Deutschland ist ein Land der späten Einsichten. Es wartet gern, bis aus Warnungen Gewissheiten geworden sind. Erst wenn die Brücke gesperrt, die Bahn verspätet, die Fabrik verlagert und die Rechnung unbezahlbar wird, beginnt hierzulande die Debatte darüber, ob man vielleicht früher hätte handeln sollen. Nun also schlagen Unternehmer Alarm. Reinhold Würth, Gründer des Würth-Konzerns, sieht das Land „auf das Ende des Seins“ zusteuern, Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des Maschinenbauers Trumpf, spricht von der dramatischsten Wirtschaftslage seit Kriegsende, Verbände warnen vor schleichender Deindustrialisierung. Den Ton mag man überzogen finden. Aber nicht die Richtung.Denn die Krise Deutschlands ist nicht allein wirtschaftlicher Natur. Sie ist auch mental. Ein Land, das Jahrzehnte von seiner industriellen Kraft, seiner Ingenieurskunst und seiner politischen Verlässlichkeit lebte, hat sich daran gewöhnt, dass Erfolg ein Naturzustand sei. Er ist es nicht. Wohlstand ist kein Denkmal, sondern tägliche Arbeit.Die Bundesregierung steht deshalb vor einer Aufgabe, die größer ist als das nächste Konjunkturprogramm. Sie muss Deutschland stabilisieren – und auch noch neu ausrichten. Vor allem aber muss sie den Menschen wieder erklären, wohin dieses Land eigentlich will. Daran fehlt es aber derzeit: an Richtung, Priorität und Tempo.Was also muss geschehen?Viele junge Menschen arbeiten hart, aber sie erleben einen Staat, der Leistung oft bestraft statt belohnt.Stephan-Andreas CasdorffErstens: Deutschland braucht einen radikalen Mentalitätswechsel – im Staat. Nicht der Bürger ist für die Verwaltung da, sondern die Verwaltung für den Bürger und die Unternehmen. Wer heute eine Fabrik bauen, ein Windrad genehmigen oder ein Start-up gründen will, kämpft sich durch Formulare, Zuständigkeiten und Einspruchsschleifen wie durch eine neue Version von Kafka.Das Land erstickt nicht an Ideenmangel, sondern an Verfahren. Eine Bundesregierung, die es ernst meint, müsste binnen eines Jahres ein nationales Entbürokratisierungsprogramm durchsetzen: digitale Verwaltung, Genehmigungsfristen, weniger Berichtspflichten, mehr Vertrauen statt Misstrauenskultur.Zweitens: Energie muss bezahlbar werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Die deutsche Industrie kann auf Dauer nicht mit Strompreisen arbeiten, die Wettbewerber in Amerika oder Asien nur aus Horrormeldungen kennen. Wer industrielle Wertschöpfung erhalten will, benötigt einen Energiemix, der ideologiefrei gedacht wird: mehr Netzausbau, schnellere Genehmigungen, langfristige Lieferverträge, europäische Kooperation – und Ehrlichkeit darüber, dass Versorgungssicherheit ein Standortfaktor ist. Für eine neue Kultur des Unternehmertums Drittens: Arbeit muss sich wieder lohnen. Die Debatte über die angebliche „Bequemlichkeit“ jüngerer Generationen führt nicht weiter. Viele junge Menschen arbeiten hart, aber sie erleben einen Staat, der Leistung oft bestraft statt belohnt. Hohe Abgaben, steigende Mieten, unsichere Renten. Wer mehr Eigenverantwortung will, muss auch mehr Aufstieg ermöglichen. Deutschland braucht niedrigere Steuern auf Arbeit, bessere Bedingungen für Selbstständige und eine neue Kultur des Unternehmertums. Es darf nicht länger attraktiver sein, Förderanträge zu schreiben, als Unternehmen zu gründen.Viertens: Die Bundesregierung muss Europa strategisch verstehen. Zu lange hat Deutschland geglaubt, Exportweltmeisterschaft sei eine Art außenpolitisches Konzept. Nun drängt China mit seinen Produkten auf die Märkte, und Amerika schützt seine Industrie aggressiv. Berlin wirkt dabei oft zögerlich, einige meinen: manchmal naiv. Europa kann aber wirtschaftlich bestehen. Wenn es technologische Souveränität bei KI, Halbleitern, Maschinenbau, Pharma und Energie verteidigt. Und wenn es investiert, gemeinsame Industriepolitik macht und den Mut hat, eigene Interessen offensiv zu vertreten.Und schließlich: Politik braucht wieder Zutrauen ins Land. Deutschland redet sich seit Jahren kleiner, als es ist. Sicher, die Probleme sind erheblich. Aber dieses Land hat noch immer starke Unternehmen, exzellente Forschung, gut ausgebildete Fachkräfte und eine industrielle Basis, von der viele andere nur träumen können. Deshalb: Resignation ist keine Option.Die Menschen akzeptieren Zumutungen, wenn sie einen Plan erkennen. Was sie nicht akzeptieren, ist ein Staat, der den Eindruck erweckt, selbst nicht mehr an seine Zukunft zu glauben.Die Bundesregierung muss nun zeigen, dass sie führen kann, schnell, klar, mutig. Nicht mit Sonntagsreden über Transformation, sondern mit Entscheidungen. Deutschland braucht keine neue Panik. Es braucht einen neuen Ernst.