Ein kurzes Winken – und weg. Alles Mögliche hatte die Tenniswelt von Jannik Sinner erwartet in Paris, aber nicht so einen stillen Abgang, ohne Silberpokal in der Hand, ohne Siegerrede und quasi durch die Hintertür. Als Weltranglistenerster war der Italiener nach Paris gereist, als schier unschlagbarer Turnierfavorit.Fünf Turniere der zweithöchsten Mastersserie hatte der Vierundzwanzigjährige zuvor gewonnen, und weil sein großer Rivale, der Titelverteidiger Carlos Alcaraz, sich wegen einer Handverletzung von den French Open abgemeldet hatte, war die Frage: Wer sollte den überragenden Tennisspieler der vergangenen Monate aufhalten? Alexander Zverev galt als ein Kandidat. Eine andere Möglichkeit war: Sinner steht sich selbst im Weg. Beziehungsweise sein Körper, der schon des Öfteren bei Hitze, Schwüle und anderen Umständen schlappmachte.Trotz aller Unkenrufe hätte sich wohl kaum jemand vorstellen können, wie dramatisch Sinners Ausscheiden bei den French Open geriet. Schon in der zweiten Runde, nach einer scheinbar sicheren Führung am Donnerstag. Quasi mit neun Zehen hatte der Italiener in der dritten Runde gestanden, führte 6:3, 6:2, 5:1 gegen den Argentinier Juan Manuel Cerundolo. Nur vier Ballwechsel war er vom Weiterkommen entfernt. Doch was sich schon im Aufschlagspiel zuvor angedeutet hatte, verstärkte sich: Sinner fasste sich an linken Oberschenkel, krümmte sich, stützte sich auf dem Schläger ab – und verlor einen Ballwechsel nach dem anderen, weil er sich nur noch schwer bewegen konnte. „Mir ist schwindlig geworden. Ich habe versucht, das Match auszuservieren, aber ich hatte nicht mehr viel Energie.“Zverevs ChanceAn der Hitze habe es nicht gelegen, behauptete der Südtiroler, ohne einen anderen Grund aufzuführen. Er erklärte später, dass er in der Nacht zuvor schlecht geschlafen und sich am Morgen nicht wohlgefühlt hätte. Das sei an sich nichts Besonderes. „Bei Grand-Slam-Turnieren hat man immer einige Tage, an denen man sich nicht so gut fühlt“, sagte der Vierundzwanzigjährige. Die Behandlung, die sich der saft- und kraftlose Sinner in den Auszeiten nahm, schlug allenfalls leidlich an. „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so schwach gefühlt habe.“Aufschläge, Schmetterbälle, Sonstiges – das Meiste, was Sinner in seinem Unwohlsein anpackte, ging schief. Am Ende hatte er dem Argentinier kaum noch etwas entgegenzusetzen, verlor die letzten drei Sätze 5:7, 1:6, 1:6. „Es tut mir leid für Jannik“, sagte sein argentinischer Gegner Cerundolo: „Ich hoffe, er erholt sich schnell wieder.“Alcaraz gar nicht erst da, Sinner schon wieder weg – zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 steht keiner der beiden Führenden in der Weltrangliste in der dritten Runde von Roland Garros. Für den Weltranglistendritten Zverev hat sich in Paris die Tür zum ersten Grand-Slam-Titel zumindest ein paar Zentimeter mehr geöffnet. Zuletzt war der Deutsche bei Turnieren vor allem an Sinner gescheitert.Der Hamburger gehört auch zu jenen, für die gilt: Manche mögen’s heiß. „Physisch wird es irgendwann schwierig, aber spielerisch mag ich es lieber“, sagte der Weltranglistendritte, der an diesem Freitag gegen den Franzosen Quentin Halys zum zweiten Mal bei angenehmer Temperatur in der Night Session spielen darf. „Vor allem auf Sand finde ich, dass Hitze meinem Spiel liegt, weil der Ball höher und schneller vom Boden abspringt.“Ist Sinner überspielt?Jannik Sinner hatte in den vergangenen Wochen ebenfalls bewiesen, dass ihm so ein trockener Untergrund liegt. Mit 30 Matchgewinnen in Serie war er in seine Zweitrundenpartie gegen Cerundolo gegangen, hatte im Zuge dessen die Turniere von Indian Wells, Miami, Monte-Carlo, Madrid und Rom gewonnen. Als Sinner in Paris ankam, kannte der eine oder andere Experte nur eine Frage: Würde sein Körper mitspielen? „Ich glaube, das Problem ist, dass er zwar so gut, aber vielleicht zu viel gespielt hat“, kommentierte der frühere französische Tennisprofi Henri Leconte bei Eurosport das Sinner-Aus.Sichtlich erschöpft: Jannik SinnerAP Photo/Thibault CamusDer Weltranglistenerste selbst mochte diesen Verdacht nicht bestätigen. Er hätte auch weniger spielen und trotzdem aus unerfindlichen Gründen so einen schlechten Tag in Paris erleben können. Ob die 32 Grad Celsius, die im Stadion herrschten, wirklich keine Rolle spielten? Als die Wettervorhersagen andeuteten, dass der Sandplatzklassiker in Paris diesmal in so hohen Temperaturen ausgetragen würde wie nie zuvor, hatte sich Sinners Konkurrenz jedenfalls schon mal warme Gedanken machen können.War es dem Italiener doch schon öfter körperlich schlecht gegangen, wenn Hitze oder Schwüle herrschte. Im vergangenen Jahr musste er sogar zwei Turniere der Masters-1000-Serie aufgeben: im Finale von Cincinnati gegen Carlos Alcaraz sowie in der dritten Runde von Schanghai gegen den Niederländer Tallon Griekspoor. Im Januar bei den Australian Open hatte er ebenfalls mit Krämpfen zu kämpfen. Auch in den zurückliegenden Sandplatzwochen gewann der Südtiroler nicht jedes Turnier so souverän, wie es auf der Ergebnistafel den Anschein hatte. Vor allem im Halbfinale von Rom war er gegen den Russen Daniil Medwedew an seine körperlichen Grenzen geraten.Auf dem Pariser Court-Chatrier mussten die Zuschauer am Donnerstagnachmittag mitansehen, wie Sinners Körper am Ende des dritten Satzes zu streiken anfing. Zunächst gewannen alle den Eindruck, dass der linke Oberschenkel dem Südtiroler zu schaffen machte. Doch alsbald erklärte er sein Unwohlsein, um eine Auszeit zu erhalten. „Sehr schwindlig“ sei ihm, er würde sich gerne übergeben, könne es aber nicht, war im Gespräch mit der Schiedsrichterin Aurelie Tourte und dem herbeigeeilten Physiotherapeuten zu vernehmen. Das Drama nahm seinen Lauf, zog sich aber noch eine Weile hin, bis es nach 3:36 Stunden endete.Dass er nach den Triumphen bei den Australien Open, US Open und in Wimbledon seinen „Karriere Grand Slam“ nicht in Paris vollenden konnte, warf Jannik Sinner nicht aus der Bahn. „Nun brauche ich eine Auszeit, um mich auch mental zu erholen und bereit zu sein für Wimbledon.“