Mit seiner Suche nach den passenden Worten hat Ben Hüning am Freitagabend beinahe so viel Mühe wie mit seinen vielen Duellen mit Noel Futkeu, dem Torschützenkönig der Zweiten Bundesliga. Irgendwann spricht der Verteidiger von Rot-Weiss Essen von einer „unglaublichen Explosion“, die der Freistoßtreffer zum 1:0-Hinspielsieg gegen Greuther Fürth in der Relegation ausgelöst habe, das Stadion an der Hafenstraße sei „unfassbar laut“ gewesen.Und wenn am Dienstagabend (20.30 Uhr/live bei Sky) im Rückspiel tatsächlich der Aufstieg in die zweite Liga gelingt, wird es noch wilder werden. Essen erlebt nach Jahrzehnten voller Schmerz gerade Tage des RWE-Überschwangs, wie sie auch Anhänger mittleren Alters noch nicht erlebt haben. Angeblich hätte der Klub 80.000 Tickets für das Spiel verkaufen können. „Es ist Wahnsinn, was hier los ist“, sagt Hüning, „dieser Verein gehört nach so schwierigen Zeiten auf jeden Fall in die Zweite Bundesliga.“ Denn es ist Zeit, den großen Erinnerungen etwas Neues entgegenzusetzen.Hrubesch, Lippens, Mill und Helmut RahnAls Rot-Weiss Essen zuletzt an einem Relegationsduell teilnahm, ging es gegen den 1. FC Nürnberg um den Aufstieg in die Bundesliga, 1978 war das. Der junge Horst Hrubesch verschoss kurz vor Schluss des Rückspiels einen entscheidenden Elfmeter. In diesen historischen Dimensionen wird gedacht bei RWE.Glücksbringer: die Helmut-Rahn-Statue in Essenimago/Sven SimonDas bis hierher letzte Zweitligaspiel absolvierte der deutsche Meister von 1955 vor 19 Jahren; zwischenzeitlich spielte der Klub nach einer Insolvenz sogar in der fünften Liga. Aber in den Herzen der Menschen spielt RWE immer eine große Rolle. Der ikonische Willi „Ente“ Lippens ist in all den Jahren regelmäßig zu Gast gewesen. Am Freitag beim Hinspiel war auch der gebürtige Essener Otto Rehhagel da. Hrubesch wird seinem Heimatverein immer verbunden bleiben.Vom kürzlich verstorbenen Frank Mill wird hier sowieso bis heute geschwärmt, und vor dem Spiel gegen Fürth am Freitag streicheln viele Fans hinter der Westtribüne die Statue des Essener WM-Helden Helmut Rahn von 1954. Das soll Glück bringen. Nachdem die Statue im Mai von Unbekannten beschädigt worden und zur Reparatur in einer Werkstatt war, verlor RWE alle drei Partien und verspielte den direkten Aufstieg. Zufall? Eher nicht, sagen viele. Seit Rahns Rückkehr hat das Team alle drei Spiele gewonnen.Im Spielertunnel zwischen den Kabinen und dem Rasen hängt an der Hafenstraße eine Bronzeplastik des Beins, mit dem Franz Islacker 1955 trotz schwerer Knieverletzung im Finale um die deutsche Meisterschaft drei Tore zum 4:3-Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern geschossen hat. Auch an diesem Kunstwerk werden Glücksrituale ausgeführt. Am Freitag hat all das gut funktioniert, als die Mannschaft mit viel Hingabe die individuell zweifellos deutlich besser besetzten Fürther niederrang.Der Pfosten von DuisburgAllein der Fürther Stürmer Noel Futeku hat einen höheren Marktwert als die gesamte Essener Startelf, was aber über die enormen Potentiale des Außenseiters aus dem Herzen des Ruhrpotts hinwegtäuscht, in dem so viel mehr steckt. Auf dem Portal der „WAZ“ sind zwischen dem Abpfiff des Hinspiels am Freitag und Samstagabend 16 Artikel zu dem Duell erschienen, vom klassischen Spielbericht über eine Einzelkritik, Texte zu Einschaltquoten und Expertenmeinungen bis zu einem Stück über die Hintergründe des Pfostencoups.Essener Anhänger hatten vor dem Spiel einen gestohlenen Pfosten aus dem Stadion des MSV Duisburg präsentiert. Nicht zuletzt dank eines Treffers des Rivalen an dieses Aluminiumgestänge in der Nachspielzeit am letzten Spieltag hatte RWE den MSV noch vom Relegationsplatz verdrängt. Weil den Essenern – ebenfalls in der Nachspielzeit – ein Siegtor in Ulm gelang. Das nährt die Hoffnung auf ein Ende der ewigen Unglückszeit. Denn seit mindestens einem halben Jahrhundert gelten die Essener als größter Verliererverein des Ruhrgebiets, wo es wahrlich viele Klubs gibt, die tief gestürzt sind.Zuletzt ist der Klub jedoch wirtschaftlich gesundet. Die Stadt und die Unternehmen aus der Region haben nach schwierigen Jahren wieder Vertrauen gefasst. Nach einem zähen Hin und Her wird ab dem Sommer endlich das Stadion auf ein Fassungsvermögen von 26.608 Zuschauern ausgebaut; wenn die Ecken geschlossen sind, wird die Atmosphäre hier noch intensiver werden. Mit einem Aufstieg würden sich die Einnahmen aus der Fernsehvermarktung von etwa 1,3 Millionen Euro auf sieben Millionen Euro mehr als verfünffachen. Und der Kreis potentieller Sponsoren ist groß in der Stadt. Aber selbst wenn das Aufstiegsprojekt missglückt, bleibe die „positive Gesamterwartung“ bestehen, haben die Vorstände Marc-Nicolai Pfeifer und Alexander Rang im Frühjahr bei der Vorstellung der Bilanzzahlen erklärt.Der alte Hang zum Abgrund besteht nur noch in der Fanszene. Dort sorgte im Herbst ein Flyer mit der Forderung „Keine Weiber in der ersten Reihe“ für Empörung, und gerade deckte ein Beitrag im ARD-Magazin „Monitor“ auf, dass rechtsextreme Gruppierungen stark präsent sind im Stadion an der Hafenstraße, wo Nachwuchs rekrutiert werden soll. Nicht wenige Essener hoffen, dass ein Aufstieg und die damit verbundenen Einnahmen auch an dieser Stelle helfen würden, weil wirksamere Präventionsmaßnahmen finanzierbar wären.