PfadnavigationHomePolitikAuslandArtikeltyp:MeinungIranDie verzweifelte Propaganda der MullahsVon S. Mahdi KhodaeiStand: 10:40 UhrLesedauer: 6 MinutenMit rosa Militärfahrzeug: öffentliche Massenhochzeit in Teheran Quelle: via REUTERS/Majid-AsgaripourDas Regime im Iran demonstriert Stärke – gegenüber Donald Trump und der eigenen Bevölkerung. Militärpräsenz in den Straßen und Hinrichtungen sollen neue Proteste verhindern. Doch das bedeutet nicht, dass die Mullahs gewonnen haben.Im Iran hat sich in den vergangenen Jahren etwas verschoben. Nicht mehr die Angst vor Repression allein bestimmt das Verhalten vieler Protestierender, sondern zunehmend die Frage, was nach einem möglichen Umbruch folgt. Genau darin liegt eine der zentralen Spannungen der aktuellen Protestdynamik. Die jüngsten Proteste zeigen, dass viele Iraner die Schwelle der Angst überschritten haben. Doch genau darin liegt das neue Problem – nicht im Mut, sondern in den fehlenden Voraussetzungen für einen politischen Durchbruch.Der Iran wird häufig im Schatten des Arabischen Frühlings gelesen, als sei die Protestdynamik des Landes lediglich eine verspätete Fortsetzung jener regionalen Welle, die Ende 2010 begann. Diese Perspektive ist naheliegend, greift jedoch zu kurz. Die Protestgeschichte im Iran begann weder mit Tunis noch mit Kairo, und sie lässt sich auch nicht von dort her erklären. Die Grüne Bewegung von 2009 ging den arabischen Aufständen voraus und speiste sich aus eigenen politischen und sozialen Dynamiken – von innerelitären Konflikten bis zu urbaner Mobilisierung. Seither folgt Protest im Iran weniger regionalen Vorbildern als vielmehr wiederkehrenden Zyklen von Aufbegehren, Repression und unvollendeten Veränderungen im Inneren.Lesen Sie auchDas bedeutet jedoch nicht, dass der Arabische Frühling ohne Wirkung geblieben wäre. Iranerinnen und Iraner haben dessen Folgen aufmerksam verfolgt: den Zerfall staatlicher Ordnung in Syrien, die Rückkehr autoritärer Herrschaft in Ägypten, das Scheitern demokratischer Übergänge in anderen Ländern. Diese Erfahrungen führten weder zu politischer Apathie noch zu einem vollständigen Rückzug aus dem Protest, sondern formten eine vorsichtige politische Erinnerung – eine, in der die Kosten von Veränderung ebenso präsent sind wie ihre Notwendigkeit. Viele Iraner sehen im Arabischen Frühling deshalb weniger das Scheitern von Protesten selbst als vielmehr das Fehlen stabiler politischer Übergänge nach dem Sturz autoritärer Systeme.In der iranischen Debatte wird der Arabische Frühling dabei weniger als Vorbild denn als warnende Erfahrung gelesen. Während in Ländern wie Ägypten und Tunesien zunächst politische Öffnungen möglich erschienen, führten Entwicklungen in Libyen oder Syrien zu lang anhaltender Instabilität und Gewalt. Gleichzeitig verweisen iranische Beobachter auf strukturelle Unterschiede. Anders als viele arabische Staaten verfügt der Iran über ein konsolidierteres Staatsgefüge und eine längere Erfahrung mit innergesellschaftlicher Mobilisierung. Diese doppelte Perspektive – Warnung vor Chaos einerseits und bewusste Abgrenzung andererseits – prägt maßgeblich die iranische Bewertung politischer Umbrüche.Vor dem Arabischen Frühling speiste sich diese Vorsicht vor allem aus der Erfahrung der Revolution von 1979. Für viele markierte sie nicht nur einen Moment der Befreiung, sondern auch den Beginn einer Phase der Instabilität, der Gewalt und tiefgreifender Umbrüche. Diese Erfahrung hat sich als warnendes Narrativ im kollektiven Gedächtnis festgesetzt: Radikale politische Veränderungen führen nicht zwangsläufig zu Freiheit.Angst vor Zusammenbruch des Landes geschürtDie Ereignisse des Arabischen Frühlings – insbesondere der Krieg in Syrien – verliehen dieser Erinnerung neue, greifbare Bilder. Berichte über Staatszerfall, eskalierende Gewalt und lang anhaltende Konflikte fanden rasch Eingang in den politischen Diskurs Irans.Mit dem Verweis auf ein mögliches „syrisches Szenario“ wurde Protest im Inneren nicht als legitime politische Forderung, sondern als potenzieller Weg in den Zusammenbruch dargestellt. In staatlichen Medien und im Fernsehen geschah dies meist indirekt, indem die Gewalt und der Zerfall in Syrien ausführlich dargestellt und implizit mit großflächigen Protesten verknüpft wurden. Lesen Sie auchParallel dazu formulierten konservative wie reformorientierte Stimmen in sozialen Medien