Irgendwann an diesem Donnerstagabend hatte Thorsten Frei, der Kanzleramtschef von Friedrich Merz, in der Talkrunde von Maybrit Illner so oft von „Herausforderungen“ gesprochen, vor denen die schwarzrote Koalition und das Land und der Rest der Welt stehen, dass die Moderatorin begann, mitzuzählen.„Schon wieder die Herausforderungen!“, sagte Illner, da war die Sendung dann fast wieder vorbei, und sie sagte es gar nicht spitz, eher so, wie es ihre Art ist: ironisch und beiläufig und leicht von oben. In seiner Not schlug ihr Frei dann als Alternative „Aufgaben“ vor, aber das machte es auch nicht besser. Denn es war ja klar, dass dem Kanzleramtschef die Fragen nach der akuten „Kanzlertausch“-Diskussion gar nicht angenehm waren und er sie mit dem Hinweis entkräften wollte, es gebe nun aktuell wirklich wichtigeres. Nämlich, genau: diese „Herausforderungen“, auch Aufgaben genannt.Das Bruttosozialprodukt schrumpft wie die Zustimmung zur KoalitionDie Runde im ZDF – neben Frei waren auch die Grünen-Politikerin Ricarda Lang, die Fernsehautorin Julia Friedrichs und der Journalist Robin Alexander eingeladen – sollte über „Reformen in der Krise“ sprechen: Über die stockende Fortschritte der schwarzroten Koalition in der Sozialpolitik, bei der Rente, der Steuer, über das beunruhigende neue Frühjahrsgutachten des Sachverständigenrats für Wirtschaft. Das Bruttosozialprodukt, so sagte es Illner, schrumpft wie die Zustimmung im Land zur Koalition. Zu diesen Krisen gehört seit neuesten aber eben auch die Diskussion um den Bundeskanzler und eine mögliche Ablösung, vielleicht aus Düsseldorf, vielleicht aus München.Aus dem „Team Merz“, so vermutete Robin Alexander, hatte jemand diesen sogenannten Kanzlertausch als „wüste Spekulation“ zurückgewiesen (und damit, per Wortspiel, den Namen eines der als Nachfolger kursierenden Unionspolitiker untergebracht, den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wüst). Und auch wenn Frei versuchte, sich wieder und wieder vor einem Kommentar zu drücken und Illner presste und presste und das Ganze sich etwas zog, wurde dabei zugleich klar, worum es eigentlich geht: Nicht allein um den Namen der Quelle, sondern um die nächste interne Unions-Debatte und das Vertrauen in eine unter Druck stehende Regierungskoalition in einem unter Druck stehenden Land.Zitatkachelmaterial ist nicht gefragt„Wie sollen die Bürger im Land nicht die Geduld verlieren, wenn innerhalb der CDU Spitzenmänner, Spitzenfunktionäre die Geduld mit sich verlieren?“, fragte Illner, die einen sehr guten Abend erwischt hatte, sich zurückhielt, wenn die anderen sich mal streiten wollten (Lang mit Alexander, Lang mit Frei mit Alexander) und nicht nach Zitatkachelmaterial fragte, was sie, einmal mehr, auszeichnet unter ihren Kolleginnen und Kollegen.Man möchte erfahren und wissen, so fragte Illner also sinngemäß, in welchem Zustand die CDU/CSU die akuten Probleme (Herausforderungen, Aufgaben...) lösen will. Und wie viel auf dem Spiel steht, konnte man auch daran ablesen, dass sich die drei anderen Eingeladenen immer wieder fast schon dringlich an den Kanzleramtschef wandten. Vielleicht nicht, um ihm beizustehen, vielleicht aber doch, um ihm zu signalisieren, wie groß die Sorge ist, diese Regierung könnte scheitern, mit unabsehbaren Folgen. „Reißt euch endlich zusammen“, sagte Ricarda Lang. Keine Zeit für Häme, sagte Julia Friedrichs. Die Union habe die Pflicht, es jetzt auch zu bringen, sagte Robin Alexander.Worauf es ankommt und worin sich die Lager unterscheidenDas prägte den Ton dieses Abends, so dass sich im Streit um Sozialausgaben, Vermögensteuer und Erbschaftssteuer dann doch Einigkeit abzeichnete: Nämlich sowohl darüber, worauf es ankommen müsste, als auch darüber, worin dabei aber die Differenzen der Lager bestehen. Und damit ist für eine Talkshow ja schon viel erreicht.Wie schafft man Wachstum in einer alternden Gesellschaft, so brachte Julia Friedrichs die ganze Lage auf einen Satz. Die Autorin, bekannt für ihre sozialpolitischen Recherchen, dachte dann auch laut darüber nach, ob politische Eingriffe mit dem vielbeschworenen Rasenmäher in der Steuerpolitik vielleicht eine Art Befreiung, einen Neuanfang politischen Handelns mit sich bringen könnten. Vielleicht ist dieser Wunsch nach Disruption auch ein Ausdruck wachsender Unruhe und Ratlosigkeit angesichts einer verfahren scheinenden Lage. Ricarda Lang wünschte ebenfalls sich mehr „Konfliktbereitschaft“ (aber die regiert gerade auch nicht, da fordert man so etwas bestimmt auch leichter.)Wovon der Kanzleramtschef „gar nichts“ hältWir suchen nach gemeinsamen Lösungen, so fasste Kanzleramtschef Frei die Regierungsposition zusammen – die nicht auf Umverteilung, sondern auf Wachstum basieren – weswegen der Unionspolitiker von einer Vermögenssteuer „gar nichts“ halte und bei der Frage nach einer geänderten Erbschaftssteuer für sehr reiche Unternehmerfamilien fast wie nebenbei darauf hinwies, dass „Kapital flüchtig“ sei.Aber in dieser Frage steht ohnehin ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus. Und dass es darauf hinauslaufen wird, dass hier Korrekturbedarf besteht, weil sich eine Gerechtigkeitslücke auftut, versteht sich offenbar von selbst.Eine Herausforderung mehr, jedenfalls, für die Liste von Maybrit Illner. Und wenn ich richtig mitgezählt habe, dann war das die erste Talkshow seit langem, in der nicht einmal von Trump oder der AfD die Rede war. Nicht, dass es nicht trotzdem um sie gegangen ist. Denn es ging ja um verantwortungsvolles politisches Handeln, auf das man vertrauen darf.
TV-Kritik Maybrit Illner - Ricarda Lang: „Reißt euch endlich zusammen!“
Bei Maybrit Illner ging es um die stockenden Reformen in der Koalition. Der Kanzleramtschef sah sich gleich drei Gästen gegenüber, die ihm sorgenvoll erklärten, dass jetzt dringend mal was passieren muss.










