Mit Doping zum Weltrekord: An den Enhanced Games traten hochgezüchtete Superathleten an. Was bezwecken die Tech-Milliardäre, die das Spektakel veranstalteten?Die Veranstalter wollten die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers ausloten – und fabulieren vom ewigen Leben. Ein Augenschein vor Ort.27.05.2026, 16.00 Uhr7 LeseminutenDer Grieche Kristian Gkolomeev schwamm die 50 Meter Freistil an den Enhanced Games in 20,81 Sekunden – was der Veranstaltung zumindest theoretisch einen Weltrekord bescherte.Jae C. Hong / APDie ersten Enhanced Games, gerne auch Doping-Spiele oder Steroid Olympics genannt, sind erfolgreich über die Bühne gegangen. Alle 42 Athleten haben überlebt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So könnte ein erstes, etwas zynisches Fazit der Veranstaltung vom Sonntagabend in Las Vegas lauten. Keiner der Sprinter, die sich etwa Testosteron, Wachstumshormone und EPO hatten spritzen lassen, brach auf der Tartanbahn zusammen. Die Gewichtheber verhoben sich nicht, es musste auch kein Schwimmer vom Beckenrand gezogen werden. Gröbere medizinische Zwischenfälle blieben aus.Stattdessen schafften viele Teilnehmer persönliche Bestmarken. Fast ein Drittel der Sportler stellte eigene Karrierebestleistungen auf. Allerdings waren die Erwartungen vor dem Wettkampf höher geschraubt worden, die Weltrekorde sollten purzeln.Doch nicht nur der amerikanische Sprint-Star Fred Kerley blieb weit unter seinen Möglichkeiten: Er gewann die 100-Meter-Distanz zwar, jedoch mit einer mittelmässigen Laufzeit von 9,97 Sekunden. Immerhin schwamm der Grieche Kristian Gkolomeev die 50 Meter Freistil in 20,81 Sekunden, was der Veranstaltung dann doch noch einen Weltrekord bescherte. Zumindest theoretisch.Gute ShowDenn über die Aussagekraft der Zeiten mag man sich streiten. Speziell im Schwimmen, wo Gkolomeev seine Spitzenleistung nicht nur dem Doping verdankte: Er trug einen Hightech-Ganzkörperanzug, der im Wettkampfsport verboten ist, seit der brasilianische Schwimmer César Cielo 2009 in einem solchen zwei Weltrekorde aufgestellt hat.Offiziell anerkannt werden die Spitzenleistungen ohnehin nicht. Doch die 2500 geladenen Gäste, deren demografische Zusammensetzung an einen exklusiven Fitnessklub erinnerte, bekamen eine sehr unterhaltsame Show geboten. Aus Rücksicht auf das Konsumverhalten in Zeiten von Tiktok hatten sich die Veranstalter auf Disziplinen beschränkt, die in weniger als zwei Minuten entschieden sind.So gestaltete sich eine kurzweilige Abfolge von Wettkämpfen, während über der Freiluftarena am Strip in Las Vegas langsam die Sonne sank. Etwas abseits glühte der Trump Tower in goldenem Licht, das testosterongesteuerte Publikum machte Stimmung. Zu später Stunde schickte dann die Rockband The Killers die Leute mit einem Best-of ihrer Hits nach Hause.Bei allen Berührungsängsten, die man haben mochte, und auch wenn die Leistungen hinter den Erwartungen blieben: Es war ein Spektakel. Höchstens dürfte der eine oder andere Zuschauer einen Sonnenstich erlitten haben in der sengenden Hitze von Nevada.Die Veranstalter sehen die Enhanced Games als klinisch fundiertes Testfeld für neue Gesundheitstechnologien – «Longevity» ist das Schlagwort.Andreas Scheiner / NZZDass auch Sportler kollabieren könnten, war eine Sorge gewesen. Aber nur eine von vielen. Vor den Spielen hatte sich die Debatte primär um Ethikfragen gedreht. Kritiker warnten vor einem verheerenden Signal, das der Wettkampf aussenden würde. Was sollen sich Jugendliche denken? Stiftet der Event nicht zum Medikamentenmissbrauch an, weil jeder Hobbysportler zum Dopen animiert wird?Eine «Clown-Veranstaltung»?Mediziner