Die Sprinterin Catia Gubelmann hat ADHS. Sie sagt: «Ich habe nicht mehr gelebt, nur noch überlebt»Im Spitzensport tummeln sich ADHS-Betroffene, dennoch bleibt die Diagnose ein Tabu. Gubelmann bricht das Schweigen – und wird zu dem Vorbild, das sie nie hatte.29.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenSeit ihrer ADHS-Diagnose kann die Sprinterin Catia Gubelmann ihre Energie besser kanalisieren. Mit ihrer Geschichte will sie anderen Betroffenen Mut machen.Silas Zindel / 13PHOTOCatia Gubelmann strampelt im Keller der Sportanlage Sihlhölzli in Zürich auf dem Fahrradergometer und tippt Whatsapp-Nachrichten. Lieber wäre sie an diesem Frühlingsnachmittag auf der Tartanbahn, wo andere ihre Runden ziehen. Die 1,59 Meter grosse Sprinterin würde allen davonlaufen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit der 4-mal-400-m-Staffel holte sie 2023 an der U-23-EM Silber, 2025 wurde sie Schweizer Meisterin über 400 Meter, im gleichen Jahr nahm sie mit der Frauenstaffel in Tokio an den Weltmeisterschaften teil. Doch dann: Knorpelschaden im Knie. Seit der Operation im Januar ist ihr Alltag von der Reha bestimmt, rennen darf sie derzeit nicht.Verletzungen sind für Athletinnen und Athleten immer einschneidend, doch Catia Gubelmann muss auf das Ventil verzichten, das ihr hilft, den Alltag zu bewältigen. Sie hat ADHS – ihre Gedanken sind laut und viel, immer da. Sprinten gehört für sie zu den schönsten Dingen der Welt: Auf der 400-Meter-Bahn fühlt sie sich frei, fast, als würde sie fliegen.Endlich ist es in ihrem Kopf still.Eine Wand des SchweigensWenn Gubelmann von den vergangenen Monaten erzählt, dann sprudeln die Worte aus der 24-Jährigen heraus: «Es ist gottlos», sagt sie, «ganz ehrlich, es war der Horror.»Reize und Informationen verarbeitet sie anders als sogenannte neurotypische Personen. ADHS ist eine Entwicklungsstörung, die mit einer veränderten Aktivität im vorderen Teil des Gehirns zusammenhängt, dem präfrontalen Cortex, zuständig für Aufmerksamkeit, Selbststeuerung und Regulation der Emotionen. Gubelmann ist hyperaktiv – innerlich und körperlich. Sie fühlt intensiv, handelt oft impulsiv. Die Aufmerksamkeit zu lenken, fällt ihr schwer.Weltweit steigen die ADHS-Diagnosen. Laut Schätzungen betrifft die Störung rund 2,5 Prozent der Erwachsenen. Wie viele Spitzensportler darunter sind, weiss niemand genau; die Studienlage ist dünn. Wissenschafter schätzen, dass etwa 8 Prozent der Spitzensportler von ADHS betroffen sind. Malte Claussen, Sportpsychiater und Chefarzt am Psychiatriezentrum Münsingen, sagt: «ADHS gehört zu den häufigsten Erkrankungen in der sportpsychiatrischen Praxis im Leistungssport.»Ein Indiz liefert die Zahl der Ausnahmebewilligungen zu therapeutischen Zwecken, die Swiss Sport Integrity (SSI) jährlich an Athletinnen und Athleten vergibt, die national aktiv sind. Weil Medikamente gegen ADHS auf der Dopingliste stehen, brauchen sie bei Wettkämpfen eine entsprechende Bewilligung. Seit 2018 hat SSI 161 Gesuche für ADHS-Medikamente akzeptiert – unter anderem jenes von Catia Gubelmann. Die Tendenz: steigend.Der wohl bekannteste Athlet mit ADHS ist Michael Phelps, der erfolgreichste Schwimmer der Geschichte. Er beschreibt ADHS als Herausforderung und einen Kampf, doch es habe ihn auch zu dem Menschen gemacht, der er heute ist. Auch die deutsche