Drohnen und Raketen für Imam Mahdi: Ein radikaler Endzeitkult bestimmt zunehmend die iranische PolitikEinflussreiche Kräfte im Teheraner Regime wollen die Rückkehr eines verborgenen Geistlichen herbeiführen. In ihrer Sicht sind Chaos und Zerstörung eine Vorbedingung für die Erlösung. Gerade deshalb lassen sie sich von Bomben nicht abschrecken.Teseo La Marca28.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenSelbst die Jüngsten werden indoktriniert: Iranische Schulkinder tragen Uniformen der Revolutionswächter.Morteza Nikoubazl / NurPhoto / GettyMit einer Zange rückt Mahmoud die glühenden Kohlestücke auf seiner Wasserpfeife zurecht und sagt: «Iran ist stärker, als viele es erwartet haben.» Mahmoud, ein gläubiger Schiit, sitzt in einer verrauchten Bar in Berlin-Neukölln. Wenige Tage zuvor hatte die «New York Times» berichtet, dass Iran trotz den israelisch-amerikanischen Luftangriffen noch immer über 70 Prozent seines Raketenarsenals verfügen soll.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das überrasche ihn nicht, sagt Mahmoud. «Ich weiss, wie sie denken. Seit 47 Jahren haben sie sich auf Krieg gegen die USA und Israel vorbereitet. Warum? Weil sie glauben, dass dieser Krieg notwendig ist, damit Imam Mahdi zurückkehrt.» Auch Mahmoud ist überzeugt, dass dieser Krieg Teil alter Prophezeiungen ist.Raketen als GottesdienstSo wie Mahmoud denken viele schiitische Muslime. In ihrem Glauben ist der Mahdi der letzte rechtmässige muslimische Herrscher. Der Imam verschwand im 9. Jahrhundert, um inmitten von globalen Wirren als endzeitlicher Erlöser zu erscheinen und in einem apokalyptischen Endkampf das Böse zu besiegen. Daraufhin soll der Mahdi von Jerusalem aus eine weltweite islamische Regierung anführen – bis zum Tag des Jüngsten Gerichts. So jedenfalls lautet die traditionelle schiitische Eschatologie, die Lehre vom Ende der Welt.Eine Zeichnung zeigt den Imam Muhammad al-Mahdi, der gemäss dem schiitischen Glauben im Verborgenen lebt und als Erlöser zurückkehren wird.PDDoch seit dem Beginn des Krieges zwischen Iran und den USA gewinnt eine radikale Randströmung an Einfluss: der Mahdismus. «Dessen Anhänger begnügen sich nicht damit, auf die Rückkehr des Mahdi zu warten. Sie wollen seine Rückkehr aktiv beschleunigen», sagt Reza Hajatpour, Professor für Philosophie und islamische Theologie.Für die Rückkehr des Mahdi müssen verschiedene Prophezeiungen erfüllt werden. Diese reichen von umfassender Zerstörung durch zivilisatorische Kriege bis hin zur «Befreiung Jerusalems» – was aus iranischer Sicht der Vernichtung Israels entspricht. Irans Raketenarsenal ist unter diesem Gesichtspunkt keine Frage der Technik oder der Militärstrategie, sondern ein «Gottesdienst», wie es kürzlich der iranische Kleriker Alireza Panahian ausdrückte, ein Vertrauter des Obersten Führers Mojtaba Khamenei und selbst ein zentraler Vertreter des Mahdismus.Alireza PanahianPDIm Mahdismus wird Eskalation zur PflichtFür viele westliche Iran-Beobachter bleibt der Mahdi-Kult ein blinder Fleck. Das Ausmass, in dem er die iranische Politik beeinflusse, werde regelmässig unterschätzt, stellten Forscher des Middle East Institute schon 2022 fest. In jüngster Zeit torpedierten Anhänger des Mahdismus auch die Verhandlungen mit den USA.Recherchen des amerikanischen Senders CNN zeigten, wie eine einflussreiche Gruppierung namens Jebhe-ye Paydari – zu Deutsch: Front der Ausdauer – ein neues Abkommen mit den USA verhinderte. Die Gruppe versteht sich als Hüterin der Werte der Islamischen Revolution, ihr gehören neben dem ehemaligen Sicherheitschef Saeed Jalili mehrere Parlamentarier und hochrangige Mitglieder der Revolutionswächter an. Ihr spiritueller Anführer, Ayatollah Mohammad Mehdi Mirbagheri, forderte bereits 2019 einen «umfassenden Krieg, um die Wiederkehr des Mahdi zu beschleunigen».Ayatollah Mohammad Mehdi MirbagheriPDDie iranische Politik sei tief gespalten, sagen Iran-Kenner wie Reza Hajatpour. Doch der Graben verlaufe nicht mehr zwischen sogenannten Reformern und Hardlinern, sondern zwischen einem radikalen Lager, das pragmatisch denke und die Erhaltung des Systems an die erste Stelle setze, und noch radikaleren Kräften, die kein Risiko scheuten, um ihre ideologischen Ziele zu