Die deutsche Romantik kommt aus dem Süden: Wie ein paar Aussteiger vor zweihundert Jahren nach Olevano flüchteten, um die Kunst neu zu erfindenSeit Goethe war Italien das gelobte Land für deutsche Künstler. In seinem neuen Buch erzählt der Kunsthistoriker Golo Maurer von einer Sehnsucht. Und einem Bergstädtchen in der Nähe von Rom.Clemens Klünemann29.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenHinter den sieben Bergen des Apennin: Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Bergstädtchen Olevano für eine Gruppe deutscher Maler zum Zufluchtsort.Marco Scataglini / GettyOlevano liegt in den Prenestiner Bergen, eine Stunde von Rom entfernt. Ein kleiner, malerischer Ort im wörtlichen Sinn: Das Malerische, Idyllische war es, was Olevano interessant machte für Touristen und Aussteiger, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts in Rom tummelten – auf den Spuren Goethes selbstverständlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber genau da lag das Problem. So wie Goethe Rom geschildert hatte, als «Symbol für die spirituelle Einheit von Himmel und Erde», würde die Ewige Stadt nicht immer bleiben. Das war Wilhelm von Humboldt bewusst. 1805 schrieb der preussische Gesandte an Goethe, er fürchte sich, «dass Rom modern werden» könnte – und damit als Sehnsuchtsort wertlos würde. Er war nicht der Einzige, der so empfand. Ein paar Jahre später klagte der Architekt Karl Friedrich Schinkel: «Die Piazza del Popolo fand ich sehr verändert, indes viel zu modern für Rom, und die neue Architektur vom Architekten Valadier sehr ordinär.»Statt wie der aristokratische Botschafter und der etablierte Architekt aus Berlin diese Nostalgie in elegischen Briefen zu zelebrieren, suchte eine neue Generation junger Maler das, was in Rom zu verschwinden drohte, an einem anderen Ort. Und sie fanden es hinter den sieben Bergen des Apennin. Den jungen Malern, der Entdeckung Olevanos und der neuen Kunst, die damals entstand, widmet der deutsche Kunsthistoriker Golo Maurer sein neues Buch «Olevano».Flucht in ScheinweltenViele der jungen Künstler, die damals nach Olevano zogen, blieben zeitlebens unbekannt. Ein paar gehören zu den Grössen der damaligen Zeit: Joseph Anton Koch, Jakob Philipp Hackert oder Johann Christian Reinhardt. Ihre Flucht in die Berge war auch die Flucht aus einer Zeit, die sich trotz aller Erneuerung noch immer am Ideal des Klassischen orientierte. Auch diesem versuchten sie in der Einsamkeit des unbekannten Bergstädtchens zu entkommen, und so wurden sie zu Vorreitern der Kunst, die sich im neuen Jahrhundert als Romantik etablieren sollte – Golo Maurer nennt sie «die Avantgarde der Rückwärtsgewandten».Was in komplexen Abhandlungen und wortreichen Studien über das Romantische und die Romantik als Epoche gesagt wurde, komprimiert Golo Maurer zu einem dichten Porträt dieser nostalgischen Maler-Aussteiger. Dabei versagt er sich nie das leise Lächeln der romantischen Ironie: «Meist ist etwas gründlich schiefgegangen im vorromantischen Leben des Romantikers», schreibt er, «traumatische Verluste, Verlust der Geliebten, der Kindheit, der Heimat, der Stellung – kurz: der Gewissheit, das eigene Glück auf den geordneten Bahnen einer bürgerlichen (oder zur Not auch höfischen) Laufbahn aufbauen zu können.»Auf den Verlust sei dann die Entsagung gefolgt, der Verzicht auf das «mentale Regelwerk der vernünftigen Welt» – und schliesslich die Hingabe an das, was Trost und Hoffnung versprochen habe: die subjektive Welt der Träume und des Glaubens, des Irrationalen, Mystischen, Spirituellen und Märchenhaften. Scheinwelten allesamt.Wie ein MärchenEine solche Scheinwelt sei die Idylle von Olevano gewesen, sagt Maurer. Oder besser, sie sei es geworden für die, die sie dort suchten. Und statt einer kunsthistorischen Abhandlung über das Romantische erzählt Golo Maurer eine Geschichte, «die sich wie ein Märchen liest, aber von vorne bis hinten wahr ist; die Geschichte eines jungen Romantikers, der auszog, das Malen zu lernen, natürlich nach Italien».Franz Theobald Horny heisst der Maler, von dem Maurer erzählt. Ein geborener Romantiker gewissermassen. Maurer schildert Hornys Leben so, dass der Leser mit diesem jungen Mann mitlebt und mitleidet, der so hoffnungsvoll wie Eichendorffs Taugenichts aufbrach: aus Weimar über Rom nach Olevano, wo er in der Dorfkirche begraben wurde.Mit Hornys Lebensreise kontrastiert Golo Maurers eigener Besuch in Olevano im Winter 2025. Als er am Horizont das malerische Städtchen erblickt, kann er den «Gürtel aus Nachkriegsbausubstanz» kaum ausblenden, «wie man ihn sich in den optimistischen fünfziger und sechziger Jahren fast überall zugelegt hatte». Die Modernisierung des einstigen Sehnsuchtsorts ist selbst schon lange historisch geworden. Im neuen Olevano leben die Olevaner, die ihre historischen Wohnungen im Borgo an Dänen, Deutsche und Engländer verkauft haben, die in ihren Hauseingängen bunte Keramikschildchen aufhängen.Golo Maurers Buch ist die Geschichte nostalgischer Erwartung und der ernüchternden Enttäuschung, die sie begleitet. Das war zu Zeiten Franz Hornys so und ist bis heute so geblieben. Maurer erzählt von diesem Refugium romantischer Aussteiger mit so viel ernsthaftem Witz, dass man gar nicht anders kann, als von einer Reise an diesen Ort zu träumen – die Ernüchterung wird sicherlich früh genug kommen.Golo Maurer: Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden. C.-H.-Beck-Verlag, München 2026. 383 S., Fr. 44.90.Passend zum Artikel
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