Alles sah nach einem normalen Auftritt von Jannik Sinner, 24, aus, der Weltranglistenerste, der in den vergangenen Monaten das Verlieren verlernt hatte, zog auch an diesem heißen Donnerstag in Paris davon. 6:3, 6:2, 5:1 führte er gegen den Argentinier Juan Manolo Cerúndolo. Der Klassenunterschied war so groß, wie das Ergebnis lautete. Doch dann passierte das Unvorhergesehene. Sinner brach körperlich ein. Die Temperaturen lagen jenseits der 30-Grad-Marke. Im Hauptstadion, dem Court Philippe-Chatrier, blubberte die Hitze. Und Sinner, das ist bekannt, kommt nicht so gut mit Hitze klar, anders als etwa der Deutsche Alexander Zverev. Aber das Klima, das sagte er später bei der Pressekonferenz, sei diesmal doch nicht schuld gewesen. Er hätte sich schon morgens, nach dem Aufstehen, schlecht gefühlt. Er hätte nicht gut geschlafen.Aus dem 5:1 wurde ein 5:2. Ein 5:3. Ein 5:4. 15 Punkte hintereinander machte Cerúndolo, die Nummer 56 der Weltrangliste, ein guter Profi, aber keiner, der normalerweise eine Chance gegen Sinner hätte. Bei 5:4 und 0:40 aus Sicht Sinners, der taumelte, der kaum Bälle ins Feld traf, Doppelfehler schlug, ging Schiedsrichterin Aurélie Tourte vom Hochstuhl herunter, lief zu Sinner, schaute sich ihn an. Sie verfügte, so sah es aus, dass er untersucht werde. Eine Behandlungspause folgte. Sinner ging vom Platz. Er sagte zu Tourte, ihm sei „schwindelig“. Erst kürzlich beim Turnier in Rom hatte er auch kurz vor der Aufgabe gestanden, im Halbfinale. Er gewann danach erstmals seinen Heimtitel in Italien. In anderen Matches in seiner Karriere hatte er sich schon auf dem Platz übergeben. Er agiert oft am Limit.Start der French Open im Tennis:Jeder leidet auf seine WeiseTränen beim Siegerinterview, Durchfall auf dem Platz, kurzfristige Absage: Die French Open erleben am ersten Spieltag viel Dramatik. Alexander Zverev siegt unaufgeregt, wird aber emotional, als es um seinen Dackel geht.Sollte Sinner, der Überfavorit aus Südtirol, vor allem nach der Auszeit seines spanischen Widersachers Carlos Alcaraz, den eine Handgelenksverletzung plagt, wirklich verlieren? Oder gar aufgeben müssen? Wie sollte er dieses Match in diesem Zustand beenden können? Und für Zverev hätte, das am Rande, ein Scheitern des Italieners eine erhebliche Bedeutung. Der Weg zum ersehnten ersten Grand-Slam-Titel des Deutschen würde ganz anders erscheinen: nämlich sehr machbar. Zverev spielt am Freitag in Runde drei gegen den Franzosen Quentin Halys. Jan-Lennard Struff verlor am Donnerstag in Runde zwei 5:7, 6:7 (1), 2:6 gegen den Portugiesen Jaime Faria.Um 15.46 Uhr stand fest: Die French Open in Paris, das wichtigste Sandplatzturnier im Tennis, haben ihre riesengroße Überraschung. Sinner verlor diese Partie noch mit 6:3, 6:2, 5:7, 1:6, 1:6. Nach 3:36 Stunden Spielzeit. Der Mann, der zuvor 30 Matches in Serie in dieser Saison gewann, dabei die Titel in Indian Wells, Miami, Monte-Carlo, Madrid und Rom – er war mit den Kräften völlig am Ende. Die Zuschauer applaudierten laut, als er vom staubigen Sandplatz schlich wie ein Häufchen Elend.