Künstliche Intelligenz ist keine Glaubensfrage: Papst Leo XIV. warnt vor Monopolen bei der KI, doch was das mit der katholischen Glaubenslehre zu tun hat, ist schleierhaftDer Papst spricht ex cathedra und äussert sich zur künstlichen Intelligenz. Ob er der Kirche damit einen Dienst erweist, ist fraglich. Und zum Problem der Technik hat Martin Heidegger vor siebzig Jahren schon das Wesentliche gesagt.Martin Grichting27.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Deutungsmacht der Kirche verteidigen: Papst Leo XIV. versucht ein Stofftier in Form eines Hotdogs zu fangen, das ihm ein Gläubiger auf dem Petersplatz in Rom zugeworfen hat.Alessandro di Meo / EPAPäpstliche Antrittsenzykliken pflegen programmatischen Charakter zu haben. Johannes Paul II. trat 1979 unter dem Titel «Redemptor hominis» an die Öffentlichkeit und meditierte über den Erlöser des Menschengeschlechts. Leo XIV. gibt seinem ersten Rundschreiben den Namen «Magnifica humanitas» und widmet es der «grossartigen Menschheit». Es geht darin um künstliche Intelligenz, also um Computer und Roboter.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Politisch betrachtet, mag die Themenwahl geschickt sein. Denn der Bischof von Rom spricht in eine globale Debatte hinein, die von Verunsicherung geprägt ist. Zweifellos will er damit die geopolitische Diskursfähigkeit der Kirche, die sein Vorgänger ramponiert hat, wiederherstellen. Zugleich kann er sich in die Tradition seines Namensvetters Leo XIII. (gestorben 1903) stellen. Dessen wirkmächtiges sozialpolitisches Rundschreiben «Rerum novarum» war allerdings erst seine 38. Enzyklika.Ob Leo XIV. mit seinem Erstlingswerk der eigenen Kirche einen Dienst leistet, steht auf einem anderen Blatt. Denn als Diener Gottes begibt er sich auf ein technisch-instrumentelles Terrain, das noch relativ unbebaut ist und bei dem niemand voraussehen kann, wie es sich entwickeln wird. Zudem kann er als Papst im Bereich der kirchlichen Soziallehre selbst innerhalb seiner Kirche keine Autorität geltend machen, die über die philosophische Stärke der Argumente hinausgeht.Denn die Soziallehre ist nicht die Glaubenslehre, sondern eine theologische Reflexion über diesseitige Gegebenheiten. Dafür gilt die Feststellung von Papst Benedikt XVI.: Stellungsbezüge der Kirche betreffend vorübergehende, nicht zum Wesen der Glaubenslehre gehörende Fragen sind notwendigerweise vorübergehende Antworten, weil sie Bezug nehmen auf in sich selbst veränderliche Wirklichkeiten.Angesichts einer Technik, die den Menschen nicht mehr auf der Ebene seiner Körperkraft, sondern seiner Geisteskraft zu konkurrenzieren droht und die ihn, was das «Rechnen» betrifft, bereits heute überflügelt, versucht Leo XIV. einen Mittelweg zu gehen. Er hat seinen Voltaire gelernt, der bemerkt hat, die Heilige Schrift sei nicht dazu da, aus uns Physiker zu machen. Insofern leitet der Papst aus der göttlichen Offenbarung keine naturwissenschaftlichen Folgerungen ab. Der Fall Galilei wirkt hier zweifellos nach. KI wird deshalb differenziert gesehen und nicht vorschnell verurteilt. Sie wird als nützliches Instrument gewürdigt, solange sie ein solches bleibt.Die KI «entwaffnen»Gleichwohl schimmert eine globalistisch-interventionistische Sichtweise durch. Leo bedient sich dabei nicht der Brachialrhetorik seines Vorgängers, der von einer Wirtschaft sprach, die töte. Sein Diktum, es gelte die KI zu «entwaffnen», lässt gleichwohl ein Freund-Feind-Denken erkennen. Denn zweifellos spielt KI in Kriegen eine Rolle. Aber sie hilft auch, Krankheiten zu erkennen sowie zu behandeln. Und sie ermöglicht über Sprachgrenzen hinweg eine bis vor kurzem kaum für möglich gehaltene Verständigung. KI in die Nähe von Kriegsgerät zu rücken, ist deshalb Polemik, die dem Anliegen schadet.Gerade an dieser Stelle wird das päpstliche Lehrschreiben angreifbar. Es gelte, die KI der «Logik des bewaffneten Wettbewerbs» zu entziehen, sagt Leo XIV. Das Wettrennen um den leistungsfähigsten Algorithmus und die meisten Daten sei verderblich. Markt und Wettbewerb zwischen den KI-Anbietern werden somit als problematisch hingestellt. Auf dem Fuss folgt die Forderung nach «Regulierungsinstrumenten».Sogar die Uno bringt der Papst ins Spiel. Es gelte, private, oft transnationale Akteure einzuhegen. Ob hier die staatlich-bevormundende oder die marktliberale Position die bessere ist, dürfte schon unter Zuhilfenahme diesseitiger Kriterien schwer zu entscheiden sein. Denn es wäre ebenfalls zu bedenken, dass die Konkurrenz von KI-Systemen zur