«Wirtschaftsweise» senken Wert der Wachstumsprognose und mahnen tiefgreifende Reformen in den Sozialversicherungen anDie fünf Ökonomen warnen in ihrem Frühjahrsgutachten vor weiteren Beitragssteigerungen in der Gesundheits-, der Renten- und der Pflegeversicherung. Damit werde das Wirtschaftswachstum ausgebremst.27.05.2026, 10.54 Uhr3 LeseminutenDie Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Monika Schnitzer, bei der Übergabe des Jahresgutachtens 2025/2026 an Bundeskanzler Friedrich Merz.ImagoDie weiter steigenden Beiträge zu den Sozialversicherungen erweisen sich nach Ansicht des Sachverständigenrates als Wachstumsbremse für die deutsche Wirtschaft. Das Gremium senkte in seinem am Mittwoch präsentierten Frühjahrsgutachten den Prognosewert für das Bruttoinlandprodukt (BIP) auf 0,5 Prozent im laufenden Jahr. Im kommenden Jahr erwartet es ein Wachstum von 0,8 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Inflation wird voraussichtlich auf 3 Prozent steigen und im kommenden Jahr nur geringfügig zurückgehen. Die fünf Ökonomen mahnen dringende Reformen in der Renten-, der Kranken- und der Pflegeversicherung zur Stabilisierung der Finanzlage an.So schlagen sie mehrheitlich die Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern, die keine Kinder erziehen, in der Krankenversicherung vor und fordern, dass auch Beamte in die gesetzliche Krankenkasse einzahlen. Ausserdem sollten Minijobs abgeschafft und die Lebensarbeitszeit verlängert werden. In der Pflege solle sich die ältere Generation künftig stärker an den Pflegekosten beteiligen.Ohne Kurskorrektur werde der Gesamtversicherungsbeitrag in den Sozialversicherungen bis 2040 auf mehr als 50 Prozent steigen, prognostiziert das Gremium. «Diese Entwicklung wird zunehmend zu einem gesamtgesellschaftlichen Belastungsfaktor», heisst es in dem Gutachten. Höhere Beiträge erhöhen die Arbeitskosten der Unternehmen und verringern die privaten Nettoeinkommen und damit den Konsum. Die Ökonomen rechnen vor, dass die steigenden Sozialversicherungsbeiträge das BIP bis zum Jahr 2035 für sich genommen um 0,5 bis 0,9 Prozent senken werden.Ausgaben für Hospitäler und Arzneimittel sollen sinkenDie Alterung in der Gesellschaft führt dazu, dass die Zahl der Leistungsbezieher in der Renten-, der Kranken- und der Pflegeversicherung steigt, die Zahl der Beitragszahler verringert sich dagegen. Deswegen prognostizieren die Ökonomen, dass die Beiträge ohne tiefgreifende Reformen kräftig steigen werden.Besonders gravierend sind seit 2005 laut Gutachten die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung gewachsen, um insgesamt 64 Prozent. Die Einnahmen hingegen stiegen nur um knapp 31 Prozent. Deshalb musste der Beitragssatz von 14,2 Prozent (2005) auf derzeit durchschnittlich 17,2 Prozent erhöht werden.Es gebe keine einzelne Lösung, die ausreiche, um den Ausgabenanstieg zu begrenzen, sagt Martin Werding, Mitglied des Sachverständigenrates. «Vielmehr muss an vielen Stellschrauben gedreht werden.» Vor allem bei Arzneimitteln und in der Krankenhausversorgung, den grössten Ausgabeposten, müssten die Mittel effizienter eingesetzt werden.Die Sachverständigen verweisen darauf, dass die Gesundheitsausgaben in Deutschland im internationalen Vergleich zu den höchsten gehören. Bei den zentralen Gesundheitsindikatoren liege Deutschland aber nur im Mittelfeld. Die Ökonomen rechnen mit einem Beitragsanstieg in der gesetzlichen Krankenkasse auf 19,8 Prozent im Jahr 2040, wenn nicht gegengesteuert werde.Die Sachverständigen schlagen vor, die Vergütung im Gesundheitswesen stärker an den tatsächlichen Kosten zu orientieren, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Ein Beispiel dafür ist das nicht gedeckelte Pflegebudget in Hospitälern, das dazu führt, dass Fachkräfte auch für nichtpflegerische Tätigkeiten eingesetzt werden. Ausserdem soll die ambulante Versorgung ausgebaut werden, um stationäre Einweisungen zu verringern.Prävention soll besser gefördert werdenAuch bei der Gesundheitsprävention steht Deutschland im internationalen Vergleich nur mittelmässig da. Deshalb sollen nach dem Willen der Sachverständigen schon in Kita und Schule verbindliche Standards für gesunde Ernährung eingeführt und mehr Aufklärung betrieben werden. Höhere Steuern auf Tabak, Alkohol und stark zuckerhaltige Lebensmittel könnten zur Prävention beitragen.Auch in der Pflege wird aufgrund der Alterung der Gesellschaft der Ausgabendruck steigen. Mit ihren Reformvorschlägen wollen die Sachverständigen Generationengerechtigkeit in den Vordergrund stellen. «Die Pflegeversicherung ist nicht als Vollversicherung konzipiert», betont Monika Schnitzer, die Vorsitzende des Gremiums. «Sie soll soziale Härten abfedern, aber die Menschen nicht aus der Verantwortung entlassen, auch eigene Mittel für die Pflegekosten aufzuwenden.»Der Sachverständigenrat will den Begriff der Pflegebedürftigkeit strenger definieren, dadurch würde sich die Zahl der anerkannten Pflegebedürftigen reduzieren. Weniger zielgenaue Leistungen, die ohne Berücksichtigung des eigenen Vermögens der Pflegebedürftigen gewährt werden, sollen entfallen. Als ein Beispiel nennen die Ökonomen den sogenannten Entlastungsbeitrag in Höhe von derzeit 131 Euro im Monat, der für Haushaltshilfe und Betreuung ausgegeben werden kann. Das Gremium schlägt auch eine kapitalgedeckte Säule in der Pflegeversicherung in Form eines Fonds vor, um die Steigerung der Beitragssätze abzufedern.Passend zum Artikel