Hongkong zieht vorbei: Die Schweiz verliert ihre Spitzenposition im Offshore-BankingDer Schweizer Finanzplatz wächst weiter, jüngst auch dank Fluchtgeldern aus Nahost. Vermögensverwalter müssen jedoch aufpassen, dass sie nicht nachlässig werden, wie eine neue Studie zeigt.27.05.2026, 06.00 Uhr3 LeseminutenDer Finanzplatz Hongkong zieht vor allem Geld aus China an.Tyrone Siu / ReutersDie Schweiz als führender Offshore-Finanzplatz war lange Tatsache. Doch nun überholt Hongkong sie gerade als bedeutendste Drehscheibe für grenzüberschreitende Vermögen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG), die jährlich erscheint.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Grenzüberschreitendes Banking ist die Paradedisziplin der Schweizer Banken. Es begründete ihren internationalen Ruf. Offshore-Vermögen sind Gelder aus dem Ausland, die Bankkunden zu einer Privatbank wie Julius Bär, Pictet oder der UBS tragen, um sie in der Schweiz verbuchen und verwalten zu lassen. Lange war das umfassende Bankkundengeheimnis ein Garant für Geldzuflüsse allen Ursprungs.Diese Zeiten sind offenbar endgültig vorbei. Hongkong und die Schweiz lagen Ende 2025 grössenmässig mit rund 2,9 Billionen Dollar gebuchten Vermögen zwar noch etwa gleichauf. Doch Hongkongs Finanzplatz wächst deutlich schneller als der schweizerische und wird ihn 2030 weit hinter sich gelassen haben. Neben Hongkong haben sich zudem Singapur und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) als ernsthafte Konkurrenten im Offshore-Banking etabliert.Die Schweiz profitiert vom Iran-KriegWährend Hongkong stark von Vermögen aus China abhängt, richten sich die Schweizer Banken auf die reichen Länder Westeuropas aus. Dadurch sind ihre Kundenvermögen zwar breiter diversifiziert, doch Märkte wie Deutschland oder Italien wachsen langsamer. Diese konservativere Positionierung sei angesichts der geopolitischen Unsicherheit ein Vorteil, schreiben die Studienautoren.Die Schweiz profitiert seit dem Iran-Krieg wieder voll von ihrem Ruf als «sicherer Hafen» und zieht viel Geld aus den betroffenen Ländern an. «Bei geopolitischer Unsicherheit profitieren die Schweizer Banken sofort», sagt Michael Kahlich, Leiter der Wealth-Management-Beratung in Europa, Nahost und Afrika bei BCG und Mitautor der Studie. Es sei verfrüht zu sagen, ob sich diese Vermögenszuflüsse fortsetzen würden.Mit dem Krieg wurde der Aufstieg der Finanzplätze in den Vereinigten Arabischen Emiraten jäh unterbrochen. Dabei zählten Dubai und Abu Dhabi bis vor kurzem zu den am schnellsten wachsenden Destinationen für Offshore-Gelder. Vor allem für sehr reiche Personen, Family-Offices und Krypto-Anbieter wurde das Land zum Sehnsuchtsort.Der Nahe Osten bleibt attraktivDas Ende der Emirate auszurufen, wäre aber verfrüht. Die Zukunft als Finanzplatz hänge zwar stark von der Entwicklung des Konflikts ab. Doch Kahlich stellt fest: «Schweizer Banken haben bis jetzt keine Pläne, ihre Offices dort zu schliessen. Im Gegenteil, sie investieren und bauen aus.» Tatsächlich war jüngst aus der UBS zu hören, dass sie zwei Spitzenkräfte ihres Wealth-Managements in die Region verlege, wobei sie künftig von Doha, Katar, aus operieren sollen.«Trotz dem Konflikt gibt es in der Region sehr grosse Vermögen, die betreut werden müssen. Das Wachstum des dortigen Finanzplatzes dürfte sich aber verlangsamen», sagt Kahlich. Er geht davon aus, dass sich das Wachstum des Finanzplatzes der Emirate an dasjenige des Schweizer Finanzplatzes angleichen wird.Das drittplatzierte Singapur wächst derzeit ebenfalls schneller als die Schweiz und punktet mit ähnlichen Eigenschaften: regulatorische und politische Stabilität, institutionelle Glaubwürdigkeit. Das zieht vor allem Family-Offices an, die das Vermögen reicher Familien verwalten. Gemäss BCG hat Singapur am stärksten von Vermögenszuflüssen wegen der Spannungen zwischen den USA und China profitiert.Singapur gibt wieder GasDer Schweizer Finanzplatz ist trotz Verlust der Spitzenposition in einer gemütlichen Situation. Solange die Reichen der Welt einen Hort der Sicherheit suchen, gedeiht er. «Die Gefahr ist, dass sich die Schweiz auf ihren Lorbeeren ausruht», sagt Kahlich. Vor zehn bis fünfzehn Jahren sei das grenzüberschreitende Banking in der Schweiz mit europäischen Kunden totgesagt worden, heute sei es wieder hoch relevant. Im Gegensatz zu Singapur und Dubai, die ihre Finanzplätze weltweit vermarkten, ist man in der Schweiz zurückhaltend.Gemäss dem Branchenverband Swiss Banking positioniert man den Finanzplatz gezielt über den Ausbau internationaler Kooperationen, unter anderem mit Partnern wie Switzerland Global Enterprise. In wichtigen Märkten fänden Dialoge mit Regierungen und Branchen statt, um den Marktzugang für Schweizer Banken zu verbessern. Kürzlich seien Delegationen nach London und Washington gereist.Singapur macht derweil mit handfesten Massnahmen auf sich aufmerksam. Diese Woche machte die «Financial Times» bekannt, dass die dortigen Finanzbehörden die Banken aufgefordert haben, das Tempo bei Kontoeröffnungen zu erhöhen und den Zeitraum auf einen Monat zu verkürzen – gegenüber derzeit durchschnittlich sechs Wochen oder mehr. Die Überprüfung der Herkunft von Vermögen solle «effizienter» werden.Nach einer Reihe von Geldwäscherei-Skandalen versucht Singapur offenbar wieder aktiver, saubere Privatvermögen anzuziehen. Die Schweiz geniesst bis jetzt den Luxus, dass sie nicht auf solche Massnahmen zurückgreifen muss, um ihren Finanzplatz flott zu halten.Passend zum Artikel