Am 26. Mai 2006 eröffnete der größte Kreuzungsbahnhof Europas – und hat seitdem konsequent enttäuscht. Alles Gute zum Geburtstag, Berlin Hauptbahnhof!Wer von den zugigen Stadtbahnsteigen hinab in die feuchten Tiefen des Untergeschosses will, braucht keinen Fahrplan, sondern alpine Kondition. Die Rolltreppen sind ein Monument der Hoffnung: Denn manchmal bewegen sie sich sogar. An den übrigen Tagen bewundert man die rot leuchtenden Absperrbänder und wuchtet den Koffer über endlose Treppen.Fünf Minuten Umsteigezeit? Wer diesen absurden Witz in den Fahrplan diktiert hat, leidet unter chronischem Realitätsverlust. Der eiskalte Wind, der permanent durch die Röhren des Bahnhofs peitscht und ihn in einen einzigen, gigantischen Windkanal verwandelt, bläst wenigstens den Schweiß von der Stirn und die Illusion fort, den Anschlusszug jemals zu erwischen.
Umgekehrte Wagenreihung und Kanzlerblick
Sollte der ICE nach München dann tatsächlich einfahren – naturgemäß in umgekehrter Wagenreihung –, ist das meist ohnehin nur ein theoretisches Problem. Bei achtzig Minuten Verspätung bleibt genug Zeit, um auf dem Handy Gebrauchtwagenpreise zu checken.Man sitzt bei einer Tasse lauwarmer Plörre zum Preis besagten Gebrauchtwagens, starrt durch die Scheiben auf das Kanzleramt und sieht es plötzlich: Da drüben sitzt der politische Stillstand, hier der verkehrstechnische. Beide pünktlich wie immer.Tritt man nach Stunden des Wartens vor die Tür (der verspätete ICE mit umgekehrter Wagenreihung ist ausgefallen), stellt man auch nach zwei Jahrzehnten fest: Ein Hauptstadtbahnhof bräuchte vielleicht so etwas wie einen Vorplatz. Hier gibt es stattdessen eine sterile Betonwüste, die jedem Ankommenden sofort klarmacht, dass er in dieser Stadt nicht erwünscht ist.










