Vom Bett bis zum Zigarettentöter: Der Gestaltungswille der Brücke-Künstler erstreckte sich auf die ganze LebensweltAngewandte Kunst besass für die Expressionisten denselben Stellenwert wie Malerei. Gleichwohl setzen Ausstellungen einseitig auf Gemaltes. Nun verhilft eine Schau im Berliner Brücke-Museum dem kunsthandwerklichen Schaffen zur Sichtbarkeit.Jörg Restorff, Frankfurt am Main28.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenErnst Ludwig Kirchners Bett für Erna Schilling von 1919; Arven- und Lärchenholz, bearbeitet und geschnitzt.Kirchner-Museum DavosEine einladende Schlafstatt stellt man sich anders vor: Das Bett, das Ernst Ludwig Kirchner 1919 für seine Lebensgefährtin Erna Schilling schuf, besticht durch skulpturale Qualitäten, nicht durch Liegekomfort. Darum aber ging es nicht in erster Linie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Holz, Metall und Textil: Ihnen massen die Brücke-Künstler denselben Stellenwert zu wie Farbe und Leinwand. Deshalb verdient eine Gliederhalskette von Karl Schmidt-Rottluff ebenso eingehende Betrachtung wie seine Landschaften und Stillleben. Und deshalb kann eine Brosche mit Pfau, den Erich Heckel kraftvoll ins Silber getrieben hat, in Hinblick auf vitale Körperlichkeit durchaus mit seinen Aktdarstellungen wetteifern.Erich Heckel: Brosche mit Pfauenmotiv, 1911, Silberblech, getrieben und ziseliert.Brücke-Museum / Pro Litteris 2026Das aussergewöhnliche Bett, das als Leihgabe des Kirchner-Museums in Davos den Weg nach Berlin gefunden hat, übertrumpft freilich alle anderen Exponate der Sonderausstellung im Brücke-Museum. Das Paradestück expressionistischer Skulptur steht im Mittelpunkt der rund 170 Werke, mit welchen die Schau «Kunst Hand Werk Brücke» die alltagstauglichen Facetten im Werk jener Künstler würdigt, die in erster Linie wegen ihrer Malerei und Grafik berühmt sind.In einem grellen Setting, entworfen vom Designer Jerszy Seymour, kommt die archaisch anmutende Rohheit von Kirchners Liegemöbel und die fremdartige, ja befremdliche Formenwelt der figürlichen Bettträger besonders wirkungsvoll zum Ausdruck. Das Kopfende mit den beiden Pfosten und dem Ablagebrett gestaltete Kirchner wie einen Torbogen. Aus dem frischen Holz einer Zirbelkiefer schlug der Künstler mit unbändiger Energie nackte Gestalten heraus.Im Tagebuch notierte Kirchner damals: «Arbeit am Bett. Ich behaue Längshölzer.» Hinter der lapidaren Bemerkung verbarg sich ein komplizierter Fertigungsprozess. Kirchner hatte das aus neun Teilstücken bestehende Gestell gänzlich ohne Leim und Schrauben zusammengefügt. So entstand ein Holzobjekt aus einem Guss.Das gilt auch für einen Stuhl von 1920. Wie das Bett im Jahr davor fertigte Kirchner auch diesen massiven, gleichfalls mit Figuren geschmückten Sitz im Bauernhaus «In den Lärchen» bei Davos. Besonders am granitharten Holzkern in der Mitte der Sitzfläche musste er Tausende von Schlägen aufwenden, um die Form herauszubrechen: Kunst als Kraftakt.Ernst Ludwig Kirchner: Stuhl mit sitzender Frau und stehendem Paar als Rückenlehne aus dem Jahr 1920 aus Arvenholz.Brücke-MuseumBefreiung von der HochkunstVom Korsett der Hochkunst mochten sich die Brücke-Gründer nicht einengen lassen. Das wundert kaum, blickt man zurück auf die Anfänge von Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Alle vier studierten Architektur, als sie 1905 in Dresden die Brücke aus der Taufe hoben. Das Denken in funktionalen Zusammenhängen war ihnen in die Wiege gelegt.Dass sich ihr künstlerisches Repertoire in Zeichnung, Grafik, Malerei und Plastik nicht erschöpft hat, demonstriert die Ausstellung, indem sie eine Fülle von Dingen