Es ist erfreulich, dass die Entscheidung der aktuellen Theatertreffen-Jury, die Frauenquote bei der Auswahl der zehn aus ihrer Sicht bemerkenswertesten Inszenierungen des Vorjahres im deutschsprachigen Raum für die kommenden zwei Festivalausgaben auszusetzen, zentral dazu beitragen konnte, dass das nach wie vor leider sehr wichtige Thema der strukturellen Ungleichheit, der Bekämpfung von Diskriminierung und der notwendigen Diversifizierung im Kulturbetrieb wieder genauso prominent, engagiert und kontrovers öffentlich diskutiert wird, wie es schon 2019 bei der temporären Einführung dieser ersten Auswahlquote in der langen Geschichte des Theatertreffens der Fall war.Damals hatten die siebenköpfige Kritikerinnen- und Kritiker-Jury, die Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer und der Festspielintendant Thomas Oberender gemeinsam die (Selbst-)Verpflichtung der Jury beschlossen, für zunächst zwei Jahre (2020 und 2021) eine solche Quote zwingend beachten zu wollen, nach der mindestens 50 Prozent der ausgewählten Inszenierungen von Regisseurinnen oder mehrheitlich weiblichen Regie-Kollektiven erarbeitet worden sein mussten. In den vier Folgejahren oblag es stets der in ihrer Auswahlentscheidung von den Berliner Festspielen völlig unabhängigen und sich in ihrer Zusammensetzung immer wieder wandelnden Jury, neu zu entscheiden, ob sie sich auch für die jeweils folgende Ausgabe des Festivals eine solche Quote weiterhin selbst auferlegen wollte oder nicht.Gründe und Abwägungen transparent gemachtDie Jurys für die Ausgaben 2022 bis 2026 entschieden sich dafür. Die Jury für die Ausgaben 2027 und 2028 hat sich nun – nach immerhin also sieben Theatertreffen mit Quote, die in den letzten beiden Jahren sogar übererfüllt wurde – dagegen entschieden und ihre Gründe und Abwägungen in verschiedenen Artikeln jeweils einzelner Jurorinnen und Juroren auch öffentlich transparent gemacht.Diese Entscheidung der aktuellen, divers besetzten Jury wurde wiederum öffentlich kontrovers diskutiert und vielfach auch kritisiert, fair enough. Was die allgemeine Zustimmungsrate zu ihren von selbstverständlich subjektiven Seherfahrungen geprägten Abstimmungsergebnissen angeht, ist jede Theatertreffen-Jury Kummer gewohnt, immer schon. „Die Jury soll die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen deutschsprachiger Bühnen auswählen“, wie es in der Verfahrensordnung des Theatertreffens heißt, und es gehört damit nicht nur zu ihrer DNA, ihre jeweils individuellen Auswahlkriterien festlegen zu können, sondern es ist sogar den einzelnen Jurorinnen und Juroren überlassen, für sich selbst und womöglich auch immer wieder neu zu definieren, was „bemerkenswert“ denn eigentlich sei und zu bedeuten hat – und gegebenenfalls zu versuchen, die anderen Mitglieder der Jury von den Argumenten für diese jeweilige Einschätzung zu überzeugen. Eine solche Jury kann Selbstverpflichtungen – wie etwa zu einer geschlechtsspezifischen Quotierung ihrer Auswahlentscheidung – nur selbst eingehen. Jedenfalls wenn sie unabhängig ist.300 Theaterschaffende protestieren in einem offenen BriefNun haben mehr als 300 Theaterschaffende im deutschsprachigen Raum einen offenen Brief an die aktuelle Theatertreffen-Jury sowie an uns als aktuelle Leiterin des Theatertreffens und aktuellen Intendanten der Berliner Festspiele verfasst, in dem sie uns eindringlich bitten, unsere Entscheidung zu überdenken. Denn sie sei „fatal“. Die strukturelle Benachteiligung von Frauen im Theaterbetrieb bestehe weiterhin fort – „angesichts gesellschaftlicher und politischer Backlash-Tendenzen heute mehr denn je“.Offenbar trauen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Unabhängigkeit der Jury nicht über den Weg. Die Jury ist in ihrer Auswahl auch von den Berliner Festspielen und der Theatertreffen-Leitung unabhängig und entscheidet damit eigenständig und turnusgemäß selbst über die Frauenquote. Doch die Absenderinnen und Absender des offenen Briefes sehen in der von der Jury beschlossenen zweijährigen Aussetzung der Frauenquote (bei fortlaufender eigener Evaluierung dieser Aussetzungsentscheidung) eine „Abschaffung“, deren Signalwirkung „in die Theaterlandschaft und darüber hinaus in die Gesellschaft“ höchst problematisch sei. Sie bieten an: „An einer Weiterentwicklung und Differenzierung der Quotenkriterien beteiligen wir uns gerne – die Quote selbst bleibt aus unserer Sicht jedoch ein sinnvolles und notwendiges Instrument.