Am Dienstagnachmittag auf Court 5 der French Open spielte sich Bedeutsames ab. Für Oleksandra Olijnykowa. Die 25-Jährige aus Kiew gewann vor den Augen ihres Vaters ihre erste Runde. Denys wurde kurz beurlaubt von der ukrainischen Armee, er muss sonst seinem Land helfen, den Angriffskrieg Russlands abzuwehren. Und weil seine Tochter nicht nur erst ihr zweites Match bei einem Grand-Slam-Turnier (nach den Australian Open im Januar) gewann, sondern dieser Sieg auch gegen die russische Qualifikantin Elena Pridankina mit 6:1, 6:2 gelang, spielten sich emotionale Szenen ab. Olijnykowa rannte zum Vater, die blau-gelbe Fahne auf dem Rücken.Später, bei einer Pressekonferenz vor wenigen Reportern, war sie immer noch aufgelöst. Olijnykowa ist, wie sie sagt, auf einer Mission. Sie will die Tennisbühne nutzen, um den russischen Krieg zu verurteilen. Wieder und wieder. Keine Spielerin aus der Ukraine tut dies so vehement wie sie. Olijnykowa, Nummer 65 der Weltrangliste, holt ihr Handy heraus. Sie hält es hoch. Man sieht eine zerbombte Tennishalle. „Die Plätze, auf denen ich meine Kindheit verbracht habe“, sagt sie, „wenn ich so etwas sehe, tut es mir so weh.“ Die Wut sprudelt heraus. Kürzlich hatte sie dem Online-Medium Bounces gesagt, dass die WTA, die Organisation der Frauentour, sie ermahnt habe, sich zurückzuhalten. Aber Olijnykowa redet.„Diese Flagge ist etwas, das russische Soldaten hissen, nachdem sie eine Stadt vollständig zerstört haben“„Viele unserer Athleten sind in den Krieg gezogen, um die Ukraine zu verteidigen – sie sind gestorben. Manche wurden als Zivilisten in ihrem eigenen Zuhause getötet“, sagt sie. „Diese Spieler hier sind Teil der Propaganda. Sie schweigen, und damit unterstützen sie das Regime“, sagt sie. Und: „Dieses Schweigen hier auf der Tour ist für mich sehr belastend.“ Sie fordert: „Hier müssen wir aufhören, so zu tun, als ob nichts passiert.“ Sie schaut die Journalisten direkt an.Olijnykowa wirft den russischen Spielern auch vor, dass sie selbst hinter den Kulissen keinen Austausch suchten. „Sie versuchen nicht zu verstehen, weil es ihnen egal ist“, sagt sie: „Wenn es ihnen nicht egal wäre, könnten diese Menschen ihren Einfluss nutzen. Sie sind berühmt. Sie haben Fans. Es gibt Menschen, die auf sie hören. Stattdessen schweigen sie.“ Als sie gefragt wird, wie sie es fände, sollten russische und belarussische Profis nicht mehr als „Neutrale“ im Tennis antreten müssen, sondern wieder mit Flagge hinter dem Namen auflaufen dürfen, antwortet sie sofort. „Diese Flagge ist ein Symbol des Terrors“, sagt sie, „diese Flagge ist etwas, das russische Soldaten hissen, nachdem sie eine Stadt vollständig zerstört haben.“ Sie zögert, aber dann vergleicht sie die Flagge mit dem Hakenkreuz. Für Ukrainer sei die russische Flagge „sehr traumatisierend“.In der zweiten Runde trifft Olijnykowa auf die Australierin Kimberley Birrell, die Siegerin hat 187 000 Euro Preisgeld sicher. Olijnykowa wird wieder alles geben, für ihr Land, sie will viel Geld der Armee spenden. Und weiter anklagen. „Ich weiß, dass es unangenehm sein kann. Ich weiß, dass einige dieser Menschen große Stars sind. Sie haben viele Verträge, verdienen viel Geld und haben viel Einfluss. Aber ich werde diese Dinge trotzdem weiter sagen.“ So sieht der Kampf von Olijnykowa aus, die als Tennisprofi um die Welt reist.