Schwimm-Weltmeisterin Angelina Köhler spricht offen über ihr ADHS. Von den Schweizer Profisportlern und Profisportlerinnen hat einzig Catia Gubelmann ihre Diagnose öffentlich gemacht. Sonst bleibt es erstaunlich ruhig, Anfragen dieser Zeitung bleiben unbeantwortet.Während andere schweigen, wurde Gubelmann zur ADHS-Botschafterin. In der Sendung «Sportpanorama» erzählt sie ihre Geschichte, sie ist eine der Protagonistinnen in der ZDF-Doku über ADHS, auf Instagram bezeichnet sie sich als «ADHD athlete». In einer Zeit, in der Abklärungsstellen für ADHS komplett überlastet sind, trifft Catia Gubelmann einen Nerv.Schnell, aber unkonzentriert Dabei war sie lange ahnungslos, dass sie ADHS hat. Sie wuchs in Uster auf, bewegte sich schon als Kind gern und viel. Mit sechs Jahren trat sie dem Turnverein bei und begann mit Leichtathletik. Ihr Vater ist der Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann, der an der ETH lehrt. Zu Hause war er der Papi, nicht der Psychologe.In der Schule musste sie sich zusammenreissen, um konzentriert zu bleiben, in Gruppenarbeiten sass sie oft allein. Kritik traf sie hart, Traurigkeit und Wut überfielen sie schnell. Sie spürte, dass sie anders ist, fand aber keine Worte dafür. Also begann sie, wie sie es heute nennt, «Menschen zu studieren». Und lernte, sich anzupassen.Gubelmann arbeitet derzeit auf ihr Comeback hin. Ihr Ziel: den Schweizer Rekord über 400 Meter zu brechen.Kjetil Waber / ImagoAls Jugendliche trainierte Gubelmann vor allem Mehrkampf – eine abwechslungsreiche und energiegeladene Mischung, so wie sie es mag. Wegen einer Verletzung im Sprunggelenk fokussierte sie sich später auf die 400 Meter. Nie musste sie sich überwinden, ins Training zu gehen. Ohne es zu wissen, erhielt sie dabei einen Dopaminschub, der ihre Gedanken ordnete.Der Sportpsychiater Malte Claussen erklärt, dass viele Menschen mit ADHS in den Spitzensport gelangen, weil sie hier ihre Energie und ihren Bewegungsdrang ausleben können. Er spricht von einer positiven Selektion: Betroffene nutzten den Sport, um die Herausforderungen von ADHS auszugleichen, und setzten Stärken wie den Hyperfokus ein – einen Zustand tranceartiger Konzentration.Trotzdem ist ADHS für Catia Gubelmann keine Superkraft. Sie sagt: «Leute, die das behaupten, haben entweder kein ADHS oder keinen Leidensdruck.» Lieber spricht sie von einer «Besonderheit». Denn auch im Spitzensport stösst sie an ihre Grenzen. Früher verletzte sie sich häufiger, weil sie die Signale ihres Körpers zu spät wahrnahm; bei technischen Einheiten verliert sie bis heute manchmal die Konzentration, bricht in Tränen aus, wenn etwas misslingt.Als Teenager kickte sie auch einmal Hürden weg oder schrie den Trainer an. Im Leichtathletikverein galt sie als pubertierendes und lautes Mädchen, das Aufmerksamkeit sucht. Als sie 17 Jahre alt war, begann ein neuer Trainer im Verein: Manuel Evangelista. Er sei gewarnt worden, sagt er rückblickend: «Es hiess, dass ich mir mit Catia keine Mühe geben soll. Sie sei zwar schnell, doch sie könne sich weder konzentrieren noch beherrschen.» Die Warnung spornte ihn an.Endlich kann sie ihre Energie kanalisierenEvangelista begann, Gubelmann zu trainieren. Als die Gruppe wieder einmal ihretwegen das Training unterbrechen musste, stellte er ein Ultimatum: «Einmal noch, dann bist du raus.» Und doch