„Es war warm, aber es war okay. Es war ja nicht so, als würde ich vor Hitze sterben“, sagte Sinner, der eine Stunde später zur Pressekonferenz erschien. Er sah ganz passabel aus. Aber sehr ernst. Die Energie habe ihm auf einmal gefehlt, aufgeben wollte er nicht. Es gebe eben solche Tage, meinte er. Den vierten Satz „winkte ich durch“, sagte er, so hätte er versucht, sich zu erholen. Sinner nahm die Niederlage sportlich, er gab sich keine Blöße. Er betonte: „Das ist der Sport. Es war warm, aber nicht wahnsinnig heiß. Ich hatte das Gefühl, dass es zum Spielen durchaus in Ordnung war. Es lag wirklich weder an der Hitze noch am Wetter. Es lag heute einfach nur an mir – aber so etwas passiert eben.“ Wie genau die Diagnose lautete, was den körperlichen Einbruch herbeigeführt hatte, das ließ er im Detail offen. „Jetzt brauche ich wirklich eine Auszeit“, sagte er und meinte, er bereue nicht, so viel vor Paris gespielt zu haben. „Wer weiß, was passiert wäre, hätte ich Madrid oder Rom ausgelassen, vielleicht hätte ich heute das Gleiche erlebt.“Eine Hitzeregel wie bei den Australian Open greift beim Sinner-Match nichtDie Hitze ist dennoch das Thema dieser Tage, sie hatte schon zwei andere Spieler in den vergangenen Tagen nahe an den Kollaps geführt, der Norweger Casper Ruud und der Tscheche Jakub Mensik benötigten nach ihren Siegen medizinische Betreuung. Ruud, der in Paris zweimal im Finale stand, 2022 und 2023, meinte, als er sich erholt hatte, er sei „fast wie ein Zombie über den Platz“ gelaufen. Mensik lag nach seinem Matchball am Mittwoch minutenlang am Boden, musste sich vor Krämpfen schütteln, konnte nicht aufstehen. Eine Hitzeregel wie bei den Australian Open, die Spieler schützen soll, griff auch beim Sinner-Match nicht. Laut Regularien des französischen Tennisverbandes (FFT) waren die Bedingungen im Rahmen des Erlaubten. Es würde zu einer Spielunterbrechung kommen, sobald die beiden Feuchtkugel-Thermometer auf der Anlage 32,2 Grad Celsius erreichen. Die Feuchtkugel-Temperatur (WBGT) ist ein Index, der misst, wie effektiv sich der menschliche Körper unter Hitze, Feuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Wind abkühlen kann.Sinner ging nach dem verlorenen dritten Satz wieder vom Platz, zwischen Sätzen ist das einmal erlaubt. Würde er sich erholen? Er versuchte es tatsächlich, aber jeder Schritt: eine Qual. Sein Blick: ausgemergelt. Er spielte Stopps, versuchte Ballwechsel kurzzuhalten. Er drosch einmal aus dem Stand mit der Vorhand auf den Ball, als sei alles egal. Er machte dieses eine verdammte Spiel, das ihm bei 5:1 im dritten Satz fehlte, jetzt zum 1:1 im vierten Satz. Das ganze Drama, es wäre nie passiert, hätte er es früher gewonnen.Cerúndolo wirkte unbeeindruckt, fit, er spulte solide sein Linkshänder-Grundlinientennis herunter, versuchte, Fehler zu meiden, das war clever. Sinner blieb oft nur stehen. Er versuchte auch in Satz fünf, sich wie im Fiebertraum der Niederlage entgegenzustellen. Aber das Wunder blieb aus. Und jetzt ist die Architektur des Draws, des Feldes, eine völlig neue. Es ist ja nun das erste Mal seit 2000, dass bei den French Open die Nummer eins und zwei der Weltrangliste nicht in der dritten Runde stehen. Damals schafften es die US-Profis Pete Sampras und Andre Agassi nicht so weit im Turnier.Cerúndolo feierte dezent seinen größten Sieg, für den er nichts konnte. Sinner konnte nicht mehr. Das war die Geschichte dieser Partie. „Jetzt brauche ich wirklich etwas Auszeit, um mich vollständig zu erholen – auch mental –, und dann wieder bereit zu sein für Wimbledon“, sagte er. Damit ist auch klar: Bis zum Rasenklassiker in England wird er kein Turnier mehr bestreiten.