Verhinderung von Monopolen und zur Eindämmung von Missbräuchen beitragen kann.Wie diese Frage aufgrund der heiligen Texte einer Offenbarungsreligion entschieden werden kann, ist noch weniger evident. Es zeigt sich hier einmal mehr die Problematik religiös fundierter Belehrungen in Fragen, die aufgrund ihrer Natur und Komplexität mit den Kräften der Vernunft zu beantworten wären. Zwar erwähnt Leo XIV. das II. Vatikanische Konzil, das vor sechzig Jahren von der «Autonomie der irdischen Wirklichkeiten» gesprochen hat.Es meinte damit, dass die diesseitigen Wirklichkeiten nicht gemäss den Regeln eines heiligen Buchs geordnet werden dürfen. Vielmehr müsse man den ihnen inhärenten Gesetzen folgen. Aber die Schlussfolgerungen aus dieser Einsicht werden im päpstlichen Schreiben zu wenig deutlich gezogen. Gleichwohl bleibt anzuerkennen, dass der Text aus Sorge um den Menschen geschrieben ist. Insbesondere wird auf diejenigen hingewiesen, die, wie Kinder und Jugendliche, von der Scheinempathie einer Maschine getäuscht, in ihrem Menschsein verkümmern oder als Ware benutzt werden. Auch wird entmenschlichendem Futurismus, wie er sich im Post- und im Transhumanismus auszuleben versucht, eine Absage erteilt.Letztlich geht es dem Papst jedoch auch um die Deutungshoheit. Denn er sähe ungern einige wenige, die über gewaltige technische und wirtschaftliche Ressourcen verfügten und die dadurch kulturelle Veränderungen herbeizuführen sowie eine bedeutende Zahl von Menschen zu beeinflussen vermöchten. Diese würden entscheiden, «was wahr ist in Bezug auf den Menschen und die Welt, den Sinn des Lebens, die Familie und sogar Gott». Dieses Metier betreibt man ja bereits selbst erfolgreich seit 2000 Jahren.Ein zentraler Vorwurf im Vorfeld der Veröffentlichung der Enzyklika lautete denn auch, mit der Problematisierung von KI würden populistische Public Relations betrieben auf einem Themenfeld, das gar nicht zum Kernauftrag des Papstes gehöre. Sein Vorgänger habe ihm, was die eigentliche Glaubenslehre betreffe, ein chaotisches Erbe hinterlassen. Diesem Durcheinander solle er sich primär widmen – nicht mithilfe künstlicher, sondern mittels natürlicher Intelligenz.Der Wunsch, einem wenn auch nur vermeintlichen Modernitätsdefizit der Kirche zu begegnen, scheint jedoch bei der Themenwahl der Enzyklika überwogen zu haben. Ihr ist anzumerken, dass man sich im Vatikan bemüht hat, als zeitgemäss wahrgenommen zu werden. So kommt Hannah Arendt genauso zu Wort wie Tolkien und Viktor Frankl.Den wahren Propheten scheint man jedoch überhört zu haben, wenn es um KI geht. Es ist Martin Heidegger. Bereits im Jahr 1955 hielt er unter dem Titel «Gelassenheit» in seinem Geburtsort Messkirch einen Vortrag. Darin sah er voraus, dass sich «mit den Mitteln der Technik ein Angriff auf das Leben und das Wesen des Menschen» vorbereite. Das Unheimliche daran sei, dass der Mensch «für diese Weltveränderung nicht vorbereitet» sei.Das rechnende DenkenDie Technik werde den Menschen «fesseln, behexen, blenden und verblenden», so dass eines Tages «das rechnende Denken als das einzige in Geltung und Übung» bleibe. Gleichwohl rühre uns in der technischen Welt «ein verborgener Sinn» an. Was sich uns hier zeige und sich zugleich entziehe, nannte er «Geheimnis». Und er plädierte für eine Haltung stets nachdenklicher «Offenheit für das Geheimnis».Den richtigen Umgang mit der Technik sah er dabei in einer «Gelassenheit zu den Dingen». Diese bestehe in einem gleichzeitigen «Ja» und «Nein». Der Mensch solle also die Technik nicht «verdammen», ihr jedoch verwehren, «dass sie uns ausschliesslich beanspruchen und so unser Wesen verbiegen, verwirren und zuletzt veröden» könne.Zu seiner Forderung, das «besinnliche Nachdenken» müsse den Vorrang haben gegenüber dem «rechnenden Denken», gelangte Heidegger allein mit den Mitteln der natürlichen Vernunft. An der Gültigkeit dieses Postulats hat sich nichts verändert. Die theologischen Reflexionen von Papst Leo XIV. über Rechner und Algorithmen haben es siebzig Jahre später bestätigt.Martin Grichting war Generalvikar des Bistums Chur und beschäftigt sich publizistisch mit philosophischen sowie theologischen Fragen.Passend zum Artikel
Leo XIV. warnt vor Monopolen bei der KI – weil er die Deutungshoheit der Kirche verteidigen will
Der Papst spricht ex cathedra und äussert sich zur künstlichen Intelligenz. Ob er der Kirche damit einen Dienst erweist, ist fraglich. Und zum Problem der Technik hat Martin Heidegger vor siebzig Jahren schon das Wesentliche gesagt.










