Metallica im Letzigrund: Die Apokalypse ist auch ein VolksfestVor 45 Jahren gegründet, hat Metallica das Genre des Thrash-Metal wesentlich mitgeprägt. Heute wirkt ihre Musik noch immer monumental, aber fast etwas harmlos.28.05.2026, 10.00 Uhr4 LeseminutenJames Hetfield hat viel zu tun im Letzigrund – als Sänger, Rhythmusgitarrist und Conférencier von Metallica.Andreas Becker / APEin Lob zuerst dem Strom! Er macht die ganze Veranstaltung ja erst möglich. Er bringt mit sich nicht nur den narkotisierenden Kick dieser musikalischen Schlacht am Mittwoch im Zürcher Letzigrund. Er erzeugt mit dem satanisch pulsierenden Lärm auch das Mittel, das aus vierzig-, fünfzigtausend verlorenen Seelen eine geschlossene Front formiert: wir, das Publikum von Metallica.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Man muss sich das vor Augen und Ohren führen: Da ist bloss ein schmaler Ton, eine dünne, vibrierende Saite. Aber die elektrische Amplifikation pumpt sofort so viel Energie in jede klangliche Schwingung, dass daraus ein mächtiger Impuls hervorgeht, ein Donnern, ein elementarer Sturm.Harte RiffsEin Lob dann auch den Fingern, die sich einen Abend lang an den Saiten abmühen. Dass es eine Arbeit ist, all diese hackenden Motive, diese schneidenden, gestaffelten Metallica-Riffs aus den Gitarren und dem Bass zu zupfen, zu schlagen oder zu reissen, sieht man den Musikern auch bald an. Der Schweiss rinnt aus den Mähnen, er perlt auf der Stirn, und Gesichter verwandeln sich in feuchte Fratzen. Zumal die Sonne anfangs noch gnadenlos ins ausverkaufte Stadion strahlt.Metallica gibt es schon seit 45 Jahren. Nur logisch also, sind die vier musikalischen Kämpen, alle unifarben schwarz gekleidet wie die Mehrheit der mehrheitlich männlichen Fans, auch nicht mehr die Jüngsten. Was ihnen an frischer Energie abgeht, können sie teilweise durch Routine gutmachen, aber nicht ganz. Der Thrash-Metal, den die kalifornische Band massgeblich geprägt hat in den achtziger Jahren, lebt zum einen vom jugendlichen Rebellentum des Punk; zum andern von einer gewissen Virtuosität und einem Perfektionismus, der sich an industriellen Prozessen und der Ingenieurskunst orientiert hat.Mit Virtuosität kann vor allem Kirk Hammett auftrumpfen, der als Gitarrist fast in jedem Song ein solistisches Feuer zünden darf. Lars Ulrich am Schlagzeug, Robert Trujillo am Bass und der Sänger James Hetfield als Rhythmusgitarrist sind zuständig für die gebündelte rhythmische Wucht, die sich aus der Staffelung ihrer gestanzten Patterns und Riffs ergeben sollte. Aber da scheint es nun bisweilen an Präzision zu mangeln.Man fragt sich zunächst, ob sich unser Ohr unterdessen an die quantifizierten synthetischen Beats gewöhnt hat, deren Pünktlichkeit auch die Virtuosen von Metallica nicht nachvollziehen können – zumal sie im Unterschied zu andern Metal-Bands auf Rhythmusmaschinen verzichten und sich weitgehend auf ihr musikalisches Handwerk verlassen. Aber es wird mit der Zeit doch klar, dass das Zusammenspiel nicht immer präzise funktioniert.Die Bühne, ein RingDas mag auch auf die besondere Bühnenarchitektonik zurückzuführen sein. Eine eindrückliche Anlage. Statt einer Rampe an der Stirnseite steht ein ausladender Ring im Zentrum des Stadions, auf dessen Innen- und Aussenseite sich das Publikum drängt. Das erlaubt den Musikern zwar, immer wieder in Tuchfühlung zu ihren Fans zu gehen. Aber es reisst sie auseinander und erschwert die musikalische Kommunikation. Der Drummer installiert sich mal auf der Süd-, mal auf der West-, der Nord- oder der Ostseite des Rings, während sich die drei andern ziemlich frei bewegen. Sie wirken dabei zwar nahbar, aber auch etwas verloren.Es fehlt eben der eine grosse Screen, auf dem sich die Stars als Halbgötter präsentieren könnten. Stattdessen ragen rund um den Bühnenring acht imposante Konstruktionen hervor, die an Ölbohrtürme erinnern. Zuoberst sind boxenartige Screens angebracht, die das Konterfei von Hetfield zeigen oder Videosequenzen; vor allem sorgen sie während des gut zweistündigen Konzert für ein Farbenspektakel.Beim Metallica-Konzert im Letzigrund sind die Videoscreens an Türmen angebracht.Andreas Becker / APDas Metallica-Konzert erweist sich eben als zweierlei: als monumentales Konzert, aber auch als Chilbi-artiges Volksfest mit viel Lärm und Feuerwerk. James Hetfield, gewiss kein geborener Charismatiker und überdies besorgt wohl um seine durch den kreischenden Gesang strapazierten Stimmbänder, gibt sich doch Mühe, auch als einigermassen sympathischer Conférencier rüberzukommen. Er rühmt die Besucher, das Konzert sei viel besser als das letzte in der Schweiz 2009, und er erklärt das Publikum zur grossen «Metallica family of Switzerland», von der man sich nie mehr lösen könne.«Family» – passt das?, fragt man sich. Ist der Begriff nicht zu harmlos? Müsste man nicht von einer Metallica-Bewegung oder gar von einer Metallica-Armee sprechen? Aber er passt zu diesem Auftritt, der eher durch Routine und Freundlichkeit geprägt ist als durch kompromisslose Wucht – auch wenn die Band ihrem musikalischen Programm treu geblieben ist.Es geht stets um elementare Kräfte und ein apokalyptisches Aufbrausen. Das Menu setzt sich aus Songs der ganzen Metallica-Geschichte zusammen. Es beginnt mit «Creeping Death» und «For Whom The Bell Tolls» ab dem 1984er Album «Ride The Lightning». «Lux Aeterna» ist das einzige Stück des neusten Werks «72 Seasons» (2023).Höhepunkt und SchlusspunktAnfangs macht das Publikum euphorisch mit. Die Arme werden geschwungen im Takt und die Heads gebangt. Aber die stete Lautstärke und das hohe Energielevel ermüden mit der Zeit. Immerhin sorgt die Konzertdramatik immer wieder für begeisternde Effekte. In Balladen wie «Unforgiven» und vor allem «Nothing Else Matters» darf man mitsingen – und plötzlich bringt das explosive «Fuel» einen brutalen Kontrast. Zwischendurch mühen sich Trujillo und Hammett zusammen durch Polo Hofers (bzw. Hanery Ammans) Hit «Alperose» – eine nette Geste, musikalisch aber ein Kampf.Zuletzt geht es dann ans Eingemachte. Mit dem kriegerischen «One» setzt Metallica den Höhepunkt und mit den immer noch packenden Hits «Master Of Puppets» und «Enter Sandman» den würdigen Schlusspunkt des Abends.
45 Jahre Metallica: Thrash-Metal und die grosse «Familie» im Letzigrund
Vor 45 Jahren gegründet, hat Metallica das Genre des Thrash-Metal wesentlich mitgeprägt. Heute wirkt ihre Musik noch immer monumental, aber fast etwas harmlos.












