Der überraschende Rückzug Christian Schmidts von der Position des Hohen Repräsentanten für Bosnien-Hercegovina wirft weit mehr auf als eine bloße Frage der Nachfolge. Er zwingt Europa dazu, sich einer unbequemen geopolitischen Realität zu stellen: Dreißig Jahre nach dem Friedensvertrag von Dayton bleibt das Land in einem politischen Schwebezustand gefangen – formal souverän, faktisch jedoch weiterhin unter internationaler Aufsicht.Die Institution des Hohen Repräsentanten der Staatengemeinschaft ist jene Ad-hoc-Institution, die den Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes über weite Strecken durchaus erfolgreich bewerkstelligt hat. Ohne amerikanisch-europäisches Engagement – auch Russland, Japan, Kanada sowie die Europäische Union als Hauptsponsor waren im „Friedensimplementierungsrat“ vertreten – wäre die Durchsetzung des Friedensabkommens von Dayton nach 1995 kaum möglich gewesen.Doch was als Übergangslösung für die unmittelbare Nachkriegszeit gedacht war, entwickelte sich zu einem Dauerzustand. Seit Längerem dient diese zivile Einrichtung, die über die Jahre Einfluss und Legitimität eingebüßt hat, vielen lokalen Politikern gleichermaßen als Feindbild oder Rettungsanker – und entbindet sie damit von der Verpflichtung demokratischer Gesellschaften, in eigener Verantwortung tragfähige politische Kompromisse zu finden.Russland ist zum regionalen Unruhestifter gewordenGerade deshalb wäre es falsch, nun reflexartig einen weiteren Hohen Repräsentanten zu ernennen und damit den unbefriedigenden Status quo fortzuschreiben. Die internationale Gemeinschaft – vor allem die EU – muss sich fragen, ob sie mit diesem Schritt tatsächlich Stabilität und Eigenständigkeit fördert – oder lediglich eine verwaltete Stagnation konserviert.Hinzu kommt die grundlegend veränderte geopolitische Lage. Während in den Staaten des westlichen Balkans der langwierige Weg nach Brüssel an Attraktivität verliert, ist der internationale Konsens über Bosniens Zukunft längst brüchig geworden. Russland lehnt die mit Sondervollmachten ausgestattete Rolle des Hohen Repräsentanten seit Jahren offen ab und ist längst zu einem regionalen Unruhestifter geworden.Carl Bildt war von 1991 bis 1994 schwedischer Ministerpräsident und von 1995 bis 1997 Hoher Repräsentant für Bosnien-Hercegovina.APNun aber zeichnet sich auch in Washington ein entschieden transaktionaler Ansatz gegenüber dem Balkan ab. Der kürzliche Besuch von Trumps geschäftigem Sohn in der Hauptstadt des bosnisch-serbischen Teils von Bosnien-Hercegovina muss als Versuch zum Aufbau eines weiteren dubiosen Geschäftsverhältnisses gesehen werden. Ähnliches läuft bereits in Serbien und Albanien ab – und dies bei eklatanter Missachtung europäischer Regeln und Gesetze. Unter diesen Bedingungen würde ein Nachfolger des scheidenden Hohen Repräsentanten kaum über größere Legitimität verfügen als dessen Vorgänger.Wolfgang Petritsch war von 1997 bis 1999 EU-Sonderbeauftragter für das Kosovo und Hoher Repräsentant von 1999 bis 2002. Seit 2022 ist er Präsident des Österreichischen Instituts für Internationale Politik.Picture AllianceDie entscheidende Frage lautet daher nicht, wer Herrn Schmidt ersetzt, sondern welche Reformen Bosnien erfolgreich an die EU heranführen könnten. Denn es passt nicht zusammen, dass Bosnien weiterhin ohne Aussicht auf volle Souveränität und Eigenverantwortung in fortgesetzter Fremdbestimmung gehalten wird, gleichzeitig jedoch den Weg in die Europäische Union beschreiten soll. Basierend auf einer gründlichen Analyse des drei Jahrzehnte andauernden Staatsbildungsprozesses braucht Europa daher einen strategischen Neustart in Bosnien.Dieser Neustart muss auf zwei ineinander verschränkten Elementen beruhen: Zum einen geht es um die Korrektur des dysfunktionalen Regierungssystems und zum anderen um die Beendigung der internationalen Sonderaufsicht. Diese Reformagenda wiederum muss eng abgestimmt sein mit der stufenweisen Heranführung an die europäischen Strukturen. Dabei geht es nicht um eine radikale Neuordnung des Dayton-Systems, sondern um realistische Anpassungen: Längst überfällig sind effizientere Entscheidungsstrukturen, klarere Zuständigkeiten und die Begrenzung permanenter Blockademöglichkeiten.Parallel dazu sollte die Schließung des OHR eng an den EU-Beitrittsprozess gekoppelt werden. Jene Bedingungen, die von Schmidt und seinen Vorgängern seit Jahren erfolglos eingefordert wurden – wie etwa die Regelung des Staatseigentums –, könnten in die jeweiligen Kapitel des Beitrittsvertrages transferiert werden. Damit würde die schier endlose Diskussion, ob denn Bosnien überhaupt zu Europa „gehört“, auf eindeutige Weise beendet werden.Eingebettet in eine glaubwürdige europäische Perspektive wäre somit der Staat Bosnien-Hercegovina Teil eines dynamischen politischen Projekts. Es wäre der Übergang von internationaler Aufsicht zur europäischen Integration. Der Rückzug von Christian Schmidt bietet deshalb eine überfällige Gelegenheit, die internationale Bosnienpolitik grundsätzlich neu zu denken, nämlich europäisch. Bosnien-Hercegovina braucht keine endlos fortgesetzte internationale Verwaltung. Was das Land benötigt, ist eine glaubwürdige europäische Zukunft.