Paul McCartneys Kunst der SelbstvermarktungDer 83-jährige Ex-Beatle hat ein neues Album herausgebracht. Es könnte sein letztes sein.Nick Joyce29.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer Privatmann Paul McCartney hält Distanz zu McCartney als öffentlicher Figur.Mary McCartneyPaul McCartney ist ein brillanter Selbstvermarkter. Das hat er jüngst in der Abschiedssendung des amerikanischen Talkmasters Stephen Colbert bewiesen. Da bewarb er nicht einfach sein neues Album «The Boys of Dungeon Lane», als finaler Gast des Komikers und prominenten Trump-Gegners bekundete McCartney überdies sein ungebrochenes Vertrauen in die Resilienz der Demokratie. Von diesem locker wirkenden, aber professionell durchgetakteten Spagat zwischen Product-Placement und politischer Standortbestimmung, der in einer bedeutungsschwangeren Interpretation des Beatles-Hits «Hello Goodbye» mündete, könnten PR-Profis einiges lernen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Parallel zu seinem derzeitigen Marathonlauf durch traditionelle Medien bedient McCartney das Internet so virtuos wie kaum ein anderer Musiker seiner Generation. Über Facebook und Instagram pumpt der mittlerweile 83-jährige Ex-Beatle Teaser für «The Boys of Dungeon Lane» ins Netz. Die schiere Menge an Klängen, Bildern und sonstigen Informationen, die zum neuen Album in die Öffentlichkeit dringt, schürt das Interesse und schraubt die Erwartungen so hoch, dass sie kaum erfüllt werden können.Fehlende biografische TiefenschärfeSeit Monaten wird «The Boys of Dungeon Lane» (der Albumtitel bezieht sich auf eine Strasse in Liverpool) als Rückblende auf McCartneys Jugend und die Anfänge der Beatles angekündigt. Dieses Versprechen auf persönliche Einblicke in McCartneys Privatleben wird aber nicht eingelöst. Anders etwa als der grosse Tom Waits, der bewusst Personen und Ortsnamen, Wetterprognosen und vielleicht auch die eine oder andere Essware in seine Songtexte einbaut, um diese zu konkretisieren, verzichtet McCartney hier auf direkte Orientierungshilfen. So schwebt «The Boys of Dungeon Lane» ohne Tiefenschärfe oder Bodenhaftung über seine Biografie hinweg.McCartney gibt sich auf «The Boys of Dungeon Lane» zwar nahbar, bleibt aber unverbindlich. Die erste veröffentlichte Single vom neuen Repertoire, «Days We Left Behind», handelt von verrauchten Bars und billigen Gitarren, die zweite, «Home to Us», ist ein nostalgischer Lobgesang auf das Leben in einfacheren Zeiten. Und in «Down South» begeistert sich McCartney, von einer beiläufig schrammelnden Gitarre begleitet, für den einst jungen Rock’n’Roll. Dass dieser Song, der wie eine für den Privatgebrauch bestimmte Demo-Aufnahme klingt, von McCartneys Freundschaft mit seinem späteren Bandkollegen George Harrison handelt, kriegt man kaum mit.Die Unverbindlichkeit sollte nicht überraschen. In einem Gespräch sagte McCartney 1999, dass er mit der öffentlichen Figur des Paul McCartney wenig gemein habe. «Dieser McCartney ist wie ein Pferd, auf dessen Rücken ich reite. Ich flüstere ihm manchmal Dinge ins Ohr, aber eigentlich handelt er unabhängig von mir.» Die Abgrenzung von seiner öffentlichen Person erklärt wohl, warum McCartney in seiner Musik so wenig von sich preisgibt. Selbst als Künstler schirmt er sich von der Aussenwelt ab.Als Songwriter und Multiinstrumentalist kann McCartney immer noch überzeugen, obschon seine Singstimme eine gewisse Altersschwäche aufweist. Das an sich sentimentale «Momma Gets By» enthält jene federnden Harmonien, wie sie McCartneys beste Balladen seit den 1960er Jahren auszeichnen. Rockstücke wie «As You Lie There» überraschen durch die Wucht, mit der Bass und Schlagzeug sie aufrauen. Höhepunkt von «The Boys of Dungeon Lane» ist das besagte «Home to Us», bei dem Ringo Starr sinnig mittrommelt und mitnuschelt. Mit diesem Klassiker, der nur darauf wartet, als solcher erkannt zu werden, zeigt McCartney, wer den Britpop erfunden hat.Der Ex-Beatle hat sein Flair für gute Melodien also nicht verloren. So entwickeln die neuen Songs sozusagen schleichend eine gewisse Eingängigkeit. Hat man das Album zu Ende gehört, hallen sogar Song-Lappalien wie das psychedelische «Mountain Top», ein Kinderlied für LSD-Konsumenten, in den Hirnwindungen nach.Würdiges AbschiedswerkSollte «The Boys of Dungeon Lane» McCartneys Abgang markieren, so wäre dies ein würdiges, aber nicht gänzlich überzeugendes Abschiedswerk. Darauf, dass er sich zurückziehen möchte, deutete bei Stephen Colbert die ruppige Version von «Hello Goodbye» hin. Sie erlaubt multiple Interpretationen, zumal sich das «Goodbye» ebenso gut auf Colbert hätte beziehen können wie auf den britischen Gast.2026 meldet sich Paul McCartney mit einem Album in der Öffentlichkeit zurück. Gleichzeitig lässt er durchschimmern, dass er nicht mehr ewig Präsenz markieren wird in Boxen und auf Bildschirmen. Er war schon immer ein grosser Selbstvermarkter: Selbst das Verschwinden seiner Figur aus der Öffentlichkeit macht Paul McCartney zum Medienereignis. Vielleicht muss das zum Schutze seiner Privatsphäre auch so sein.Passend zum Artikel