PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1976„Ich habe die feste Absicht, in der DDR weiterzuleben“Stand: 08:27 UhrLesedauer: 5 MinutenWolf Biermann 1976 in der fast ausverkauften Kölner Sporthalle. Das Konzert war der Anlass zu seiner Ausbürgerung Quelle: picture alliance/Wilhelm BertramGenervt hatte der Liedermacher Wolf Biermann die Politbürokraten der SED und die Stasi schon seit zwei Jahrzehnten. Am 16. November 1976 schlugen sie zu – und bürgerten den bekennenden Linken aus. Ein klassisches Eigentor. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Oberste Priorität hatte das Thema nicht: Erst als Punkt 4 der Tagesordnung behandelte das Politbüro der SED in seiner Sitzung am 16. November 1976 die „Aberkennung der Staatsbürgerschaft für Wolf Biermann“ – wichtiger erschienen der 70. Geburtstag des KPdSU-Chefs Leonid Breschnew am 18. Dezember und die noch zwei Wochen später anstehende Neujahrsansprache des SED-Generalsekretärs Erich Honecker. Offenbar fürchtete niemand im höchsten Gremium, dass gerade dieser Punkt ein politisches Erdbeben auslösen würde.Doch genau das geschah. An diesem Dienstagnachmittag, wenige Stunden nach der Politbüro-Sitzung, gab die staatliche Nachrichtenagentur ADN bekannt: „Die zuständigen Behörden der DDR haben Wolf Biermann, der 1953 aus Hamburg in die DDR übersiedelte, das Recht auf weiteren Aufenthalt in der DDR entzogen.“ Die Entscheidung sei aufgrund des Gesetzes über die Staatsbürgerschaft der DDR gefallen, demzufolge „Bürgern wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“ die Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt werden könne. Als Grund gab die vom Politbüro ausdrücklich bestätigte Pressemitteilung an: „Mit seinem feindseligen Auftreten gegenüber der DDR“ habe Biermann sich selbst „den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR“ entzogen. Gönnerhaft hieß es weiter: „Sein persönliches Eigentum wird ihm – soweit es sich in der DDR befindet – zugestellt.“ Die Nachricht elektrisierte Deutschland – West und Ost. In der Bundesrepublik griffen die seinerzeit schnellsten Medien, die Radionachrichten, die Meldung umgehend auf. So erfuhr auch Biermann selbst davon: auf der Autobahn, bei Tempo 160 in einem Dienstwagen der IG Metall, gesteuert von einem Chauffeur. Plötzlich hörte er im Autoradio seinen Namen. Dabei war Biermann nur nach ausdrücklicher Zusicherung, nach Ost-Berlin zurückkehren zu dürfen, zur ersten Konzertreise in die Bundesrepublik seit elf Jahren aufgebrochen. Für ihn die einzige Möglichkeit, selbst in die Öffentlichkeit zu treten, denn zum Jahresende 1965 hatte das SED-Politbüro ein totales Auftrittsverbot gegen ihn in der DDR verhängt. Doch die Zusicherung erwies sich als Trick, um den unbequemen Liedermacher loszuwerden.Geradezu wütend begründete das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ am folgenden Tag die Entscheidung des Politbüros gegen Biermann mit seinem Auftreten beim Konzert in Köln am 13. November: „Was er dort noch als DDR-Bürger und in einem kapitalistischen Land an Hass, Verleumdungen und Beleidigungen gegen unseren sozialistischen Staat und seine Bürger losgelassen hat, macht das Maß voll“, so der stellvertretende Chefredakteur des Blattes. Schon jahrelang habe Biermann „unter dem Beifall unserer Feinde sein Gift gegen die DDR verspritzt“.Bemerkenswert anders sah es Günter Zehm, der konservative Leiter des Ressorts Kulturpolitik der WELT: „Biermann wollte den Pelz waschen, ohne ihn nass zu machen. Er wollte den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten. Weniger metaphorisch ausgedrückt: Er wollte der totalitären Diktatur zu Leibe rücken, ohne sie doch im Kern zu treffen.“ Nach dem im „Neuen Deutschland“ behaupteten „Beifall unserer Feinde“ klang das nicht gerade – dabei gehörte WELT 1976 zweifellos zu den schärfsten Feinden der SED-Diktatur; nicht umsonst wurde der selbstgewählte Name stets in Anführungszeichen geschrieben. Den grundsätzlichen Plan für Biermanns Ausbürgerung hatte das Ministerium für Staatssicherheit im April 1973 entworfen. Er habe sich „staatsfeindlicher Hetze“ schuldig gemacht und müsse bis zu 15 Jahre eingesperrt werden, hieß es einleitend. Doch dann skizzierte die nicht namentlich gekennzeichnete „Konzeption“ eine viel elegantere Methode, Biermann loszuwerden: Man könne ihn in den Westen reisen lassen, um ihm dann, wenn er dort seine Lieder öffentlich singt, die Staatsbürgerschaft zu entziehen.Lesen Sie auchFalls Biermann wider Erwarten keinen Anlass dafür liefere, würde das MfS ihn bei seiner Rückkehr festnehmen: Ein tagelanges Verhör sowie die Drohung mit einer langen Haftstrafe sollten ihm die „freiwillige Übersiedlung nach Westdeutschland“ schmackhaft machen.Doch bei einer ersten Reise in den Westen, zu seiner im Sterben liegenden Großmutter nach Hamburg, bot Biermann keinen solchen Anlass. Die nächste Gelegenheit schien sich im September 1975 zu bieten: Der Liedermacher wurde eingeladen, bei einer Veranstaltung in Offenbach gegen den spanischen Diktator Francisco Franco aufzutreten. Das DDR-Kulturministerium genehmigte die Reise und informierte Biermann mündlich. Doch die Staatssicherheit war verärgert. Man könne schlecht Biermann eine „Verletzung seiner staatsbürgerlichen Pflichten“ vorwerfen, wenn er gegen die Herrschaft eines antikommunistischen Regimes auftrat. Daraufhin widerrief die SED-Spitze die Genehmigung; Biermann erfuhr lediglich, dass die Reise ausfalle. Der Liedermacher teilte die Absage umgehend über das Hamburger Magazin „Der Spiegel“ der Öffentlichkeit mit. Es handele sich um eine „Brüskierung all der Kommunisten und Antifaschisten“. Damit nicht genug, schob Biermann nach: „Ich habe die feste Absicht, in der DDR weiterzuleben.“Doch diese Erfahrung genügte nicht, den Stasi-Plan zu den Akten zu legen – im Gegenteil: Die nächste Gelegenheit nutzte die SED entschlossen für seine Ausbürgerung. Was dann geschah, war allerdings ein klassisches Eigentor, mehr noch, es war ein politisches Erdbeben: Dutzende populäre Künstler unterzeichneten schon am 17. November 1976 eine Protesterklärung. Sie forderten von der Staatsführung, „die beschlossene Maßnahme zu überdenken“.Stattdessen erhielten einige von ihnen selbst Auftrittsverbote und wurden teilweise inhaftiert, wie der Schriftsteller Jürgen Fuchs, die Musiker Gerulf Pannach und Christian Kunert. Viele Unterzeichner wurden im Dezember 1976 aus der SED formell ausgeschlossen. Mehr als hundert Künstler und Schriftsteller verließen auf Druck in den folgenden Wochen und Monaten die DDR. Darunter die Schauspieler Angelica Domröse, Manfred Krug, Armin Mueller-Stahl, Katharina Thalbach und Hilmar Thate sowie die Schriftsteller Kurt Bartsch, Thomas Brasch, Sarah Kirsch und Günter Kunert.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.