Mitten in der grössten Krise des Multilateralismus bekommt die Uno ein Besucherzentrum – bezahlt von privaten Genfer GönnernWas hat die Uno mit dem Internetanschluss, Antibiotikaresistenzen oder der Ozonschicht zu tun? Ein neues Besucherzentrum in Genf will sichtbar machen, wie stark internationale Zusammenarbeit den Alltag beeinflusst.29.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenVor dem Völkerbundpalast säumen die Flaggen der Uno-Mitgliedstaaten die Zufahrt – gleich daneben öffnet im Juni das neue «Portail des Nations».Jordi Ruiz Cirera für NZZDer Uno-Sitz in Genf bekommt ein Besucherzentrum. Das «Portail des Nations» (Tor der Nationen) ist der multilateralen Rolle und der Arbeit der Vereinten Nationen in Genf gewidmet. Gebaut wurde die Anlage für bis zu 200 000 Besucher pro Jahr von der Stiftung Portail des Nations. Deren Präsident Ivan Pictet ist Initiator und hauptsächlicher Geldgeber. Schon seit mehreren Jahren liegt ihm das Projekt eines Uno-Besucherzentrums am Herzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zu seinen Beweggründen zählt, einem breiten Publikum die Welt der Vereinten Nationen zugänglich zu machen, die oft abgeschottet wirke. «Die grossen internationalen Verhandlungen bleiben für die meisten Menschen unsichtbar, obwohl sie den Alltag jedes einzelnen Bewohners dieses Planeten beeinflussen», sagte er am Donnerstag vor den Medien bei der Einweihung des Zentrums. So ermöglicht etwa die Internationale Fernmeldeunion (ITU) rund 80 Prozent der Weltbevölkerung den Internetanschluss. Und der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) koordiniert.«Reform wird Uno stärken»Pictet ist im internationalen Genf kein Unbekannter. Der frühere Teilhaber der gleichnamigen Privatbank präsidierte fast zwanzig Jahre lang die Fondation pour Genève, die sich mit verschiedenen Aktionen dafür einsetzt, die Öffentlichkeit für die Bedeutung des internationalen Genfs zu sensibilisieren. Pictet ist überzeugt, dass die Reform der Uno eine Chance ist, aus der die Organisation gestärkt hervorgehen wird.Die Welt durchlebe zwar eine Zeit der Zersplitterung und der Infragestellung des Multilateralismus, auch die Blockaden im Uno-Sicherheitsrat seien real. Doch in Genf gehe währenddessen die operative Arbeit der Vereinten Nationen weiter: Die Mitgliedstaaten verhandelten, die Uno-Organisationen würden aktiv, Lösungen würden gesucht und oft auch gefunden. Pictet zeigt sich daher grundsätzlich optimistisch für die Zukunft des internationalen Genfs.Das Besucherzentrum soll nach seinen Worten auch dazu beitragen, Genf zu einer in Europa einzigartigen Tourismusdestination zu machen: zu einer Stadt, in der alle die Werte hautnah erleben können, die überall gelten sollten.Das Besucherzentrum befindet sich am Eingang zum Völkerbundpalast neben der Allee der Flaggen aller Uno-Mitgliedstaaten und ist von der Place des Nations her zugänglich. Die Anlage auf einer Gesamtfläche von rund 2000 Quadratmetern im Uno-Park besteht aus sieben schlichten, verbundenen Flachdachpavillons, die sich gut in die Umgebung einfügen und keineswegs als Fremdkörper neben dem Völkerbundpalast erscheinen. Der Park bleibt zwischen den Pavillons stets sichtbar. Auch ein Café und ein Souvenirladen fehlen nicht.Das Zentrum bietet Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, über Lösungen für globale Fragen abzustimmen. Für Pictet ist dies eine Gelegenheit, den Bürgerinnen und Bürgern dieser Welt wieder eine Stimme zu geben. Im Mittelpunkt steht die Ausstellung «Together». Sie führt die Besucher anhand von sieben Themen – Frieden und Sicherheit, Menschenrechte, humanitäre Hilfe, Umwelt, Gesundheit, Entwicklung und Innovation – auf eine immersive und interaktive Entdeckungsreise durch den Multilateralismus.Der Uno-Generalsekretär António Guterres (links) enthüllt zusammen mit Ivan Pictet eine Plakette während der Einweihungszeremonie des Besucherzentrums Portail des Nations am europäischen Hauptsitz der Vereinten Nationen in Genf.Valentin Flauraud / KeystoneGemeinsames Wissen und HandelnDer Rundgang durch die Ausstellung gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste Teil befasst sich mit der Frage, wie es Staaten unterschiedlicher Kulturen, Interessen und Sprachen schaffen, zusammenzuarbeiten. Die Antwort liegt in der gemeinsamen Sprache internationaler Abkommen, Normen und Standards.In der zweiten Sequenz geht es um das «Wissen». Die Uno handelt aufgrund von Daten, die ihre Mitgliedstaaten übermitteln. Die Besucher erfahren, wie die Uno-Organisationen in Genf Fachwissen und Ressourcen bündeln, um gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. Erläutert wird dies anhand des Montreal-Protokolls. Von den Verhandlungen der Staaten über die Umsetzung bis hin zur Überwachung verdeutlicht dieser Vertrag zum Schutz der Ozonschicht, dass internationale Zusammenarbeit durch gemeinsames Wissen und Handeln den Lauf der Dinge verändern kann. Im Fall des Montreal-Protokolls hat sich die Ozonschicht durch das Verbot ozonschädigender Chemikalien wie FCKW messbar erholt.Die dritte Sequenz veranschaulicht die Kunst des Kompromisses und der Konsensfindung in multilateralen Prozessen. Die Besucher sind eingeladen, in einer Verhandlungssimulation die Rolle eines fiktiven Ländertyps zu übernehmen, Interessen zu vertreten, zu diskutieren, Änderungsanträge einzubringen und über eine gemeinsame Resolution abzustimmen.Unterstützt wurde der Bau des Portail des Nations auch von der Hans-Wilsdorf-Stiftung, der Loterie Romande, der Dona Bertarelli Philanthropy sowie durch ein Startkapital des Bundes, des Kantons und der Stadt Genf. Die Kosten der Anlage beliefen sich auf 18 Millionen Franken. Dazu kommen 9 Millionen Franken für die Ausstellung «Together».Das Portail des Nations wird am 12. Juni eröffnet. Tickets gibt es unter www.portaildesnations.ch. Da es bis Ende 2027 von der Stiftung betrieben wird, verfügt es zunächst über einen eigenen Sicherheitsdienst und einen eigenen Eingang. Die bisherigen, von der Uno organisierten Führungen durch den Völkerbundpalast bleiben bestehen. Ab 2028 übernimmt der Uno-Sitz den Betrieb des Besucherzentrums.