“ Denn sie sind der Überzeugung, dass „die Annahme, künstlerische Urteile seien frei von gesellschaftlichen und politischen Prägungen“, zu kurz greife.Bühnenreifer Streit: das Logo des TheatertreffensdpaDas Urteilsvermögen ebenso wie die Verantwortungsfähigkeit einer Jury stellen sie damit infrage und wollen – obwohl sie selbst davon sprechen, die Einführung der Frauenquote sei ein „wichtiges Signal“ gewesen und habe zugleich „einen wirksamen strukturellen Impuls gegeben“ – zementieren, was als Selbstbeschränkung mit Bedacht und von Anfang an nur als vorübergehende, signalhafte und impulsgebende Maßnahme, als temporäre affirmative action eben vorgesehen war: den Vorrang struktureller vor ästhetischen Auswahlkriterien. Unter solcher Dauermaßgabe müsste das Theatertreffen ehrlicher- und konsequenterweise von den zehn vorbildlichsten Inszenierungen des Vorjahres sprechen und nicht länger von den zehn bemerkenswertesten.Unabhängigkeit von Fachjurys ist zu schützenEs ist unerfreulich, wenn auf diese Weise die Unabhängigkeit der Theatertreffen-Jury von Kolleginnen und Kollegen aus dem Theaterbetrieb infrage gestellt und angegriffen wird – von denen viele etwa bei der Theatertreffen-Eröffnung Anfang Mai oder im April bei der Verleihung des Theaterpreises des Bundes im Haus der Berliner Festspiele zuletzt heftig applaudierten, als von der Bühne auf vielfältige und eindrückliche Art und Weise immer wieder und aus gegebenem Anlass gefordert wurde, die Unabhängigkeit von Fachjurys zu schützen, deren Entscheidungen unbedingt anzuerkennen und nicht nachträglich in sie einzugreifen. Das ging vor allem an die Adresse des Staatsministers für Kultur und Medien, der eine Juryentscheidung beim Buchhandlungspreis revidiert hatte, und artikulierte auch die Angst vor einer Einschränkung der Kunstfreiheit und vor (geheimdienstlichen) Gesinnungsprüfungen auf Verfassungstreue und vermeintlichen Extremismus.Wir erlauben uns die Frage, ob hier nicht Doppelstandards drohen, wenn jetzt von gleicher Seite die wohlüberlegte, informierte und begründete Entscheidung einer unabhängigen Jury gegen eine fortgesetzte oder verstetigte Einschränkung von Kunstfreiheit (die ja auch Auswahlentscheidungen von Kurator*innen und Jurys schützt) auf die genannte Weise infrage gestellt und mittels Unterschriftenaktion sogar versucht wird, sie zu delegitimieren. Und auch wenn wir die berechtigten Anliegen eines Großteils der Unterzeichnenden nicht infrage stellen, fragen wir uns zudem dennoch, wie wohlfeil zumindest manche dieser Frauenquotenbekenntnisse erscheinen mögen. Denn nicht wenige einflussreiche Intendanten großer (und oft zum Theatertreffen eingeladener) Bühnen haben den offenen Brief unterschrieben, der feststellt: „Chancengleichheit entsteht nicht von selbst; sie muss aktiv hergestellt und abgesichert werden … Gerade deshalb bleibt es notwendig, struktureller Ungleichheit mit konkreten Werkzeugen wie einer Quote entgegenzuwirken.“Wenn dem so ist, warum wollen sie diese Aufgabe, die doch ihre ureigene wäre, weiterhin an die nachgelagerte Theaterkritik delegieren? Warum setzen oder setzten dann etwa die aktuellen, ehemaligen oder zukünftigen Leiterinnen und Leiter der Berliner Volksbühne oder des Deutschen Theaters, des Zürcher Schauspielhauses, des Münchner Residenztheaters, des Hamburger Thalia Theaters, des Schauspiels Hannover und des Dresdner Staatsschauspiels nicht an ihren eigenen Häusern endlich um, was das Theatertreffen ihnen sieben Jahre lang signalisiert hat? Warum gibt die Vizepräsidentin des Deutschen Bühnenvereins nicht selbst und über ihren Verein längst die wirksamen strukturellen Impulse zu häuserübergreifenden Selbstverpflichtungen zu diesem Thema? Warum hat das bisher und muss das offenbar auch in Zukunft das Theatertreffen für sie alle tun, das doch per definitionem die Theaterlandschaft und den Stand der Dinge eher abbilden und nicht selbst gestalten soll?Sie sind doch die Produktionsorte und Arbeitgebervertretungen, sie bestimmen die Strukturen, Besetzungen und Gehälter, sie geben den Ton an in der Szene. Warum haben sie denn, sieben Jahre später, nicht selbst längst eine Frauenquote eingeführt und öffentlich bekannt gegeben? „Weitere Formen struktureller Diskriminierung“ abgebaut, „Quotenkriterien“ weiterentwickelt und differenziert? Und sollten sie es insgeheim längst getan haben (wir haben die Spielpläne nicht alle daraufhin durchgescrollt) – warum muss es dann auch das Theatertreffen, das seine viel gerühmte Impulsgeberfunktion in dieser Hinsicht zur Genüge erfüllt hätte, immer weiter tun?Fehlt ihnen ohne uns sonst einfach der große Mut? Weil die Aussetzung der Frauenquote beim Theatertreffen ihre Transformationsprozesse destabilisiert und umzukehren droht? Ernsthaft? Schwer zu glauben. Bleibt zu wünschen, ihre Angestellten, Mitglieder und Teams nehmen sie fortan zumindest beim Wort auch für die Quoten und weiteren Gleichstellungsmaßnahmen in den eigenen Institutionen.Denn es wird höchste Zeit für diese Maßnahmen, die Welt des schönen Scheins einer Theatertreffen-Auswahl zu verlassen und in der theaterbetrieblichen Wirklichkeit anzukommen. Bitte.Nora Hertlein-Hull ist Leiterin des Berliner Theatertreffens.Matthias Pees ist Intendant der Berliner Festspiele.