verfolgen.Während dem ersten Lager etwa Irans Verhandlungsführer und der Parlamentspräsident Mohammad Ghalibaf angehören, rekrutiert sich das kompromisslose Lager aus einer nachrückenden, extrem ideologischen Generation von Regimeanhängern, insbesondere in den Reihen der Revolutionswächter. In ihrem Denken sind Chaos und Zerstörung nichts Unerwünschtes, sondern ein notwendiger Schritt zur Erlösung.Das hat das Potenzial, grundlegende Regeln der Geopolitik ausser Kraft zu setzen. Denn wo nicht mehr die Logik der Selbsterhaltung, sondern bedingungslose Opferbereitschaft an erster Stelle steht, hat gegenseitige Abschreckung keine Wirkung mehr. Dann wird Eskalation auf Dauer unausweichlich.Der Aufstieg des Apokalypse-KultsDie Radikalität der neuen Generation iranischer Regimeanhänger ist kein Zufall. Schiitischer Endzeitglaube präge die Ideologie der Islamischen Republik seit ihrer Gründung 1979, sagt Reza Hajatpour, der selbst in den frühen achtziger Jahren in Qom Theologie studierte. «Die Schwäche des Islams, die vielen Kriege und globalen Umwälzungen, der Widerstand gegen den Imperialismus – all das sahen die Gläubigen als Zeichen für die baldige Wiederkunft des Mahdi», sagt Hajatpour.Doch die allermeisten herrschenden Kleriker lehnten den Gedanken, seine Rückkehr aktiv zu beschleunigen, ab. Dies änderte sich 2005 mit der ersten Präsidentschaft Mahmud Ahmadinejads, eines überzeugten Anhängers des Mahdismus. Unter seiner Amtszeit befand sich die Islamische Republik in einer existenziellen Krise. Während die Bevölkerung immer säkularer wurde, hatten interne Umfragen ergeben, dass bei den Präsidentschaftswahlen 1997 auch 73 Prozent der Revolutionswächter für das Reformerlager gestimmt hatten.Ballone für den Mahdi: Immer am 4. Februar feiern Anhänger des Mahdismus den Geburtstag des Imams.Morteza Nikoubazl / NurPhoto / GettyInfolgedessen begann man, eine noch fanatischere Generation junger Revolutionswächter heranzuziehen, die bereit war, zu sterben und zu töten, um das bestehende System zu erhalten. «Um noch effektiver zu sein, arbeitete die Propaganda nicht mehr theologisch fundiert, sondern emotional-symbolisch», sagt Hajatpour. Der Mahdi-Kult eignete sich perfekt dafür.Zentrale Figuren der neuen Propagandamaschinerie waren von nun an Prediger ohne Turban und ohne theologische Qualifikation, die sich mitunter sogar über die Kleriker lustig machten und sie «inaktive Wissenschafter» oder «Bienen ohne Honig» nannten.Der prominenteste ist Ali Akbar Raefipour, der Leiter des Propagandainstituts Masaf, was übersetzt «Kampf» bedeutet. Laut Recherchen des iranischen Exilmediums «Iran Wire» hat das Institut seit seiner Gründung 2011 durch religiöse Zeremonien, Staatsmedien, internationale Konferenzen und eine Vielzahl von Social-Media-Accounts den Mahdismus zur dominanten Doktrin unter jüngeren Regimeanhängern gemacht – auch weit über die Landesgrenzen hinaus. Sich selbst bezeichnet Masaf als «die grösste Cyberbewegung der Kinder der Revolution im Internet».Ali Akbar RaefipourPDDer Mahdi-Kult wirkt über die Grenzen hinausIn Iran sind die Folgen dieser umfassenden Propagandamaschine auch für gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger spürbar. «Wenn ich mit Regimeanhängern spreche, sagen sie mir, dass wir Iraner Allahs auserwähltes Volk seien, das die heiligen Stätten des Islam zurückerobern und dadurch den Weg für Imam Mahdi ebnen müsse. Für mich fühlt es sich an, als sei ich in einem mittelalterlichen Kreuzritterkrieg gelandet», berichtet ein Iraner, der anonym bleiben möchte, über einen verschlüsselten Chat. Doch der Mahdi-Kult wirkt längst über die Grenzen Irans hinaus.In Berlin-Neukölln ist es bereits spät geworden, Mahmoud steigt nach dem Treffen in der Shisha-Bar in seinen VW. Auf der Heckscheibe steht auf Arabisch: «O Allah, lass Imam Mahdi bald zurückkehren.» Noch ist Mahmoud unsicher, ob ausgerechnet die Islamische Republik jene Kraft ist, die dem Mahdi helfen soll. Die Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Repressionen lassen ihn zweifeln. Und doch ist er überzeugt, sich bald entscheiden zu müssen, auf welcher Seite er steht – denn im bevorstehenden Kampf zwischen Gut und Böse gebe es keinen Platz für Neutralität.Passend zum Artikel