PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1980Pandas in Berlin – „kurz, die Dinger sind süß“Von Antonia KleikampStand: 07:21 UhrLesedauer: 5 MinutenBao Bao im Berliner ZooQuelle: picture alliance/dpa/Jörg CarstensenZwei Pandas kamen am 5. November 1980 in Berlin an – ein Geschenk Chinas an Deutschland. Sie wurden sofort die Lieblinge des Zoopublikums. Doch es gab auch politische Facetten. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Der Auflauf an diesem Mitwoch übertraf alles, was Berlin in den vorangegangenen Jahren bei offiziellen Terminen erlebt hatte: Straßenkreuzer der US-Mission und Dienstwagen des Senatsprotokolls bildeten die Kulisse auf dem Flughafen Tempelhof. Journalisten von mehr als hundert Zeitungen und Radiosendern, dazu acht Fernseh-Teams einschließlich der US-Militärstation AFN berichteten über das Ereignis. Selbst der amerikanische Stadtkommandant, Generalmajor Calvert Benedict, erschien zur Begrüßung. Dabei war am Mittag des 5. November 1980 an sich nur eine normale Transportmaschine der US Air Force aus Frankfurt/Main kommend gelandet. Doch sie brachte eine ungewöhnliche Fracht in die geteilte Stadt: Tian Tian (auf Deutsch: „Himmelchen“) und Bao Bao („Schätzchen“), zwei Große Pandas, die ab sofort im Berliner Zoo leben sollten. Den beiden Bären, die mit ihrem weißen Fell und großen schwarzen Flecken wie Teddybären wirkten, schien der ganze Wirbel nichts auszumachen. Ebenso wenig wie der insgesamt 22 Stunden lange Flug aus Chengdu nach Berlin. Ein VW-Bulli brachte die beiden Käfige der Pandas von Tempelhof nach Charlottenburg, wo sie zunächst getrennt voneinander ihr eigens gebautes Luxus-Apartment bezogen: vier Zimmer, je einen Wohn- und einen Schlafraum pro Panda, dazu ein gemeinsames Schwimmbad und einen Spielplatz; Gesamtkosten: 750.000 Mark.„Kaum ein Tier ist eine größere Sensation für einen Zoo als das Ailuropoda Melanoleuca, das seit 20 Millionen Jahren in den nasskalten Rhododendron- und Bambuswäldern der chinesischen Provinz Szetschuan an der tibetischen Grenze als Relikt einer frühen Entwicklungsstufe überlebt und täglich 20 Kilo Bambus kaut“, erklärte WELT-Redakteur Detlev Ahlers den Lesern. Und fügte hinzu: „Der rundliche Kopf, die kurzen Extremitäten, die weiche Haut und die mit der schwarzen Umrandung überproportional großen Augen sind ein Kindchenschema – kurz, die Dinger sind süß.“Zwei Tage gab man ihnen zur Eingewöhnung in ihr neues Heim, dann durften am Wochenende zum ersten Mal Zoobesucher durch Glaswände den beiden Pandas zusehen. Es wurde ein ungeheurer Ansturm: Mehr als 15.000 Menschen drängten zu dem großen Gehege der Bären. Zu den Besuchern zählten Bundeskanzler Helmut Schmidt und seine Frau Loki. Doch sie sahen nicht allzu viel: Bao-Bao knabberte an einem Apfel, Tian-Tian zeigte sich nicht. Erst als der Bundeskanzler gegangen war, schlug „Schätzchen“ zur Freude der Zuschauer einige Purzelbäume. Helmut Schmidt nahm es gelassen und kommentierte: „Die machen so wenig Krach. Man sollte sie in den SPD-Parteivorstand wählen.“Der Kanzler hatte dafür gesorgt, dass der Berliner Zoo zu den beiden Tieren kam. Denn die Pandas waren ein Staatsgeschenk an den deutschen Regierungschef. Im Oktober 1979 hatte der Ministerpräsident der Volksrepublik China Deutschland besucht – und unter anderem gleich mehrere stundenlange Gespräche mit Helmut Schmidt in kleinem Kreis geführt. Die beiden Politiker verstanden sich offensichtlich gut. Am Ende des letzten Gesprächs, am 24. Oktober 1979 kurz vor ein Uhr, verständigten sich die beiden Regierungschefs über die Mitteilung an die Presse: „Bei dieser Gelegenheit sollte auch erwähnt werden: 1. das Geschenk der zwei Pandabären; 2. die Tatsache, dass Ministerpräsident Hua den Bundeskanzler zu einem Besuch in der VR China eingeladen hat.