ausbreitet, die sehenswert und brauchbar zugleich sind: Glasmalerei und Schmuck kann man ebenso entdecken wie Tischdecken und Kissenbezüge. Prominent vertreten sind Bilderrahmen und Teppiche mit ornamentalen oder figürlichen Motiven.Ausserdem stösst man beim Rundgang auf Bühnenrequisiten, Kisten und Kästchen, Teelöffel, Tabletts, Kerzenständer, Serviettenringe, Brieföffner, ja sogar auf einen Zigarettentöter – das Gerät mit dem martialischen Namen löscht die Glut, ohne dass der Glimmstengel auf dem Boden des Aschenbechers zerdrückt werden muss.Den entgegengesetzten, filigranen Pol im manchmal krud-kunsthandwerklichen Brücke-Repertoire markiert der Schmuck. Im bewussten Kontrast zur glatten industriellen Massenproduktion jener Zeit feierten die Broschen, Ringe, Ketten und Armbänder gleichwohl das Rohe, das Unperfekte. Als Schmuckgestalter innerhalb der Brücke ragt Karl Schmidt-Rottluff heraus. Wie Kirchner verliess auch er beim Herstellungsprozess gängige Wege: Statt die Metalle zu löten, verband er die Elemente oft durch Biegen, Falzen oder Nieten und legte diese Produktionsspuren offen.Multiple AutorenschaftWar der Schmuck trotz seiner vorwiegend weiblichen Zielgruppe eine männliche Brücke-Domäne, so zeugen die Textilarbeiten von einer geschlechtsübergreifenden, geradezu multiplen Autorschaft. Bei der Ausführung der Stickereien, Stoffmalereien und Näharbeiten gingen Frauen aus dem Brücke-Umfeld den Künstlern nicht bloss zur Hand. Vielmehr übernahmen sie die gesamte Handarbeit, griffen aber auch ins Erscheinungsbild ein. Bei der Übertragung ins textile Medium änderten sie das eine oder andere Detail, teilweise modifizierten sie auch die Farbigkeit.Mitnichten also waren sie blosse Kopistinnen. Dennoch traten als Urheber der textilen Brücke-Kunstwerke ausschliesslich die männlichen Entwerfer in Erscheinung. Hier nimmt die Berliner Ausstellung eine längst fällige Korrektur vor.Ein Musterbeispiel für den Emanzipationsprozess, an dem Frauen wie Lise Gujer, Ada Nolde oder Helene Spengler beteiligt waren, ist die gestickte Supraporte, die Ernst Ludwig Kirchner 1914 für eine Mansardennische in seinem Berliner Wohnatelier entwarf. Der Mensch im Einklang mit der Natur: Dieses Leitmotiv variieren schematische Aktfiguren, die an Hieroglyphen erinnern. Die stoffliche Ausführung der arkadischen Szene übernahm Kirchners Lebensgefährtin, die Textilkünstlerin Erna Schilling. Geschickt und einfallsreich übersetzte sie seinen dynamischen, expressiven Stil in Faden und Gewebe.Erna Schilling: «Supraporte», 1914/15, Stickerei in Wollfäden auf Leinen.Brücke-MuseumLise Gujer: «Zwei Tänzerinnen», 1924, Wolle, Leinwandbindung, Wirkerei mit doppelter Verschlingung.Brücke-Museum / Nachlass GujerEin Gemeinschaftswerk von Kirchner und Schilling, so müsste die korrekte Bezeichnung für die Supraporte eigentlich lauten. Gleichwohl notierte der Philosoph Karl Theodor Bluth nach einem Besuch von Kirchners Atelierwohnung voller Ehrfurcht: «Jedes Möbel, jeder Teppich war von ihm eigenhändig hergestellt.» Der Künstler hat dieser Zuschreibung nicht widersprochen. Sie war wohl ganz in seinem Sinn.Kunst Hand Werk Brücke. Brücke-Museum, Berlin, bis 21. Juni. Vom 4. Oktober bis 7. März 2027 in den Kunstmuseen Krefeld. Der Katalog ist im Münchner Hirmer-Verlag erschienen.Passend zum Artikel
Vom Bett bis zum Zigarettentöter: Die Brücke-Künstler gestalteten die ganze Lebenswelt
Angewandte Kunst besass für die Expressionisten denselben Stellenwert wie Malerei. Gleichwohl setzen Ausstellungen einseitig auf Gemaltes. Nun verhilft eine Schau im Berliner Brücke-Museum dem kunsthandwerklichen Schaffen zur Sichtbarkeit.









