Der Mann des Tages verlegte sich in den letzten Spielminuten dieser dramatischen Partie endgültig auf eine andere Sportart: Immer wieder ruderte Greuther-Fürth-Stürmer Noel Futkeu mit beiden Armen, um das enthusiastische heimische Publikum zu noch mehr lärmender Begeisterung zu animieren. Das wiederum tat wie ihm geheißen. Und als der 2:0-Sieg im Rückspiel der Relegation gegen Rot Weiss Essen unter Dach und Fach war, gab es am sonst so gediegenen Fürther Ronhof endgültig kein Halten mehr.Einigermaßen verdient hatten konzentrierte Fürther den wackeren Drittligisten geschlagen. Für das Team aus Futkeus Geburtsstadt Essen hätte der Abend auch dank des 1:0-Siegs im Hinspiel allerdings dennoch mit dem Aufstieg hätte enden können. Zwei RWE-Abseitstore galt es neben Pfostenschüssen und einer grotesk vergebenen Chance von Torben Müsel zu notieren. Essen könne „erhobenen Hauptes“ die nächste Saison planen, wie Trainer Uwe Koschinat findet, der Klub verzeichnet zudem nach der Relegation einen enormen Imagegewinn. Wie laut und leidenschaftlich an der Essener Hafenstraße Fußball zelebriert wird, haben am vergangenen Freitag ein paar Millionen Fernsehzuschauer erstmals in ihrem Leben registriert. Auch in Fürth war man am Dienstag noch schwer beeindruckt von der Atmosphäre, die beim Hinspiel im Pott geherrscht hatte und die nach allgemeinem Dafürhalten hauptverantwortlich für die Niederlage war.Zweitliga-Relegation:Greuther Fürth zittert sich zum KlassenverbleibNach der Hinspielpleite dreht die SpVgg die Zweitliga-Relegation gegen Rot-Weiss Essen. Zwei Angreifer machen den Unterschied.Das war jedoch nicht der Grund, warum so manchen Fan der Fürther am Dienstagabend nach der ersten Freude Anflüge von schlechtem Gewissen befielen. Schließlich waren die beiden Relegationsspiele der unverdient glückliche Abschluss einer Saison, die gründlich aufgearbeitet werden muss. „Wir wissen, dass wir Hausaufgaben haben“, sagte Trainer Heiko Vogel, der sein Team nach den unglücklichen Amtszeiten von Jan Siewers und Thomas Kleine erfolgreich starkgeredet hat: „Es bedarf viel Arbeit und viel Analyse, aber man darf sich sicher sein, dass wir das machen.“Genau das bezweifeln allerdings nicht nur die Fürther Kurven-Fans, die unmittelbar nach dem Schlusspfiff jede Ende-gut-alles-gut-Stimmung mit einem riesigen Transparent im Keim erstickten: „Auf dem Platz und in den Gremien: Versager raus! Neuanfang jetzt!“, war darauf zu lesen. Das akustisch nachgeschobene „Schwiewagner raus“ wurde auf den Tribünen vielerorts mitgerufen.Nur wenige Stunden nach dem Klassenerhalt wird Daniel Meyer als künftiger Sportdirektor vorgestelltDass der langjährige Geschäftsführer Holger Schwiewagner derart ins Visier geraten konnte, mutet einerseits ein wenig hilflos an, weil er der einzig Übriggebliebene im operativen Bereich ist, seit Sportchef Rachid Azzouzi im Oktober 2024 gehen musste. Wer bliebe also sonst übrig, wenn man unbedingt einen Schuldigen suchen will? Andererseits ist Schwiewagner nicht der klassische Sündenbock, in dessen Rolle er sich vermutlich zu Unrecht wähnt. Der Geschäftsführer Finanzen, der über viele Jahre als Garant der in Fürth so wichtigen wirtschaftlichen Vernunft galt, war schließlich derjenige, der Azzouzis Demission veranlasst hatte.Danach klappte auf mehreren Ebenen nicht mehr viel beim Kleeblatt, schon gar nicht die Transferpolitik, die Azzouzi bis dahin recht erfolgreich verantwortet hatte. Am Mittwochmittag, nur wenige Stunden nach dem Klassenverbleib, wurde nun Daniel Meyer als künftiger Sportdirektor vorgestellt. Für den 46-Jährigen, der zuvor in gleicher Funktion beim Regionalligisten Hallescher FC gearbeitet hat, ist das ein Aufstieg um zwei Spielklassen – und für Schwiewagner vielleicht die letzte Chance, sich aus der Schusslinie zu nehmen, in die er sich selbst manövriert hat.Die Probleme in Fürth sind noch weitaus komplexer. 1997 war der soeben in die zweite Liga abgestiegene VfL Wolfsburg in die Bundesliga aufgestiegen, der er seither durchgehend angehörte. Im gleichen Jahr gelang Greuther Fürth Aufstieg in die zweite Liga. Doch im Gegensatz zu den Niedersachsen, die zuletzt mit sehr viel Geld sehr viel Unsinn anstellten, schwebt über den strukturschwachen Franken seit jeher das Damoklesschwert. Mit all den Neureichen, die es auch in Liga zwei gibt, kann Fürth nie und nimmer mithalten. Ein Jugendspieler, dessen Verpflichtung einen höheren fünfstelligen Betrag kosten würde, ist in Fürth auch heute noch Thema stundenlanger Besprechungen. Kurzum: In Fürth muss nicht viel falsch gemacht werden, damit aus einem Mittelklasse-Team ein Fast-Absteiger wird.Doch dass dort zuletzt vom Nachwuchsbereich – dem eigentlichen Kronjuwel der Spielvereinigung – bis hin zu den Profis viel falsch gemacht wurde, wird für eine unruhige Sommerpause sorgen. Zumal sich die Anzeichen verdichten, dass man künftig mit (noch) weniger Geld auskommen muss. Die beiden Torschützen vom Dienstagabend Futkeu (29.) und Branimir Hrgota (47.) haben gegen Essen jedenfalls ihr letztes Spiel für das Kleeblatt bestritten, allein der künftige Eintracht-Frankfurt-Angreifer Futkeu war in dieser Spielzeit für 19 der 49 Tore verantwortlich. Kein Wunder, dass Trainer Heiko Vogel sehr nachdenklich aussah, als er berichtete, was ihm nach der ersten Freude über die so wichtigen Treffer durch den Kopf gegangen sei: „Hoppla, das sind die letzten beiden Tore, die sie hier schießen.“
Greuther Fürth nach dem Klassenerhalt: Bloß weg mit der guten Stimmung
Trotz des Klassenverbleibs bleiben die Probleme bei Zweitligist Greuther Fürth komplex. Die Fans protestieren laut, die besten Spieler gehen.












