerreißprobe. Die vielen Anforderungen bekämen sie am besten mit planbaren Zeiten unter einen Hut. Deshalb dürfe „das Weisungsrecht des Arbeitgebers“ nicht durch eine Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit erweitert werden. Spannungen im Vorfeld von Reformen der Merz-Regierung Auf die politische Agenda gehörten kürzere Arbeitszeiten und die gerechtere Verteilung unbezahlter Sorgearbeit, forderte die Gewerkschaftsvertreterin. Damit ist etwa Pflege von Angehörigen daheim gemeint.Zuletzt hatte die CDU-Politikerin Gitta Connemann Änderungen bei der Wochenarbeitszeit gefordert. „Das heißt, dort, wo der Bedarf ist, auch am Wochenende oder in der Nacht arbeiten zu dürfen“, sagte die Chefin der Mittelstandsunion im RTL/ntv-„Frühstart“.Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hatte für diesen Juni einen Gesetzentwurf zur Arbeitszeit angekündigt. Auf dem DGB-Bundeskongress Mitte Mai hatte die SPD-Chefin gesagt: „Wenn es nach der SPD und mir persönlich geht, fassen wir das Thema gar nicht erst an, aber es steht im Koalitionsvertrag.“ Nach dem DGB-Kongress gab es Kritik aus der CDU-Zentrale an den Gewerkschaftern. Merz hatte für Reformen geworben und war von Teilen des Publikums ausgebuht worden.Als Teil des Reformprozesses beabsichtigen die Koalitionsspitzen, sich mit Gewerkschaften und Arbeitgebern im Kanzleramt zu treffen. Bis zur Sommerpause soll ein Reformpaket bei Steuern, Arbeitsmarkt, Rente und Bürokratieabbau stehen. (mit dpa)
Streit über Achtstundentag: Ökonomen fordern Ausweitung der Arbeitszeit zunächst nur für Bürobeschäftigte
Um die Wirtschaft anzukurbeln, will die Merz-Regierung auch bei der täglichen Arbeitszeit ansetzen. Experten rücken zunächst eine Berufsgruppe in den Fokus. Der DGB untermauert seine Ablehnung mit neuen Zahlen.











