Das Zürcher Stadtparlament will Public Viewings an der Fussball-WM längere Öffnungszeiten gewähren. Die AL schäumt: «Kein öffentlicher Raum für diese machtpolitische Charade»Soll Zürich mehr WM-Spiele zeigen oder besser gar keine? Ob dieser Frage kriegten sich am Mittwoch SP und AL in die Haare.27.05.2026, 20.44 Uhr4 LeseminutenDie Fussball-EM der Frauen in Zürich zog viele Fans an, auch in den Public Viewings. Weil die Männer-WM nun in den USA stattfindet, würde die AL am liebsten Public Viewings verbieten.KeystoneDas Zürcher Stadtparlament ist bekannt dafür, sich gerne auch globalen Themen zu widmen. So auch an diesem Mittwochabend, wobei es um einen internationalen Grossanlass ging, der zumindest teilweise auch die Stadt tangiert: die Fussball-WM. Debattiert wurde über Ruhebedürfnisse, Sommermärchen und «faschistoide Tendenzen» in den USA.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auslöser für die Diskussion war ein Vorstoss von GLP und Mitte, der lockerere Regeln für Public Viewings forderte. Weil die WM heuer in den USA, Mexiko und Kanada ausgetragen wird, werden viele Spiele hierzulande erst spätabends oder gar mitten in der Nacht beginnen. Dessen ungeachtet hat die Stadt wie bei früheren Austragungen verfügt, dass in Public Viewings nur Fussballspiele übertragen werden dürfen, die spätestens um 21 Uhr beginnen.An der WM 2026, die schon in zwei Wochen startet, werden jedoch zwei Drittel der Spiele erst später angepfiffen. Deshalb sollen mindestens in der K.-o.-Phase auch Spiele übertragen werden dürfen, die bis 23 Uhr beginnen, finden die Postulanten. «Für Gastrobetriebe, die sich auf Sport spezialisiert haben, ist die WM ein Highlight. Und für die Fans auch», sagte Beat Oberholzer (GLP). Winterthur habe einen ähnlichen Weg eingeschlagen. «Wir sollten nachziehen, sonst müssen die Zürcher noch nach Winterthur, um Fussball zu schauen.»Fundamentalopposition gegen den «guten Kompromiss»Die Mehrheit im Rat stellte sich hinter diesen Vorschlag. Roger Bartholdi (SVP) schwärmte von der guten Stimmung, die momentan in der Fanzone der Eishockey-WM herrsche, Severin Meier (SP) fand, Zürich habe einen belebten Sommer verdient. Und auch bei der FDP kam die Idee an – mit dem leisen Einwand, dass dies kein Freibrief für alle Gastrobetriebe sei, Radau zu machen, wie Martin Bürki sagte.Auch der Stadtrat war bereit, das Postulat entgegenzunehmen und rasch umzusetzen. Boulevardrestaurants und Public Viewings mit der entsprechenden Bewilligung sollen die Spiele der K.-o.-Runde am Wochenende sowie bei Schweizer Beteiligung zeigen können, sofern sie spätestens um 23 Uhr beginnen. Für die Gruppenphase würde diese Ausnahmeregelung nicht gelten. Das sei ein guter Kompromiss zwischen «den berechtigten Ruhebedürfnissen der Anwohner und den Wünschen von Fans und Gastrobetrieben», sagte die Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart.Damit hätte die Sache erledigt sein können, wäre da nicht die Fundamentalopposition der AL gewesen. Die AL ist kein Fan der Fussball-WM. Der Grossanlass diene «der Imagepflege der Fifa und der Austragungsländer», kritisierte sie schon in der Vergangenheit. Und so reichte sie einen Vorstoss ein, um die Public Viewings gleich ganz abzuklemmen.Im Postulat fordert sie den Stadtrat dazu auf, zu prüfen, «wie die Stadt Zürich ihren Protest gegen die Durchführung der Fussball-Weltmeisterschaft unter den aktuellen menschenrechtsunwürdigen Zuständen in den USA zum Ausdruck bringen kann». Die AL sieht in den USA Anhaltspunkte für faschistoide Tendenzen. Von Public Viewings auf öffentlichem Grund und einer Finanzierung solcher Aktivitäten durch die Stadt sei abzusehen.Der Fraktionschef David Garcia Nuñez versuchte den Rest des Parlaments zu überzeugen: «Sie täuschen sich, wenn Sie von einem unpolitischen Sommermärchen träumen.» Autoritäre Staaten investierten Milliarden, um sich im besten Licht zu präsentieren. Fussball sei politische Soft Power. «Wir sagen: Kein öffentlicher Raum für diese machtpolitische Charade!»Die AL hatte mit einem ähnlichen Vorstoss vor vier Jahren Erfolg. Damals ging es darum, gegen die Austragung in Katar zu protestieren.Doch diesmal wollte der Rat dem Ruf der AL nicht folgen. Martin Bürki meinte lakonisch, dass die FDP den Vorstoss «logischerweise» ablehne. Roger Bartholdi (SVP) fand, man solle der Bevölkerung diese Freude nicht wegnehmen, nur weil man politisch anderer Meinung sei. Und Karin Weyermann (Mitte) doppelte nach: «Die USA scheren sich keinen Deut darum, was wir hier im Gemeinderat beschliessen.» Ihre Partei gewichte die Freude am Fussball höher als Symbolpolitik.AL findet Haltung der SP beschämendMit der Ablehnung der Bürgerlichen musste die AL rechnen. Was sie besonders schmerzte, war das Nein der SP. Diese argumentierte ähnlich wie die Mitte. Ein Boykott bringe nichts, sagte Severin Meier. «Weder Trump noch die Fifa lassen sich davon beeindrucken.» Wenn die Schweiz etwas bewirken wolle, könne sie ja aufhören, Rüstungsgüter in den USA zu kaufen. Zudem finde die WM nicht nur in den USA statt, sondern auch in Mexiko und Kanada, die keinen Boykott verdient hätten. Damals in Katar sei die Situation anders gewesen, «es herrschten sklavereiartige Zustände auf den Baustellen», sagte Meier.Bei der AL kam das ganz schlecht an: «Was die SP hier sagt, ist mehr als beschämend», fand Moritz Bögli. Weil es sich um ein westliches Land handle, würden offenbar andere Massstäbe angesetzt als bei einem Land auf der Arabischen Halbinsel.Dass Teile der Grünen und der GLP dem Vorstoss zustimmten, nützte der AL nichts. Sie scheiterte am Ende deutlich. Und so gibt es in Zürich nun nicht weniger Fussball-WM, sondern mehr.Passend zum Artikel
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