Sind die somalischen Piraten zurück? Mehrere Crews werden festgehalten, der Handel mit den Geiseln ist ein MillionengeschäftDie Piraten operieren mit Hightech und fahren Hunderte Kilometer aufs offene Meer hinaus, um lukrative Ziele zu finden. Vom Erstarken der somalischen Seeräuber profitiert auch Iran.29.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEin Kriegsschiff der EU-Mission Atalanta beobachtet den gekaperten Tanker «Honour 25» vor der Küste Somalias. Im ersten Halbjahr 2026 häuften sich Entführungen durch somalische Piraten.EU Naval ForceIn den letzten Wochen machten die somalischen Piraten gleich mehrere grosse Fänge. Am 21. April kaperten sie den Tanker MT «Honour 25», wenige Tage später den Zementfrachter «Sward» und am 2. Mai vor der jemenitischen Küste den Öltanker «Eureka», der anschliessend nach Somalia umgeleitet wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jahrelang war es ruhig um die Piraten. 2011, auf dem Höhepunkt der Piraterie, verübten die somalischen Piraten noch Hunderte Angriffe auf die Schifffahrt und verursachten Kosten in Milliardenhöhe. Militärische Operationen an Land und auf See schienen ihrem Treiben ein Ende gesetzt zu haben. Doch in den letzten Jahren kehrten die Piraten zurück, zunächst langsam und jetzt immer stärker.Die Bekämpfung schwächelt, und mit der Piraterie lassen sich weiterhin Millionen verdienen: Zur Freilassung des Frachters MV «Abdullah» und seiner zwei Besatzungsmitglieder wurde 2024 ein Lösegeld von 5 Millionen Dollar bezahlt. Ein Flugzeug warf drei wasserfeste Säcke voller Bargeld in der Nähe des gekaperten Schiffs ab. Auch jetzt dürfte über Lösegelder in ähnlicher Höhe verhandelt werden.Wie somalische Piraten das Lösegeld erhöhenDie 17 Besatzungsmitglieder der MT «Honour 25» stammen mehrheitlich aus Pakistan und Indonesien. In den letzten Wochen hatten die Entführer und die Geiseln immer wieder Kontakt mit den Familien. Ihre Botschaft: Die Versorgung ist schlecht, die Regierung kümmert sich zu wenig um ihr Schicksal.Mitte Mai tauchte auf Social Media ein Video auf, das die Besatzung sitzend auf dem Boden zeigt, umgeben von schwer bewaffneten Piraten. Eine Geisel appellierte an die pakistanische Regierung, endlich zu verhandeln. Der Druck wirkte: Kommentarschreiber empörten sich über die angebliche Untätigkeit Pakistans, die Familien gingen auf die Strasse.Die Entführer agieren geschickt. Ihre Absicht ist es wahrscheinlich, durch öffentlichen Druck das Lösegeld zu erhöhen. Während Pakistan sich hinsichtlich des Stands der Verhandlungen bedeckt gibt, gab die indonesische Regierung schon letzte Woche bekannt, direkt mit den Geiselnehmern in Kontakt zu stehen.Auch an Bord der «Eureka» sollen sich mehrere Seeleute in Geiselhaft befinden, diesmal ägyptischer Herkunft. Im Vergleich zur MT «Honour 25» drangen bislang aber kaum Informationen an die Öffentlichkeit. Dies wollen die Geiselnehmer jetzt anscheinend ändern. Ein Video, das laut Berichten von der «Eureka» stammen soll, wurde kürzlich veröffentlicht. Es zeigt drei kniende Matrosen. Ihre somalischen Entführer schiessen derweil in die Luft.Mehrere Seeleute werden auf der «Eureka» festgehalten. Konkrete Informationen zum Stand der Verhandlungen sind noch nicht bekannt.Quelle: facebook.com/Bahara.syriaZusammenarbeit mit Huthi-TerroristenDie Piraten stellen sich gerne als Hilfspolizei im Kampf gegen die illegale Fischerei dar und nennen sich selbst «Badaadinta Badah», was auf Deutsch «Retter des Meeres» bedeutet. Solche