diese Warnung deutlich offener: Eine Ausweitung der Proteste könne zu einem „Syrien-Szenario“ führen, mit Bürgerkrieg, staatlichem Zerfall und massiver Gewalt als mögliche Folge.Diese Politik der Angst war zeitweise wirksam. Zugleich war sie jedoch mehr als bloße Propaganda. Sie spiegelte auch eine tiefere Sorge der Machthaber wider – die Furcht vor der Fragilität der eigenen Ordnung und den unkalkulierbaren Folgen eines Kontrollverlusts.Doch auch dieses Narrativ nutzte sich ab. Mit der wachsenden Rolle des Irans und Russlands im syrischen Konflikt geriet die offizielle Argumentation in eine strukturelle Spannung: Derselbe Akteur, der vor einem „Syrien-Szenario“ warnte, war maßgeblich an dessen Entstehung beteiligt. Diese Widersprüchlichkeit untergrub die Glaubwürdigkeit der Erzählung. Die Angst vor Chaos verschwand nicht – aber sie ließ sich nicht länger ohne Weiteres politisch instrumentalisieren.Lesen Sie auchIn den Protesten der Jahre 2019 bis 2025 zeigt sich dieser Wandel deutlich. Besonders sichtbar wurde er in der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung von 2022, als sich Parolen offen gegen die politische Grundordnung richteten und bisherige rote Linien überschritten wurden. Protestierende handelten nicht aus Unwissenheit, sondern im Bewusstsein der Risiken. Sie kannten die regionalen Erfahrungen – und standen zugleich unter dem Druck eigener, alltäglicher Krisenerfahrungen. Auffällig ist, dass sich diese Verschiebung vorwiegend unter jungen, urbanen Generationen und in gesellschaftlichen Gruppen zeigt, die stärker mit globalen Diskursen verbunden sind. Der Protest wirkt dadurch weniger spontan als früher – und zugleich entschlossener und widersprüchlicher.Schwelle der Angst überschrittenBesonders die jüngsten Protestwellen im Winter 2024/25 haben gezeigt, dass ein Teil der Gesellschaft die lange wirksame Schwelle der Angst überschritten hat. Die Breite und Intensität der Mobilisierung deuteten darauf hin, dass die Sorge vor Chaos nicht mehr in gleichem Maße mobilisierungshemmend wirkt wie in der Vergangenheit. Gleichzeitig machte die beispiellose Härte der staatlichen Repression deutlich, dass diese Form des Protests unter den bestehenden Bedingungen kaum ausreicht, um politische Veränderungen durchzusetzen. Daraus ergibt sich weniger eine Abkehr vom Protest als vielmehr eine wachsende Einsicht in die Notwendigkeit neuer Formen der Organisation, Koordination und strategischen Ausrichtung.Lesen Sie auchVor diesem Hintergrund lassen sich Phasen geringerer Protestintensität kaum als bloße Passivität deuten. Was sich beobachten lässt, ist vielmehr ein ständiges Abwägen zwischen Hoffnung und Risiko – in einer Gesellschaft, in der weder die Hoffnung auf Veränderung verschwunden ist noch die Angst vor ihren Folgen.Der Arabische Frühling fungiert in diesem Kontext weder als direktes Vorbild noch als eindeutige Abschreckung. Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, den Menschen deutlicher vor Augen geführt zu haben, wie riskant politische Umbrüche werden können. Für viele Iraner bleibt er eine Erinnerung daran, dass der Sturz eines Regimes nicht automatisch Stabilität oder Demokratie hervorbringt. Gleichzeitig zeigt die iranische Erfahrung selbst, dass anhaltende politische Blockaden eine eigene, dauerhafte Quelle von Instabilität darstellen.Lesen Sie auchWill man diese Lage in einem Satz zusammenfassen, dann vielleicht so: Protestpolitik im Iran steht nicht länger unter der Dominanz der Angst vor dem Chaos nach dem Umbruch – sie ist vielmehr dabei, diese Angst neu zu verhandeln, indem Protestierende Risiken bewusster abwägen, offenere politische Forderungen formulieren und zugleich nach neuen Formen der Organisation und Koordination suchen.Damit bleibt die Angst vor Instabilität ein Faktor politischer Kalkulation – aber kein absoluter Hemmschuh mehr. Entscheidend ist heute etwas anderes: die wachsende Kluft zwischen der Bereitschaft zur Veränderung und den bislang unzureichenden Mitteln, diese tatsächlich durchzusetzen. Die zentrale Frage ist daher nicht mehr, ob protestiert wird oder nicht, sondern wie sich der Wille zur Veränderung in wirksamere und nachhaltigere Formen politischen Handelns übersetzen lässt.Nahost-Experte S. Mahdi Khodaei forscht an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, mit den Schwerpunkten soziale Bewegungen und Menschenrechte.