machten auf mögliche Langzeitschäden aufmerksam, die die beteiligten Sprinter, Schwimmer und Gewichtheber davontragen könnten. Ausserdem, so der Tenor in den Medien, sei es unsinnig, Weltrekorde zu jagen, da diese ohnehin nicht anerkannt würden.Travis Tygart von der amerikanischen Anti-Doping-Agentur (USADA) sprach von einer «gefährlichen Clown-Veranstaltung». Sebastian Coe vom Leichtathletik-Weltverband World Athletics drohte sämtlichen Sprintern, «die so schwachsinnig sind», bei den Games anzutreten, mit der Verbannung aus dem offiziellen Sport. Andere Verbände klangen ähnlich.Weil der Präsidentensohn Donald Trump Jr. und der rechtslibertäre Tech-Unternehmer Peter Thiel zu den frühen Investoren gehörten, war zudem von einer ideologischen Ausgeburt der Maga-Bewegung die Rede. Wahrscheinlich war noch selten ein Sportanlass von so scharfen Misstönen begleitet worden wie diese Enhanced Games.Gleichwohl machten 42 Athleten mit. «Ich werde nicht lange um den heissen Brei herumreden», sagte der deutsche Schwimmer Marius Kusch gegenüber der NZZ in Las Vegas: «Der finanzielle Aspekt war einer der ausschlaggebenden Gründe.»Vom Sport konnte er nicht lebenIm Dezember 2024 hatte Kusch seine aktive Laufbahn beendet, bevor er sich einige Monate später zu einem Comeback bei der umstrittenen Leistungsschau breitschlagen liess. Die Antrittsgage für die Athleten soll sich im sechsstelligen Bereich bewegt haben. Kusch brauchte sie, denn offenbar konnte sich der Europameister von 2019 über 100 Meter Schmetterling tatsächlich kaum über Wasser halten.Zwischen den Wettkämpfen sei er quer durch die USA gereist und habe Kindern Schwimmunterricht gegeben, sagt der Wahlamerikaner. «Ich hatte keinerlei Rücklagen, das Bankkonto war immerzu leer.» Mit 33 Jahren habe er sich gefragt: «Warum habe ich das alles auf mich genommen?» Jetzt, dank den Enhanced Games, werde er endlich einmal ordentlich entlöhnt. «Zum ersten Mal kann ich mir eine Krankenversicherung leisten.»Mediziner warnten vor den Langzeitschäden, die Gewichtheber wie er davontragen könnten: Mitchell Hooper an den Enhanced Games in Las VegasJae C. Hong / APOb er sie brauchen wird, wenn ihn in einigen Jahren womöglich Langzeitschäden einholen, bleibt abzuwarten. Zumindest konnte er die Antrittsgage noch aufstocken: Am Sonntag gewann Kusch die Entscheidung über 100 Meter im Schmetterling und strich ein Preisgeld von 250 000 Dollar ein.Wie die grosse Mehrheit der Athleten hatte sich der Deutsche in einem Trainingslager in Abu Dhabi in einem achtwöchigen, klinisch abgestimmten Prozedere mit leistungssteigernden Substanzen aufpumpen lassen. «Ich habe so unfassbar viele Tage im Krankenhaus verbracht», erinnert er sich. Er sei minuziös überwacht worden, manchmal habe er «65 PDF-Seiten mit Daten zugeschickt» bekommen. «Alles wirklich top. Das ist der gesündeste Zustand, in dem ich in meinem Leben je war.»Teilnehmer und Veranstalter wurden in den vergangenen Tagen nicht müde, die Wissenschaftlichkeit der Spiele zu betonen. Den Organisatoren geht es nach eigener Aussage nicht nur darum, die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers auszuloten. Sondern sie sehen die Enhanced Games auch als klinisch fundiertes Testfeld für neue Gesundheitstechnologien. «Longevity» ist das Schlagwort. Sie wollen den Alterungsprozess verlangsamen. Ewiges Leben.Christian Angermayer hat in seinem Leben noch nie geraucht und trinkt keinen Alkohol. Kaffee probierte er zum ersten Mal mit 29 Jahren. Heute ist der Co-Gründer der Enhanced Games 48 Jahre alt, und auch wenn Medienberichte, wonach er zehn Jahre jünger aussieht, etwas übertrieben sind: Sein Energielevel wirkt übernatürlich – und ist es auch.Laut der «Washington Post» umfasst die gegenwärtige Wellness-Routine des deutschen Milliardärs unter anderem Testosteron und Wachstumshormone, die darauf abzielen, tiefe Fettschichten zu reduzieren und seine Zellen zu regenerieren. «Um sich kontaktfreudiger zu fühlen», so schreibt die Zeitung, «fügt er das Peptid Oxytocin hinzu, das normalerweise von Ärzten zur Stimulierung der Wehen verwendet wird.»Ein klärendes GesprächWenn es um die Medienarbeit ging, trat er in Las Vegas wie ein Hochleistungssportler auf. Beim Pressetermin, der vor den Spielen für Gespräche mit den Athleten anberaumt war, stellte er sich ebenfalls den Reportern. Am Ende blieb er am längsten.Im Gespräch setzte er auch der NZZ seine Grundsätze auseinander. Technologische Entwicklungen hätten in der grossen Mehrheit das Leben der Menschheit verbessert, sagte er. Aber was ihm Angst mache, sei der Blick in die Geschichte: «Jedes Mal, wenn die Menschheit einen massiven technologischen Wandel durchlebte, bekamen die Leute Angst.»Eine gut inszenierte Show: Las Vegas, diese Oase der Künstlichkeit, bot die ideale Kulisse für den Techno-Futurismus der Enhanced Games.Andreas Scheiner / NZZAls Vergleich zieht Angermayer «die faszinierende Zeit zwischen 1850 und 1910» heran, als etwa das Auto und das Telefon erfunden wurden. «Es gab die Elon Musks der damaligen Zeit», sagt er. «Jules Verne wollte zum Mond fliegen.»Die Elite habe seinerzeit über dieselben Dinge gesprochen, glaubt Angermayer. Sie hätten nicht zum Mars fliegen wollen, aber zum Mond. «Doch 99 Prozent der Leute fragten sich: Wo bleibe ich dabei?» Ganz ähnliche Ängste wie heute hätten die Menschheit bewegt, sagt der Tech-Unternehmer, der den Aufstieg des Nationalsozialismus und des Kommunismus auch auf die Furcht vor Veränderungen zurückführt.Die einzige Möglichkeit, um den Menschen ihre Ängste zu nehmen, so sagt Christian Angermayer, seien Psychedelika. LSD, Pilze.Für Geist und Körper2013 war Angermayer bei einer Party eingeladen. Zufällig sass er neben einem bekannten deutschen Neurowissenschafter, der das Potenzial von Psychedelika zur Heilung von Traumata untersuchte. Der Forscher erklärte ihm die Wirkung von Magic Mushrooms. Nach einem Selbstversuch ein Jahr später war Angermayer ein neuer Mensch. So erklärt er sich.Mittlerweile habe er mehr als 100 Millionen Euro an eigenem Geld in die Erforschung von Psychedelika investiert, sagt Angermayer. Seine Firma Atai Life Sciences ist über anderthalb Milliarden Dollar wert. Das Engagement für Psychedelika und die Enhanced Games gehen für ihn Hand in Hand. Als Anhänger des Transhumanismus will er die biologischen Grenzen des Menschen überwinden: Psychedelika für den Geist, «enhancements» für den Körper.Die ideale Kulisse für den Techno-Futurismus fand sich nun in Las Vegas, dieser Oase der Künstlichkeit, wo das von Menschenhand geschaffene Spektakel über die karge Wüste triumphiert. Eine Überdosis von einer Stadt.Mit ihren funkelnden Kasinowelten lädt sie aber auch dazu ein, die eigene Existenz zu verspielen. Es ist ein Ort, so ungesund wie wenige andere. Es wird exzessiv getrunken, geraucht, gespielt.Nur ein paar Schritte abseits des Strips, wo man praktisch über die Obdachlosen steigt, zeigt sich die «Sin City» von ihrer dystopischen Seite. Während sich die Sportler Steroide zuführen, nehmen die Süchtigen hier vorwiegend Fentanyl.Wie eng bittere Not und kühne Zukunftsträume zusammenliegen können, ist selten so greifbar.Ein Sportler auf Steroiden: der Gewichtheber Thor Bjornsson an den Enhanced Games in Las Vegas.Jae C. Hong / APPassend zum Artikel