Mit Vigoleis durch Palma 1
vonSabine Schiffner 23.05.2026
Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.
Am Bremer Flughafen wird mein Handgepäck durchleuchtet. Etwas ist damit nicht in Ordnung. Der Mann an der Kontrolle zieht aus meinem Rucksack ein dickes Buch heraus und wischt es mit einem kleinen Papierstück ab, das er dann in einen Apparat steckt. Es scheint doch alles in Ordnung zu sein, denn ich bekomme meinen Rucksack mit dem Buch zurück. Er hat wohl nicht erkannt, was er eben in der Hand gehalten hat: Albert Vigoleis Thelens spektakulär revolutionäres literarisches Meisterstück: „Die Insel des zweiten Gesichts“, das das beste Buch über Mallorca ist, das nach George Sands „Ein Winter in Mallorca“ geschrieben wurde und außerdem das unbekannteste deutschsprachige Großwerk des 20. Jahrhunderts.
Dabei war der heute wohl als autofiktional zu bezeichnende 1000seitige Roman des Emigranten Albert Vigoleis Thelen, der nie wieder nach Deutschland zurückkehrte, bei seinem Erscheinen im Jahr 1952 durchaus ein Erfolg. Aber heute ist er (leider) so gut wie vergessen. In einer Zeit, in der der Tourismus und die Sucht nach Vergnügen insbesondere auf dieser Insel, auf der ich gerade bin und diese Zeilen schreibe, besonders ausgeprägt ist, kann der auch tourismuskritische Gehalt des Buches nicht auf viel Gegenliebe stoßen.