geschah es wieder. Als sie während eines Trainings hyperventilierte und ohnmächtig wurde, erkannte Evangelista: Sie tut es nicht für die Aufmerksamkeit.Mit 18 wollte Catia Gubelmann nicht mehr. Sie zweifelte an ihren Gefühlen, hielt sie für falsch. Sie verwendete ihre ganze Lebensenergie darauf, so zu tun, als wäre sie normal. «Ich habe nicht mehr gelebt, nur noch überlebt.» Es folgte der Zusammenbruch.Manuel Evangelista stutzte ein zweites Mal. Aus seinem familiären Umfeld kannte er einige Symptome, die Gubelmann zeigte. Er riet Gubelmann zu einer ADHS-Abklärung. Das Resultat war eindeutig: Die Ausprägungen der Diagnosekriterien erreichten Höchstwerte.Mit 20 wusste Catia Gubelmann, warum sie sich immer anders gefühlt hatte. Die Diagnose brachte Erleichterung. Sie verstand sich selbst besser, konnte endlich ihre Energie kanalisieren.Das Training bleibt für sie ein Wechselspiel aus Emotionen und Konzentration. Evangelista erkennt an ihrer Körpersprache und ihrem Gesichtsausdruck, wie es ihr geht. Behält sie beim Begrüssen die Kopfhörer auf und wirkt apathisch, weiss er: Sie ist reizüberflutet, jedes negative Erlebnis wäre jetzt zu viel. Er beginnt mit leichten Übungen, die sie nicht überfordern, sondern motivieren. Er legt Pausen ein. Schweift ihr Blick ab, schnippt er mit den Fingern – und holt sie so zurück auf den Platz.Seit sieben Jahren begleitet Evangelista sie, viele Trainingsstunden leistet er ehrenamtlich. In seiner Trainerausbildung war ADHS nie ein Thema. Er hat sich selbständig ein grosses Wissen angeeignet – durch Gubelmann lernt er noch heute dazu.Die beiden haben ein freundschaftliches Verhältnis, vertrauen einander. Manchmal müsse er einstecken, sie könne forsch und frech werden, doch es komme viel zurück, sagt er: «Eine Athletin, die so viel investiert, hat es auch verdient, dass man 100 Prozent für sie gibt.»Noch immer muss man sich outen2025 hat Catia Gubelmann ihre ADHS-Diagnose öffentlich gemacht. Den Schritt hat sie sich gut überlegt – und zuvor auch mit ihrem Vater besprochen. Der Spitzensport sei eine harte Bubble, sagt sie. «Je höher du kommst, desto weniger Angriffsfläche darfst du bieten, sonst bist du direkt weg.» Sie spricht von einem Outing – was zeigt, wie gross das Tabu noch ist, obwohl ADHS so viele betrifft.Hanspeter Gubelmann sagt, er habe durch die Diagnose seiner Tochter viel gelernt: als Vater und als Sportpsychologe. Heute macht er auf ein Thema aufmerksam, das lange ein blinder Fleck war. Bei Vorträgen bei Sportvereinen oder Klubs fragt er, wer jemanden mit ADHS kenne oder selbst betroffen sei. «90 Prozent strecken die Hand», sagt er. Und an der ETH kommen Sportlerinnen auf ihn zu – auffällig viele Frauen outen sich bei ihm.Auch Catia Gubelmann erhält viele Anfragen; so viele, dass sie es nicht mehr schafft, alle zu beantworten. Eltern von Kindern im Spitzensport, Athletinnen und Athleten bitten sie um Rat, wie sie mit ADHS umgehen können, bedanken sich bei ihr, dass sie das Thema sichtbar macht. «Eigentlich sollte ich einige der Anfragen an einen Psychologen weiterleiten», sagt sie, «doch es gibt kaum welche, die sich auf ADHS im Spitzensport spezialisiert haben.»Sie sagt, sie glaube fest daran, dass sie zu dem wird, was sie früher selbst gebraucht hätte. Heute ist Catia Gubelmann das Vorbild, das sie nie hatte.Passend zum Artikel