Erzählungen finden immer wieder Abnehmer. Doch mit der Realität haben sie wenig zu tun. Gerade die jüngsten Vorfälle zeigen: Die Piraten fahren oft Dutzende bis Hunderte Kilometer aufs offene Meer hinaus, um Schiffe zu kapern, die hohes Lösegeld versprechen.Wie die marokkanische Politikwissenschafterin Khadija Mamouni in einem Fachartikel schreibt, verfügen die Piraten heute über fortgeschrittene Technik und Methoden, um komplexe Angriffe auf hoher See durchzuführen.Viele Beobachter vermuten, dass die Piraten Hilfe von Terroristen erhalten. Über das Clansystem sind die Piraten mit den Terroristen der al-Shabaab, einem Ableger der al-Kaida in Somalia, verbunden. Doch auch die mit Iran verbündeten Huthi-Milizen in Jemen sind involviert – zumindest indirekt.Ein Bericht für den Uno-Sicherheitsrat, der im Herbst 2025 erschien, fand deutliche Hinweise auf eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen der al-Shabaab und den Huthi. Laut dem Bericht liefern die Jemeniten modernes Kriegsgerät wie Drohnen und schulen die somalischen Terroristen in Anwendung und Taktiken.Das Erstarken der somalischen Piraten kommt den Huthi, die bereits regelmässig die Schifffahrt in der Meerenge von Bab al-Mandab angreifen, und dem verbündeten Regime in Teheran entgegen. Der Druck auf den internationalen Handel, insbesondere mit Öl, ist einer ihrer wichtigsten Trümpfe.Der Tanker «Honour 25», der von Piraten gekapert wurde, vor der Küste Somalias.EU Naval ForceDie somalische Regierung schwächte die PiratenbekämpfungSeit Ende der 2000er Jahre operieren vor der Küste Somalias Kriegsschiffe im Rahmen der EU-Operation Atalanta und der multinationalen Combined Task Force 151. Bei der Bekämpfung der Piraterie haben sie lokale Unterstützung. Auch im aktuellen Fall: Die Seepolizei von Puntland, einer teilautonomen Region in Somalia, liefert den internationalen Piratenjägern regelmässig Informationen über Entführungen und verfolgt die Piraten an Land.Die Spezialeinheit wurde Anfang der 2010er Jahre mithilfe der Vereinigten Arabischen Emirate ausgerüstet. Der Erfolg der Kooperation war durchschlagend. In einem Uno-Bericht hiess es 2022: «Im Berichtszeitraum wurden erneut keine Fälle von Piraterie in den Gewässern vor der somalischen Küste gemeldet.»Doch der Kampf gegen die Piraterie wurde Opfer des eigenen Erfolgs. Seit Anfang der 2020er Jahre gelten die somalischen Gewässer nicht mehr als Hochrisikogebiete. Viele Reedereien haben ihre Sicherheitsmassnahmen in der Folge reduziert. Zusätzlich bat die somalische Regierung in Mogadiscio die Uno im Februar 2022, die Resolution 2608 des Sicherheitsrates nicht zu verlängern. Diese hatte es bislang den internationalen Seestreitkräften erlaubt, in die Hoheitsgewässer Somalias vorzudringen.Mogadiscio argumentierte, die Mission habe ihre Ziele erfüllt, und man arbeite am Aufbau der eigenen Sicherheitskräfte. Dabei hat die Regierung schon längst die Kontrolle über weite Teile des Landes verloren.Die freie Schifffahrt, ein international verbrieftes Recht, ist im 21. Jahrhundert nicht mehr garantiert – eine Achillesferse des weltweiten Wohlstands, die immer spürbarer wird. An mehreren Orten wird sie von Iran und verbündeten Gruppen angegriffen: in der Strasse von Hormuz, in der Meerenge von Bab al-Mandab und jetzt auch in Somalia. Auch wenn die Piraterie dort noch nicht die alten Ausmasse erreicht hat, ist der Trend besorgniserregend.Passend zum Artikel
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