Eigentlich klingt die Rechnung, die Alwina Hassanzadeh aufmacht, einleuchtend. Wer seit 2015 jeden Monat 100 Euro in einen börsengehandelten Indexfonds auf den MSCI World investiert habe, rechnet sie vor, der hätte nach zehn Jahren 21.500 Euro zur Verfügung gehabt, also eine Rendite von mehr als 9000 Euro erzielt. Trotzdem stellt die Beraterin der Commerzbank fest, dass immer noch zu wenige Menschen ihr Augenmerk auf Wertpapieranlagen legten – und damit auf mögliche höhere Renditen verzichteten.Eine neue Studie der Commerzbank stützt die These von Hassanzadeh, die bei dem Frankfurter Konzern in der Region Mitte, zu der auch Hessen gehört, für private Kunden zuständig ist. Demnach legen in Hessen zwar 46 Prozent der Menschen regelmäßig Geld zum Sparen zurück – vor zwei Jahren waren es nur 39 Prozent gewesen. Doch von denen, die am Monatsende etwas sparen, entscheiden sich immer noch die meisten Hessen für Sparbücher, Tages- und Festgeldkonten, anstatt zum Beispiel in Aktien oder einen ETF-Sparplan zu investieren.Dafür gibt es gute Gründe, wie die Studie auch zeigt. Denn von jenen Hessen, die eben nicht in Wertpapiere investieren, gab fast jeder zweite an, sich nicht ausreichend mit dieser Anlageform auszukennen oder sie für zu komplex zu halten. Und obwohl genau deshalb 40 Prozent der Befragten eine Anlageberatung für notwendig hielten, nutzt sie nur ein geringer Teil der Bevölkerung, wie auch Hassanzadeh bestätigt. Sie nimmt auch die Banken selbst in die Pflicht, etwas gegen zu wenig Finanzverständnis in der Bevölkerung zu unternehmen. So zeige die Studie, dass die Finanzinstitute noch mehr als Berater gefragt seien. „Es ist wichtig, über die verschiedenen Anlageformen aufzuklären und insbesondere die Chancen von Wertpapieranlagen darzustellen“, sagt sie. Schließlich könnten auch kleine monatliche Beträge durch den Zinseszinseffekt langfristig große Wirkung entfalten – wie auch ihr Rechenbeispiel belegt.Die meisten Hessen sind mit ihren Finanzen zufriedenImmerhin: 61 Prozent der Hessen, die in der repräsentativ angelegten Studie befragt wurden, sind trotz der derzeit schwachen Konjunktur und trotz steigender Kosten, etwa für Energie, mit ihrer finanziellen Situation zufrieden. Allerdings gaben wiederum nur 48 Prozent an, am Monatsende immer oder oft etwas zum Sparen übrig zu haben. Von denen, die sparen, legt ein knappes Drittel immerhin jeden Monat 250 Euro oder mehr zur Seite, bei weiteren 31 Prozent liegt der Sparbetrag zwischen 100 und 250 Euro, der Rest bleibt unter 100 Euro monatlich.Besonders die jüngere Generation Z, also die Geburtenjahrgänge zwischen 1997 und 2007, zeigt zunehmend Interesse an Wertpapieren: 82 Prozent der Befragten dieser Altersgruppe sparen regelmäßig Geld, jeder Zweite besitzt bereits Wertpapiere. Die Generation Z ist offener eingestellt gegenüber Anlageformen wie Kryptowährungen. Das hat auch mit der finanziellen Bildung zu tun: Rund 40 Prozent der Wertpapierbesitzer dieser Generation geben an, sich eine bis zwei Stunden pro Woche mit dem Thema Geldanlage zu beschäftigen. Zum Vergleich: In den anderen Generationen widmen rund 45 Prozent der Befragten dem Thema weniger als 30 Minuten wöchentlich. Dieses höhere Engagement der „Gen Z“, wie sie verkürzt genannt wird, wirkt sich auch auf das Fachwissen aus: Während jeder Zweite der jungen Erwachsenen angibt, sich bei Aktien gut auszukennen, sind das in der Gesamtbevölkerung nur 35 Prozent.Besonders stark wächst das Interesse an börsengehandelten Indexfonds, kurz ETFs. Während vor zwei Jahren erst rund ein Drittel der Wertpapierbesitzer in börsengehandelte Indexfonds investierte, sind es inzwischen bereits 59 Prozent. Aktien bleiben zwar mit 66 Prozent die beliebteste Anlageklasse, ETFs haben aber deutlich aufgeholt.Zudem wird in der Studie deutlich, dass sich das Spar- und Anlageverhalten von Männern und Frauen, auch in Hessen, weiterhin unterscheidet. Während 59 Prozent der männlichen Sparer in Wertpapiere investieren, sind es bei den Frauen nur 40 Prozent. Wenn in Wertpapiere investiert wird, dann sind allerdings Fonds bei Frauen deutlich beliebter und werden von ihnen häufiger genutzt. „Frauen sind bei der Geldanlage also insgesamt etwas vorsichtiger, sie verfolgen oft aber auch langfristigere Strategien“, sagt Hassanzadeh.Neben dem Wunsch, Rücklagen zu bilden (68 Prozent der Befragten gaben diese Option als Spargrund an), ist die Vorsorge für das Alter bei 47 Prozent der Hessen ein zentrales Motiv zum Sparen – vor zwei Jahren lag dieser Wert nur bei 38 Prozent, spielte die Altersvorsorge also eine deutlich niedrigere Rolle. „Das Bewusstsein nimmt also zu, dass die gesetzliche Rente nicht mehr ausreichen wird und damit eine Notwendigkeit zur privaten Vorsorge besteht“, sagt Hassanzadeh.Unter anderem kann auch die von der Bundesregierung geplante Einführung der Frühstartrente und des Altersvorsorgedepots dazu führen, sich stärker mit dem Thema Anlegen zu beschäftigen. Laut Studien befürworten 69 Prozent der Hessen die Frühstartrente. Sechs von zehn Einwohnern würden über die staatlichen Zuschüsse hinaus auch eigene Zuzahlungen leisten, 45 Prozent mit Beträgen von bis zu 50 Euro im Monat. Die Frühstartrente biete damit eine gute Möglichkeit, sich frühzeitig für seinen Nachwuchs mit der privaten Altersvorsorge auseinanderzusetzen und mit dem Investieren zu beginnen, so Hassanzadeh.