Jurist Peter Nobel ist tot: Meister der MenschenkundeVom Jungsozialisten zum Anwalt der Finanzindustrie: Zum Tod des grossen Geschichtenerzählers, Geniessers und Freundes Dürrenmatts, Peter Nobel.Martin Meyer28.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSieg des Unikats über die Truppen des Durchschnitts: der Zürcher Anwalt Peter Nobel, hier auf einem Bild von 2017.Michel Canonica / CH MediaIm Ambiente gefälligen Vorsichtsdenkens, wie es hierzulande so häufig grassiert, schlug Peter Nobel nicht selten wie ein Meteor in die Landschaft ein: unerwartet, kräftig und raumgreifend. Der grosse Jurist, dessen Arbeitseifer schon früh zur Legende wurde, besass daneben den Charme einer Naturgewalt. Nobel war ganz und gar «da». Dabei konnte man übersehen, wie genau, wie überlegt, wie empathisch Nobel auch zuhören und mitdenken konnte. Das galt für schwere und schwierigste Fälle aus dem Bereich des Wirtschafts- und Finanzmarktrechts ebenso wie für vielfältige Dienste an Freunden und Bekannten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Peter Nobel, Jahrgang 1945, stammte aus der Ostschweiz. Der gebürtige St. Galler, dessen Energien kaum je zum Stillstand kamen, studierte daselbst Wirtschaftsrecht und Staatswissenschaften, setzte seine Arbeit als Assistent und Forscher an den Universitäten Zürich und Göttingen fort, war Visiting Scholar an der Moskauer Lomonossow-Universität sowie an der Columbia University und etablierte sich seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts an den Universitäten von St. Gallen und Zürich. Der Titel des Professors war mehr als verdient. Er stand ihm gut, wenngleich er ihn gelegentlich mit einem Augenzwinkern versah. Immerhin hatte Nobel von 1971 bis 1979 als erster Präsident der Schweizer Jungsozialisten fungiert.Fundamentale NeugierSozi und Geniesser, Lehrer und Literat, Rechtsanwalt und Hobbyflieger, Kunstsammler und Globetrotter, Pointenjäger und Beobachter, das alles ging wie selbstverständlich Hand in Hand. Nobel war schon als junger Mann ein ganzer Mensch, mitunter unbändig originell und dabei ebenfalls von Anfang an einer der Besten seines Fachs. Die Leidenschaft für die Jurisprudenz, für das weite Feld der Rechtsprechung, für alles, was an Auslegung möglich wurde, wenn nur einer kam, der dies alles verstand, die Komplexitäten auf die wichtigsten Parameter zurückbrachte und dabei erst noch von einem diskreten Sinn für Gerechtigkeit beseelt war: Das war und blieb bewundernswert. Es war nicht weniger als der Sieg des Unikats über die Truppen des Durchschnitts.Nobels fundamentale Neugier war und blieb dabei entscheidend. Jeder Tag begann von Neuem, jeder Fall erzählte eine Geschichte, jeder Einsatz, auf dem Katheder oder in der Kanzlei, im Sitzungszimmer mächtiger Firmen oder für das Filigran der schönen Künste, konnte zum Abenteuer werden. Peter Nobel schöpfte aus dem Vollen, nicht nur aus stupender Kenntnis der Fachliteratur, sondern auch mit dem sehr besonderen Mix aus kühler Analyse und begeisterter Empathie. Jedermann, der seine Anliegen deponierte, fühlte sich auf Anhieb verstanden. Dass die grossen und spektakulären Fälle alles andere als Routine plus Computer waren, vielmehr Produkte einer raffiniert kombinierenden Intelligenz bei grösstmöglicher Treue im Detail, war häufig erst nach geschlagener Schlacht zu erkennen.Für die Schweizer Wirtschaft über die Landesgrenzen hinaus, für die Finanzindustrie und andere zentrale Bereiche unseres sozialen Kapitalismus war Peter Nobel deshalb regelmässig der Steuermann vom Dienst. Seine sprichwörtliche Diskretion wiederum sorgte dafür, dass weder er noch seine Klienten zur Beute des medialen Zeitgeists wurden. Der stille Patriot und Verteidiger des Wettbewerbs hätte sich natürlich kein Ende der Credit Suisse gewünscht. Für ihn war ein Debakel von historischen Dimensionen wahr geworden, worüber er in der letzten Zeit noch rechtens lamentierte.Liberal durch und durchIm Lauf seiner Biografie war Nobel bald in Richtung Mitte gewandert. Der Barrikadenkämpfer war anekdotisch geblieben. Als Anwalt hatte Nobel rasch begriffen, dass abstrakte Moral, wie sie die Intellektuelleren unter den Genossen auf den Schild erhoben, wenig bis nichts mit den Realitäten zu tun hatte. Die Welt war für Peter Nobel weder nur gut noch immer nur böse, vielmehr, jedenfalls in unseren Breitengraden, häufig eher grau. Es sei denn, man besass ein Auge auch für das Skurrile, das Abseitige, das Schräge und Komische. Dürrenmatt, mit dem Nobel eine lange und fruchtbare Freundschaft verband, war Peter Nobels Hausgott: ein wahrhaft Wortgewaltiger, der die Galaxien explodieren liess, während er gleichzeitig auch das Kleinteilige und nicht selten etwas Lächerliche unserer Existenz ins Auge fasste.Peter Nobels fröhliches Lachen setzte diese Einsicht fort. Der Erzähler von Geschichten, der lachende Geniesser mit Rotwein und Zigarre, der Hausherr im Dachstock seiner Sammlung von «Press Art» an der Zürcher Heliosstrasse, schliesslich der Mann, der entwaffnend unverstellt die Freude an sich selbst genoss: Er wurde seinerseits zum Phänotypus, unhelvetisch in seiner geradezu unbändigen «joie de vivre». Dass es ihm, zusammen mit Peter von Matt, gelang, das Schweizer Literaturarchiv zur Gründung zu bringen und sogar einen Bundesrat dafür zu begeistern, war, wenn man das Sorgentelefon bedenkt, das in der Schweiz alles «Amtliche» begleitet, ein grandioser Coup.Den letzten denkwürdigen Auftritt hatte Peter Nobel anlässlich der Abendfeier vom vergangenen September zum Gedenken an seinen Freund Peter von Matt im Zürcher Schauspielhaus. Nobel, der anno dazumal auch einmal mit dem roten Ferrari durch die Strassen gedonnert war, hatte sich da längst in den klugen, witzigen, nachdenklichen und melodiösen Philosophen gewandelt, der er ohnehin schon lange gewesen war. Offen für vieles und Gegensätzliches, das Gegenteil des verbiesterten Ideologen, ein gesunder Verächter der Langeweile und ein wahrhaft generöser Gefährte. Dieser Tage ist er im Alter von 80 Jahren nach schwerer Krankheit in Zürich verstorben.
Jurist Peter Nobel ist tot: Der Meister der Menschenkunde
Zum Tod des grossen Geschichtenerzählers, Geniessers und Freundes Dürrenmatts Peter Nobel









