NZZ-Podium zum Iran-Krieg: Stürzen die Mullahs? Und falls ja, was kommt danach?Drei Experten ordneten an einer Veranstaltung von «NZZ Live» die Situation im Nahen Osten ein. Die europäische Passivität stand in der Kritik.Jana Kehl29.05.2026, 05.03 Uhr4 LeseminutenDer Moderator Daniel Fritzsche diskutierte mit Kijan Espahangizi, Melody Sucharewicz und Jonas Roth (v. l. n. r.).NZZ LiveSeit der Etablierung der Islamischen Republik 1979 hat sich das Mullahregime in Teheran weltpolitisch quergestellt. Die Vernichtung des «grossen Satans» USA und des «kleinen Satans» Israel wurde zur Staatsräson – und das iranische Atomprogramm zur Krönung des internationalen Machtanspruchs.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 kulminierte der Konflikt in einem offenen Krieg, dessen Showdown wir gegenwärtig erleben. «Stürzt die Herrschaft der Mullahs, käme das dem Fall der Berliner Mauer gleich», lautete deshalb die zentrale These des NZZ-Podiums vom 27. Mai.Über die Situation in Iran und darüber hinaus haben Kijan Espahangizi, Historiker und Iran-Experte, Melody Sucharewicz, Beraterin für politische Kommunikation und Strategie, und Jonas Roth, Auslandredaktor bei der NZZ, diskutiert. Moderiert hat das Gespräch Daniel Fritzsche, Ressortleiter der NZZ.«Wo ist Europa? Wo ist die Schweiz?» Diese Frage stellte der Historiker Kijan Espahangizi zu Beginn seines Input-Referats stellvertretend für einen Kollegen in Iran. Dann gab er einen Einblick in die Situation der Menschen im Land, die im westlichen Diskurs oft aussen vor bleiben.Sie seien erschöpft – von der tiefen wirtschaftlichen Krise, von den täglichen Hinrichtungen, von der Trauer um die vielen Menschen, die bei den Protesten im Januar getötet wurden. Sie nähmen wahr, dass Europa stärker damit beschäftigt sei, sich an den USA und Israel abzuarbeiten, als den Iranern zuzuhören. Und: «Sie nehmen wahr, dass das Regime in den Medien starkgeredet wird.»Der Konflikt im Nahen Osten basiere nicht auf einem lösbaren Interessengegensatz, sondern auf einem einseitigen ideologischen Kampf, sagte Espahangizi.«Die Islamische Republik definiert sich nicht einfach als Staat unter Staaten.» Sie verstehe sich als Trägerin einer messianisch-islamischen Weltmission – als Gegenmacht zum von den USA und Israel verkörperten Westen, dem sie mit ihrer Gründung den Krieg erklärt habe. «Das ist keine ideologische Folklore für Staatsfeiern.»Zumindest aus Sicht der Iraner gebe es nur zwei Szenarien: «Das Regime stürzt oder nicht – unabhängig davon, ob es zu einem Deal kommt.»Wie geschwächt ist das Regime in Iran?Bevor die Podiumsgäste über solche Szenarien diskutierten, gab der NZZ-Fachredaktor Jonas Roth einen Überblick über die unübersichtliche Situation im Nahen Osten.Die unendlichen Wendungen rund um einen Deal zwischen den USA und Iran ziehen sich seit Beginn der Waffenruhe im April hin. Derzeit gehe es darum, mit der Involvierung Katars und Pakistans ein Memorandum of Understanding zu finden, das die Waffenruhe um 60 Tage verlängern würde, sagte Roth. In dieser Zeit sollen die eigentlichen Verhandlungen, etwa um das Atomprogramm, beginnen.Nicht vergessen dürfe man dabei Israel, das in diesem Prozess an der Seitenlinie stehe, sowie den Schauplatz im Norden Israels und im Süden Libanons.Fest stand für die Podiumsteilnehmer: Das Regime in Iran und dessen Verbündete sind geschwächt – wohl so geschwächt wie nie. Das zeige sich etwa an der massiven wirtschaftlichen Krise im Land. Der Moderator Daniel Fritzsche warf daraufhin die Frage auf, wie sich das Regime trotz seiner Schwäche weiter aufrechterhalten könne.