“ Bei einer Pressekonferenz sagte der Gast dann noch: „Ich hoffe, die Pandas werden den Deutschen Freude bereiten.“Doch in welchen deutschen Zoo sollten sie kommen? Hua hatte laut eigenen öffentlichen Angaben West-Berlin nicht besucht, weil die deutschen Gastgeber diesen Abstecher nicht eingeplant hätten. Das löste Verärgerung bei der CDU/CSU-Opposition aus, die dem SPD-Kanzler vorwarf, die Interessen der geteilten Stadt zu vernachlässigen. Immerhin wäre der Besuch des zweitmächtigsten Repräsentanten der Volksrepublik zu einer Zeit schwerer Spannungen zwischen Moskau und Peking ein klares Signal gewesen.Obwohl sich die Zoologischen Gärten von Duisburg, Frankfurt und Krefeld sowie Tierparks in Köln, Stuttgart, München und Hamburg um die beiden Pandas bemühten, die in einigen Monaten nach Deutschland kommen sollten, entschied Schmidt sich für Berlin. Die offizielle Begründung lautete: „Weil es in Berlin so viele überzeugte Zoogänger gibt und der Bär schließlich Berlins Wappentier ist.“ Tatsächlich aber ging es wohl um Schadensbegrenzung.Nun musste die passende Unterkunft errichtet werden: An der Nordseite des kleinen Raubtierhauses im traditionsreichsten deutschen Tierpark entstand in Rekordzeit eine Villa für die Pandas. Ohne bürokratische Hemmnisse, und sogar die Dreiviertelmillion für die Baukosten stand bereit.Inzwischen waren Bao Bao und Tian Tian in der chinesischen Provinz Szetschuan gefangen worden und warteten im Zoo auf den Transport nach Deutschland. Er startete am 3. November: 18 Stunden Flug mit einer Linienmaschine der Lufthansa nach Frankfurt, dort der Wechsel auf eine US-Maschine – wegen sowjetischer Vorbehalte durften nur Flugzeuge der westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die Luftkorridore nach West-Berlin benutzen, weder deutsche noch Maschinen aus anderen Staaten. Dort angekommen, folgten der Empfang und der Weitertransport in den Zoo.Dreieinviertel Jahre später jedoch starb Tian Tian. Die Pandabärin erlag am 8. Februar 1984 einer Gehirnhautentzündung. In seiner letzten Amtshandlung als Regierender Bürgermeister vor seinem Rücktritt wegen der Kandidatur als Bundespräsident beklagte Richard von Weizsäcker den Tod „einer der großen Persönlichkeiten der Stadt“. Bao Bao musste fortan meist alleine leben, denn alle Versuche scheiterten, eine andere Bärin dauerhaft nach Berlin zu holen.1991 bis 1993 war der Panda an den Zoo in London ausgeliehen, doch zu einer erfolgreichen Paarung mit Ming Ming kam es nicht. 1995 schickte China für zunächst fünf Jahre die Bärin Yan Yan nach Berlin – doch sie starb nach insgesamt zwölf Jahren in Deutschland 2007 überraschend an einer Darmverstopfung. Bao Bao war wieder alleine, schlief täglich zehn Stunden und fraß in der übrigen Zeit fast ständig langsam vor sich hin. 2012 starb der etwa 34-jährige Pandabär an Krebs. Fünf Jahre später erhielt Berlin wieder ein Panda-Pärchen, nun aber nur noch als Leihgabe. 2019 kamen zwei Panda-Jungs auf die Welt, 2024 zwei Mädchen.
1980: Pandas in Berlin – „kurz, die Dinger sind süß“ - WELT
Zwei Pandas kamen am 5. November 1980 in Berlin an – ein Geschenk Chinas an Deutschland. Sie wurden sofort die Lieblinge des Zoopublikums. Doch es gab auch politische Facetten. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.









