Dass der amerikanische Traum, von Müllabfuhrdienst-Betreibern zu Reality-Stars, noch lebt, beweist eine Großfamilie seit Jahren. Von Kylie Jenner bis Kim Kardashian – wer zur Riege jener Dynastie gehört, kann sich des Ruhms sicher sein, zumindest wenn man die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie gekonnt bespielt. Nicht ohne Grund hatte eine Journalistin schon 2014 den Kardashian-Clan als „schrecklich bekannte Familie“ bezeichnet.Im Bewusstsein, dass der Erfolg von Kim und Co. pars pro toto für eine Transformation der Öffentlichkeit stehe, hatte der Professor Neil Hall im gleichen Jahr einen „Kardashian Index“ für die Wissenschaft ausgerufen. Ein „Science Kardashian“ sei jemand, der für seine Bekanntheit eingeladen oder zitiert werde – oder in anderen Worten: jemand, der berühmt für seine Berühmtheit sei. Quantifizierbar wird Prominenz bei Hall dabei durch Twitter (heute: X): Wer viele Follower habe, werde öfter zitiert. Doch nur wer ein besonders unausgeglichenes Verhältnis von Followern und Zitationen vorweise, könne sich einen aufrichtigen „Science Kardashian“ nennen.Per „Twitter-Star“ zum anerkannten Experten?Was bei Hall noch als humoristisches Pejorativum intendiert war, hatte in der COVID-19-Pandemie konkrete Auswirkungen. Eine neue Studie von Christian Leßmann, Ali Önder und Maximilian Rose zeigt das jetzt eindrücklich: Wer vor der Pandemie in relevanten Disziplinen publiziert hatte und in der Pandemie zugleich ein „Twitter-Star“ war, erhielt 4–5 % mehr Zitationen auf frühere Publikationen. Zwar konnten die Ökonomen der TU Dresden und der University of Portsmouth nicht bestätigen, dass jeder zusätzliche Follower mehr Zitationen bringe, aber allein die Mitgliedschaft in der Star-Gemeinde würde als Reputationsgewinn zu mehr Zitationen führen.Wer also zahlreiche Follower in Sozialen Medien hinter sich versammelt und zum „Twitter-Star“ aufsteige, könne sich Hoffnung auf akademischen Erfolg machen. Egal ob Twitter oder Bluesky: Was zähle, sei die Sichtbarkeit in der Wissenschaftsgemeinde, so die Ökonomen. Doch wenn medialer Erfolg ein Garant dafür ist, als Experte wahrgenommen zu werden – was folgt daraus? Brauchen Forscher einen Instagram-Account mitsamt „home stories“? Müssen sie polarisieren wie Kim oder Kylie? Wenn Twitter-Persönlichkeit zu sein gute Forschung ersetzt, werden Soziale Medien und nicht mehr die Wissenschaft zum Berufsbild. Oder muss in Zeiten digitaler Aufmerksamkeitsökonomien vielleicht doch beides Hand in Hand gehen?