Wirtschaftsprüfer nimmt die breite Öffentlichkeit in der Regel nur dann wahr, wenn sie kläglich versagen. Wie im Fall Wirecard, wo Ernst & Young (EY) ein Milliardenbetrug in den Bilanzen jahrelang entging. Unter normalen Umständen würden auch die Wahlen zum Beirat der deutschen Wirtschaftsprüferkammer (WPK) kein Interesse über den Berufsstand hinaus erfahren. In diesem Jahr allerdings bahnt sich Machtkampf an zwischen den sogenannten „Big Four“ – zu denen neben EY auch PwC (PricewaterhouseCoopers), KPMG und Deloitte zählen – und den vielen kleinen und mittelständisch organisierten Wirtschaftsprüfern an. Letztere fürchten um die Unabhängigkeit ihres Berufsstandes und selbst an den Rand gedrängt zu werden, wenn die großen vier das Kommando im wichtigsten Organ ihres Berufsstandes übernehmen.Knapp 15 300 Wirtschaftsprüfer und gut 3000 entsprechende Gesellschaften gibt es hierzulande. In diesen Tagen erhalten alle ihre Briefwahlunterlagen für die Beiratswahl, die am 7. Juli endet. Insgesamt 57 Sitze gilt es zu besetzen; 48 durch Wirtschaftsprüfer und neun durch vereidigte Buchprüfer. Der Beirat ist das politisch einflussreiche Machtzentrum des Berufsstandes. Wer dort das Sagen hat, kontrolliert in den kommenden vier Jahren nicht nur die berufsständische Organisation, sondern formuliert wesentlich die Standards, Regeln und Bedingungen, unter denen Wirtschaftsprüfer hierzulande arbeiten. Vor allem aber lenkt der WPK-Beirat die strategische Entwicklung des Berufsstandes in Deutschland.Es gebe viele Anzeichen dafür, dass die Big Four den Kammerbeirat erobern und anschließend die Regeln für Wirtschaftsprüfung in Deutschland in ihrem Sinne verändern und aufweichen wollten, sagt Regina Vieler, Präsidentin des Deutschen Wirtschaftsprüfervereins (DWPV). Dafür spreche ihr großer Aufwand, etwa in Form von üppig besetzten Kandidatenlisten. „Sie würden sich nicht derart bemühen, eigene Leute im Beirat zu platzieren, wenn sie nicht eigene Interessen verfolgen würden“, sagt Vieler und spricht von einem „Kampf David gegen Goliath“, den die kleinen Kanzleien führen würden. Dessen Ausgang habe Auswirkungen für alle Unternehmen, deren Bilanzen von Wirtschaftsprüfern testiert werden.„Wirtschaftsprüfer sind Teil der öffentlichen Infrastruktur“, sagt die DWPV-Präsidentin, die selbst eine Kanzlei in Chemnitz betreibt. „Wir arbeiten im Sinne des Allgemeinwohls, denn unsere auf Unabhängigkeit basierende Arbeit trägt dazu bei, dass die Regeln eingehalten werden und der Kapitalmarkt funktioniert.“ Spätestens seit Wirecard müsste jedem klar sein: „Vertrauen in Bilanzen ist kein technisches Randthema. Es ist eine Voraussetzung dafür, dass Banken finanzieren, Anleger investieren und Unternehmen verlässlich miteinander Geschäfte machen können.“Viele kleinere Kanzleien müssen demnächst investierenMehr als 90 Prozent der Wirtschaftsprüfer hierzulande arbeiten nach DWPV-Angaben in kleinen und mittelständischen Kanzleien. Viele davon stehen vor einem Problem: Sie brauchen in nächster Zeit zusätzliches Kapital. Investitionen in Digitalisierung und den Einsatz künstlicher Intelligenz sind unumgänglich, kosten aber viel Geld. Da kommen Partner, die Liquidität in die Gesellschaft pumpen, gerade recht. Die Frage ist nur: Wer sind diese Geldgeber und welche Interessen verfolgen sie?Vor allem internationale Finanzinvestoren steigen vermehrt in Wirtschaftsprüfergesellschaften ein. So wie 2025 die Schweizer Ufenau Capital Partners bei der in Nordwestdeutschland beheimateten PKF WMS, einer Kanzlei für Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung und ergänzende Beratungsleistungen mit insgesamt 450 Beschäftigten. Die Investoren lockt, dass Wirtschaftsprüfung eine Wachstumsbranche ist und dementsprechend Rendite verspricht. Allein 2023 und 2024 stiegen die Umsätze hierzulande um 8,8, beziehungsweise 7,6 Prozent. Für 2025 gehen erste Schätzungen von einem Zuwachs von mindestens fünf Prozent aus.DWPV-Chefin Vieler warnt, Renditeinteressen und Unabhängigkeit müssten auch in Zukunft klar getrennt bleiben. „Wir sehen durch die momentane Entwicklung aber unsere Unabhängigkeit und Eigenverantwortlichkeit in Gefahr.“ Der DWPV pocht in diesem Zusammenhang auf den Grundsatz des Fremdbesitzverbots. Es soll verhindern, dass „berufsfremde Kapitalgeber maßgeblichen Einfluss auf Wirtschaftsprüfungsgesellschaften nehmen“, sagt Regina Vieler. Dadurch, dass externe Investoren Renditeinteressen verfolgen, könne „mittelbarer Druck auf Prüfungszeiten, Personaleinsatz, Mandatsannahmen, Qualitätssicherung und strategische Entscheidungen entstehen“. Es dürfe nicht so weit kommen, dass aus unabhängigen Wirtschaftsprüfern Dienstleister der Unternehmen werden. Ein Positionspapier des DWPV bringt es so auf den Punkt: „Die Logik von Private Equity ist Rendite. Die Logik der Wirtschaftsprüfung ist Unabhängigkeit.“In den USA sind die Regeln längst liberalerBislang steht die Wirtschaftsprüferkammer dem Einstieg von branchenfremden Finanzinvestoren skeptisch gegenüber und fordert von der Politik klare Regeln. Sowohl in den USA als auch in Großbritannien (wo die Big Four allesamt wurzeln) sind die Regeln dafür deutlich liberaler. Das deutsche Modell des unabhängigen Freiberuflers kennt man dort nicht. Durch eine Mehrheit der Big Four im Kammerbeirat könnte es in Gefahr geraten, fürchtet nicht nur Regina Vieler.Ähnliches gelte für den Plan, Syndikus-Wirtschaftsprüfer einzuführen. Wirtschaftsprüfer also, die nicht mehr in unabhängigen Gesellschaften angesiedelt sind. Das auf bundespolitischer Ebene aktuell diskutierte Syndikus-Modell erlaubt Firmen, eigene Wirtschaftsprüfer anzustellen. Sie würden zwar nicht ihre Arbeitgeber prüfen, „aber sie würden die Firmen beraten und von innen heraus den eigentlichen Prüfern zuarbeiten“, gibt Renate Vieler zu bedenken. Die Big Four gelten allesamt als große Befürworter des Syndikus-Modells und hätten zudem ein Interesse daran, eigene Leute bei großen Kunden zu platzieren. „Unsere Befürchtung ist, dass sie in der Breite die unabhängige Jahresabschlussprüfung aufweichen wollen und es in Zukunft laxer zugeht“, sagt die DWPV-Präsidentin.Der DWPV fürchtet überdies, dass auch die Marktmacht der Big Four wächst, sollten diese im Kammerbeirat Mehrheit und Einfluss erhalten. Allein deshalb, weil kleine und mittelständische Prüfergesellschaften wirtschaftlich, organisatorisch und berufspolitisch nicht mithalten könnten mit dem breiten Portfolio der großen, die vor allem ihre Beratungsangebote ausgedehnt haben. Aus den Reihen der Big Four werden mit Blick auf die WPK-Beiratswahl Eigeninteressen entschieden abgestritten. PwC erklärte beispielsweise in einer Stellungnahme, man wolle stark im Beirat vertreten sein, „damit wir uns für den ganzen Berufsstand einsetzen können“. Und zwar „unabhängig davon, wie viele Berufsmitglieder eine Praxis hat, zumal die Vielfalt unseren Berufsstand stark macht“.
Wirtschaftsprüfer in Deutschland kämpfen um ihre Unabhängigkeit gegen Macht der"Big Four"
In Deutschland kämpfen kleine Wirtschaftsprüfer gegen die Dominanz der Big Four um Einfluss und Unabhängigkeit.