«Brutalität», lautete die Antwort von Espahangizi. Er lehne es ab, von einem «iranischen Regime» zu sprechen. Vielmehr handle es sich um ein islamisches Regime, das mitunter auf ausländischen Milizen aufbaue und Iran besetze. «Das ist ein wichtiger Unterschied.» Er erkläre, wie ein derart grosser Teil der Bevölkerung massakriert werden könne.Von Trump zu Timmy, dem WalDas amerikanische und israelische Vorgehen geriet in den Fokus der Diskussion. In den ersten Tagen des Krieges haben die beiden Staaten bei einer militärischen Operation über 250 Regierungs- und Führungsfiguren des Regimes ausgeschaltet. Ein Szenario wie jenes in Venezuela mit einem raschen Regimewechsel blieb jedoch aus.Fritzsche fragte die Experten deshalb: «War es im Nachhinein die richtige militärische Strategie?»Roth unterschied zwischen taktischer und strategischer Ebene. Auf ersterer sei die militärische Operation erfolgreich gewesen. «Sehr viele Einrichtungen und Waffensysteme wurden getroffen.» In strategischer Hinsicht seien die Ziele – vom Sturz des Regimes über die Zerstörung des Nuklearprogramms bis hin zur Eindämmung des Raketenaussenhandels – jedoch nicht erreicht worden.Gerade auf dieser Ebene sei Klarheit wichtig, betonte Sucharewicz. Auf der westlichen Seite müsse man verstehen, dass die strategische Geduld der Mullahs gross sei. Für sie gelte: «Solange der Islam über die Welt siegt, ist Iran als Staat egal.»Ein Regime, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde, könne nicht in einem Tag fallen. Für den Westen sei deshalb nicht nur gefordert, strategische Geduld zu zeigen, sondern auch zu signalisieren: «Timmy, der offensichtlich suizidale Wal in der Ostsee, ist aus medialer und gesellschaftspolitischer Perspektive nicht wichtiger als die tagtäglichen Exekutionen in Iran.»Die Neuordnung im Nahen OstenAus israelischer Perspektive scheint der Fall realpolitisch klar: Solange die Mullahs regieren, droht dem jüdischen Staat die Auslöschung. Sucharewicz machte aber auch darauf aufmerksam, dass die Bedrohung weitreichender sei.«Die ballistischen Raketen Irans könnten Europa und auch die Schweiz schon heute erreichen», sagte sie. Auch würden Finanzsysteme unterwandert – und Gelder aus Europa abgezogen, die dann in Terror-Proxys im Nahen Osten flössen. «Was also sollte uns dieser Krieg wert sein? Und wie soll dieser weitergehen?»Diese Fragen standen gegen Ende der Diskussion im Raum. Bei der Frage, ob Reza Pahlevi, der Sohn des letzten Schahs, eine legitime Nachfolgelösung für die Herrschaft der Mullahs ist, gingen die Meinungen auseinander.Sucharewicz betonte, Pahlevi sei die «einzige nationale Führungsfigur, hinter der sich eine Mehrheit der Iranerinnen und Iraner aller Schichten und Ethnien versammelt».Für Roth stellte sich hingegen die Frage, wie gross die Unterstützung für Pahlevi im Land tatsächlich sei – und wie sich die Machtübernahme realpolitisch umsetzen liesse. Bedingung hierfür sei schliesslich ein Sturz der Mullahs.Ein solcher käme in geopolitischer Hinsicht dem Fall der Berliner Mauer gleich, zu diesem Schluss kam Roth. «Der Fall des Regimes würde eine massive Neuordnung des Nahen Ostens bedeuten», sagte Roth. Er wäre ein Segen für die Region aufgrund der neuen wirtschaftlichen und geopolitischen Möglichkeiten – und auch ein Segen für die Welt.Passend zum Artikel